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Holtzbrinck Ächzen und Stöhnen

Der schwäbische Medienmulti baut sich um. Nicht nur zur Freude der Belegschaft.
Von Klaus Boldt
aus manager magazin 12/2008

Die in der Medienbranche herrschenden Angstzustände angesichts einer Rezession und rapide fallender Werbeeinnahmen greifen nun auch auf die stille Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe über, das vornehmste und viertgrößte Medienunternehmen (Umsatz: 2,5 Milliarden Euro) des Landes.

Der Familienbetrieb, eine hochwertige Komposition von Titeln des gehobenen Lektürebedarfs wie "Zeit", "Tagesspiegel" oder "Handelsblatt", dazu etlicher Regionalzeitungen, Buch- und Prachtverlage, schien lange Zeit gefeit - zwar nicht gegen die Unbilden der Konjunktur, aber doch gegen die dadurch ausgelösten Unmutsbezeugungen seiner Bediensteten. Bei Holtzbrinck publizieren über 50 Nobelpreisträger; Altkanzler Helmut Schmidt (89) ist Herausgeber der "Zeit": Hier genügte als Zeichen der Bekümmernis bislang ein Räuspern oder auch einmal deren zwei.

Indes, die krisenhaften Branchenprozesse, verstärkt durch die Panikmache einiger deutscher Verlagsmanager, haben die Dinge aufgerührt: Bei Holtzbrinck wird dieser Tage gemeckert und gemault, als sei man bei Gruner + Jahr.

Die stramm auf das Internet ausgerichtete Marschroute von Firmenchef Stefan von Holtzbrinck (45) und seinem Jugendfreund und Vizekommandierenden Jochen Gutbrod (45) erzeugt Verwirrung, nicht nur unter den konservativen Kräften des Hauses. Pragmatismus treibt die Oppositionellen an.

Für 2008 rechnet man zwar mit leicht steigendem Umsatz und fallendem Gewinn (2007: 222 Millionen Euro). Aber schon das nächste Jahr, sagt Gutbrod, werde "schwieriger". Nun wäre es kein Nachteil, meinen seine Kritiker, wenn das Digitalgeschäft wenigstens Gewinne abwürfe. Doch dies tut es mitnichten: Der operative Verlust summiert sich 2008 auf fast 40 Millionen Euro.

Und so kommt es, dass sich nicht wenige im Hause den früheren Berater und Banker Gutbrod weit weg wünschen. "Ich habe auch schon gehört, dass ich angeblich an Einfluss verlieren würde", sagt Gutbrod, freilich mit munterem Ton in der Stimme und darauf anspielend, dass er das Finanzressort jüngst niedergelegt hat, um sich auf seine "operativen Aufgaben konzentrieren zu können. Insofern ist mir dieses Gerede wurscht."

Etliche Manager haben den Betrieb in den vergangenen Wochen verlassen, ja: so viele wie nie zuvor in so kurzer Zeit. Manche wurden vor die Tür gesetzt, andere wechseln zur Konkurrenz und sind schwer zu ersetzen, wie etwa Harald Wahls, der Kopf des Vermarkters GWP.

Doch es sind nicht die Personalrochaden allein, die den Stamm ängstigen - befürchtet wird ein Verlust von Kontinuität und Identität: "Hier geht's nur um Excel Sheets und Deals", sagt ein Manager. "Aber das war nie Holtzbrinck-Stil."

Gutbrod folgt nach eigenem Dafürhalten einer Doppelstrategie: Eine Hälfte der Investitionen fließt ins Internet-, die andere ins Stammgeschäft. Das sei eine "vernünftige Aufteilung". Doch die Online-Firmen tragen mit rund 300 Millionen Euro nur ein Achtel zum Umsatz bei, während sie 50 Prozent der Mittel beanspruchen. Vielen passt das nicht.

In den vergangenen zwei Jahren investierte Holtzbrinck rund 150 Millionen Euro in Gründung oder Kauf von Internetfirmen - in der trügerischen Hoffnung, sie zu einem guten Preis weiterverkaufen zu können. Besonders die für 85 Millionen Euro erworbene Kontaktbörse StudiVZ bereitet Verdruss: Die Vermarktung ist mühevoll und beschwerlich. Im Oktober sah sich Gutbrod veranlasst, StudiVZ-Leiter Marcus Riecke (42) seines Amtes zu entheben.

2010, kündigt der forsche Vize nun an, werde StudiVZ "über 30 Millionen Euro" mit Anzeigen umsetzen, schon Ende 2008 würden "über zehn Millionen" erzielt. Intern werden diese Angaben stark bezweifelt: Nur acht Millionen Euro seien in diesem Jahr geplant gewesen, und selbst die würden kaum erreicht.

Von Misslichkeiten lässt sich Gutbrod keineswegs bremsen. Er will den Konzernumbau auch durch Verkäufe beschleunigen. Er selbst bestreitet dies, Gewährsleute von "FAZ" und WAZ-Gruppe aber bezeugen, dass ihnen die "Wirtschaftswoche" beziehungsweise das "Handelsblatt" angeboten wurden.

Im Sommer, auf der Holtzbrinck-Jahrestagung, hielt "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo (49) in launiger Manier eine Predigt des Inhalts, dass die Verleger ihr Kerngeschäft pflegen und nicht schlechtreden sollten. Es gab viel Beifall. "Klassische Journalisten mit hohem Qualitätsanspruch", lacht Gutbrod, "hadern natürlich manchmal beim Thema Blogging, Internet- oder Dating-Geschäft." Klaus Boldt

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