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Siemens Achse des Bösen

Das Desaster beim Schnellzug ICE wächst sich aus. Der Verkehrssparte droht ein Totalschaden.
aus manager magazin 12/2008

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy (53) macht Druck in Sachen Bahntechnik: "Unser Land könnte Weltmarktführer im Schienenverkehr sein", schrieb er in diesem Jahr an den Chef der Staatsbahn SNCF. Und er legte ihm nahe, in aller Welt Werbung für den französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV der Firma Alstom zu machen.

Gut möglich, dass die Franzosen auch hier zu Lande bald zum Zug kommen. Ausgerechnet der deutsche Bahn-Chef Hartmut Mehdorn (66) interessiert sich neuerdings für das französische Prestigeprodukt. Mehdorn erwägt, TGV-Züge als Ersatzfahrzeuge für jene 130 ICE-Gespanne einzusetzen, die wegen Achsproblemen für längere Zeit in die Werkstatt müssen.

Rein technisch betrachtet, könnte der TGV ohne Weiteres auch auf deutschen Gleisen Tempo aufnehmen. Aus wirtschaftlicher Sicht wäre der Fahrzeugwechsel aber katastrophal - zumindest für Peter Löscher (51), den Siemens-Chef.

Siemens ist Führer des Konsortiums, das den ICE herstellt, und kämpft gerade mit einiger Verzweiflung und einem Einsatz von bislang wohl 350 Millionen Euro darum, den Geschäftsbereich Verkehrstechnik flottzumachen. Im abgeschlossenen Geschäftsjahr (30.9.) musste Löscher in der Sorgensparte ein Minus von 230 Millionen Euro verbuchen.

Der ICE und seine Auslandsableger für Spanien, Russland und China bilden das Aushängeschild der Siemens-Bahntechnik. Wenn der Hochgeschwindigkeitszug nicht läuft, steht die Zukunft der gesamten Sparte auf dem Spiel.

Denn in etlichen der übrigen Bahnsegmente hat Siemens in den letzten Jahren deutlich an Geschäft verloren. Bei Regionalzügen etwa konnten die Deutschen zuletzt lediglich im Ausland, in Belgien oder Großbritannien, größere Aufträge hereinholen - allerdings wohl nur zu Kampfpreisen, wie Branchenkenner meinen. Auf dem deutschen Markt setzten sich meist die Wettbewerber Alstom und Bombardier durch. Das gilt auch für Straßenbahnen - ein Geschäft, in dem Siemens einst Marktführer war.

Externe, die in die Bahnwelt von Siemens Einblick nehmen können, sind zuweilen entsetzt über die Zustände dort. "Das Grundproblem bei Siemens ist der Fahrzeugbau", sagt ein Experte, "den beherrschen sie nicht." Das belegt etwa das Fiasko der Straßenbahn "Combino". Deren Konstruktionsmängel kosteten Siemens Hunderte Millionen.

Bislang ist unter dem Regime von Löscher und seinem mathematisch versierten, in Bahnangelegenheiten aber unerfahrenen Verkehrstechnikleiter Hans-Jörg Grundmann (53) kein grundsätzlicher Wandel auszumachen. Grundmann will lediglich die Kapazität zurückfahren und ein Werk schließen - ausgerechnet im lohnkostengünstigen Prag. Außerdem sollen vermehrt Komponenten von Zulieferern bezogen werden. Eine beherzte Sanierung sieht anders aus.

Konsequenter wäre es, den in den 90er Jahren zugekauften Fahrzeugbau abzugeben und sich wieder auf die angestammte Antriebstechnik zu konzentrieren. Dem Konzernchef wurde von Branchenexperten auch vorgeschlagen, die Sparte mit Investitionen von fünf bis zehn Milliarden Euro aufzurüsten - oder aber sie ganz abzustoßen.

All das lehnt Löscher bislang wohl ab. Nun muss der Markt das Urteil fällen. Allen voran der Chef der Deutschen Bahn.

Sollte Mehdorn tatsächlich auf den französischen TGV als Zwischenlösung setzen, würde das auch die Chancen von Hersteller Alstom verbessern, den Nachfolger für den bisherigen deutschen Hochgeschwindigkeitszug zu liefern.

Mit bis zu 300 Zügen wird dies der größte Auftrag in der deutschen Bahngeschichte sein. Thomas Werres

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