Zur Ausgabe
Artikel 25 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Alan im Wunderland

Geschichte wiederholt sich doch: Die USA sorgen sich um Kursverluste an den Börsen. Alles schon mal da gewesen - vor zehn Jahren in Japan.
aus manager magazin 2/2001

VON HENRIK MÜLLER

Es war einmal eine Nation, die glaubte unbezwingbar zu sein. Vom Rest der Welt wurde sie bewundert, geachtet, gefürchtet. So wähnte sie sich angekommen im Wunderland. Ihre Reichtümer schienen ins Unermessliche zu wachsen. Ihre tüchtigsten Kaufleute wurden gefeiert wie drachentötende Helden in schimmernder Rüstung. An den Märkten für Kapitalien schossen die Preise hoch, höher, immer höher und machten viele Bürger reich, über- und hoch- mütig.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern sie noch heute?

Von wegen. Dies ist kein Märchen, sondern eine Geschichte ohne Happyend. Eine Geschichte, die beschreibt, wie Menschen immer wieder die gleichen Fehler machen. Eine Geschichte, die von zwei Wunderländern handelt - von Japan und den USA.

Zur Erinnerung: In den 80er Jahren erlebte Japan einen beispiellosen Aufschwung. Jahrelang wuchs die Wirtschaft kräftig, ohne dass die Inflation gestiegen wäre. Voller Vertrauen in die Zukunft investierten die Unternehmen. Der Yen war bullenstark. Die Börse hob ab.

Dass die Preise für Aktien und Immobilien in unbekannte Höhen stiegen, erschien damals nur gerechtfertigt: Schließlich war es die japanische Industrie, die in einer Branche nach der anderen die globale Führung übernahm - Autos, Elektronik, Optik. Niemand produzierte damals so effizient wie die Japaner. Und sie wurden immer produktiver. Die alten Regeln der Ökonomie schienen nicht mehr zu gelten.

Ganz ähnlich das Bild, das in den vergangenen Jahren die USA boten. Von 1991 an erlebte Amerika einen beispiellosen Aufschwung. Die Wirtschaft wuchs kräftig, ohne dass die Inflation gestiegen wäre. Voller Vertrauen in die Zukunft investierten die Unternehmen. Der Dollar war bullenstark. Die Börse hob ab.

Kasten oben). Offenbar folgt Amerika dem gleichen Muster wie Japan: Boom, Crash, Eiszeit.

Wie konnte es zu einer derart rapiden Klimaverschlechterung kommen?

Zumindest mitverantwortlich sind die Notenbanken. Sowohl in Japan als auch in Amerika haben sie nicht nur zugeschaut, wie die Börsenblasen dicker und dicker wurden. Sie haben sogar kräftig mitgepumpt. Die Überversorgung der Wirtschaft mit Geld schlug sich aber nicht in klassischer Inflation - steigenden Verbraucherpreisen - nieder, sondern in aufgeblähten Aktien- und Immobilienpreisen. Eine verführerische Konstellation: Die politische Ökonomie der Blase sorgt dafür, dass die langfristigen Kosten einer freigebigen Geldpolitik ausgeblendet bleiben. Solange die Kurse steigen und die Verbraucherpreise stabil sind, bekommen Notenbanker und Politiker allerseits Beifall. Wer will da schon frühzeitig gegensteuern? Im Zweifel siegen Opportunismus und Eitelkeit.

Zugegeben: Während eine Blase sich aufbläht, kann man kaum erkennen, ob die Kurssprünge nicht doch gerechtfertigt sind. Viele Argumente klingen höchst überzeugend - vom japanischen Produktivitätswunder über die globale Fusionswelle der letzten Jahre bis zur heraufziehenden Internet-Ära. Die Notenbank steht vor einer schwierigen Entscheidung: Tritt sie zu früh auf die Bremse, würgt sie die Wirtschaft ab und vergibt so Wachstumschancen. Wartet sie zu lange, entsteht eine derart voluminöse Kursblase, dass deren Platzen erst recht in die Rezession führt. Ein Dilemma, einerseits.

Andererseits hat Amerikas Geld-Gott Alan Greenspan schon lange verstanden, welches Spiel da gespielt wird. Bereits 1996 warnte der angebetete Chef der US-Notenbank vor "irrationaler Übertreibung" an den Börsen. Gehandelt hat er indes anders: Jedesmal, wenn die Kurse ins Rutschen kamen, hat er ihnen mit einer Zinssenkung wieDass die Preise für Aktien in unbekannte Höhen stiegen, erschien nur gerechtfertigt: Schließlich war es Amerikas Wirtschaft, die als erste eine "New Economy" entwickelt hatte. Nirgends sonst wurde so viel in Com-puter, Netzwerke und Software investiert. Nirgends sonst ist die Internet-Nutzung so verbreitet. Die US-Wirtschaft wurde immer produktiver. Die alten Regeln der Ökonomie schienen nicht mehr zu gelten.

Doch das ist nur der erste, der schöne Teil der Doppel-Geschichte.

Der zweite, der hässliche Teil, geht so: 1990 brachen in Japan die Aktien- und Immobilienmärkte ein - die große spekulative Blase platzte. (Heute liegt der Nikkei-Index bei nur einem Drittel des einstigen Höchst- stands.) Nach dem großen Knall wurde die Lage ungemütlich. Die Bürger saßen auf massiv entwerteten Vermögen. Die Unternehmen plagten sich mit gigantischen unausgelasteten Produktionskapazitäten. Die Banken litten, weil ihr Aktien- und Immobilienbesitz abgewertet war und zugleich viele Gläubiger ihre Kredite nicht bedienen konnten. Deshalb hielten sie sich mit der Vergabe neuer Kredite zurück - ein "credit crunch" drehte der Wirtschaft die Kapitalzufuhr ab. Investitionen, so sie denn überhaupt jemand tätigen wollte, waren kaum noch finanzierbar.

Seit die Blase platzte, ist Japan das Land der unter-gehenden Sonne. In den vergangenen acht Jahren ist die Wirtschaft um zusammen nur 7 Prozent gewachsen. Es herrscht Deflation. Die Notenbank hat die Zinsen auf null gedrückt. Und die Regierung hat mit neun schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen sagenhafte 2200 Milliarden D-Mark in die Wirtschaft gepumpt. Ohne Wirkung.

Kommt nun auf Amerika das gleiche Schicksal zu - feiern, bis die Blase platzt?

Nicht auszuschließen. Gewinnwarnungen ehemaliger Börsenstars wie Microsoft drücken die Aktien. Längst hat der Verfall der Kurse die reale Wirtschaft erreicht (siehe der aufgeholfen - 1998, als die Russland-Krise und der Fast-Zusammenbruch des Fonds Long Term Capital Management das Finanzsystem erschütterten; nun Anfang 2001, da die Alarmsignale aus der US-Wirtschaft lauter werden (siehe Grafiken oben). Eine gefährliche Strategie, weil sie den Leichtsinn der Börsianer fördert und die Effizienz der Finanzmärkte stört. Am Ende droht der Wirtschaft dann ein noch heftigerer Einbruch.

Und die Moral dieser Geschichte?

Erstens: Die Notenbanken sollten ihre Geldpolitik künftig an einem weiten Inflationsbegriff ausrichten, der nicht nur Preise für Güter und Dienstleistungen, sondern auch Preise für Vermögenswerte umfasst. Motto: Stecht die Blase, sobald ihr sie erkennt!

Zweitens: Kommt es zur Implosion, sollte die Notenbank mit schnellen Zinssenkungen die Lage entspannen. Insofern war die letzte Greenspan'sche Zinssenkung vom Januar vielleicht etwas voreilig, aber prinzipiell richtig. Die Notenbank muss verhindern, dass die Wirtschaft in eine Deflationsspirale à la Japan rutscht.

Drittens: Den Bankensektor schnell aufräumen - faule Kredite abschreiben, unrettbare Banken Pleite gehen lassen. Die japanische Regierung hat diese Reinigung zu lange verzögert. Ein Grund für die Dauer der Krise.

Viertens: Liberalisieren - je flexibler eine Volkswirtschaft ist, desto schneller wird sie die negativen Folgen einer geplatzten Blase verdauen.

Die US-Regierung wird keine Banken retten. Außerdem ist Amerikas Wirtschaft ungleich flexibler, als es die japanische vor zehn Jahren war und heute noch ist. Insofern sind die Aussichten für die USA besser als für Japan.

Doch Amerika wird leiden. Wie tief das Land stürzt, ist noch nicht sicher. Sicher aber ist eines: Die Geschichte von "Alan im Wunderland" ist definitiv zu Ende. u

-------------------

Flucht vor dem Risiko

Die Stimmung in den USA verschlechtert sich derzeit rapi- de. Konsumenten und Unternehmen blicken pessimistischer in die Zukunft. Kapitalgeber flüchten aus Risikoanlagen, was sich daran ablesen lässt, dass die Renditedifferenz zwischen Staats- und Unternehmensanleihen zugenommen hat. Banken halten sich bei der Kreditvergabe zurück. Ob es Zentralbank-Chef Alan Greenspan noch einmal gelingt, mit Zinssenkungen das Ruder herumzureißen?

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 25 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel