Lukas Heiny

Der Tag im Überblick Kopflos in Berlin

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Zalando in der Krise, Aufspaltungsplänen bei EY und den Warnungen des RWE-Chefs.

Das Jahr begann für die Zalando-Gründer und Co-Chefs Robert Gentz und David Schneider desaströs. Erstmals in der Geschichte des nach SAP inzwischen zweitwichtigsten deutschen Digitalkonzerns schrumpfte das Geschäft. Im ersten Quartal rutschte der Modehändler noch dazu in die roten Zahlen, mit minus 68 Millionen Euro unter dem Strich. Das Topmanagement hatte Fehler begangen: Viel zu viel Ware eingekauft, da man Lieferkettenchaos befürchtete – und vor allem die falschen Textilien: Jogginghosen wollte nach Corona einfach keiner mehr.

Kann passieren, klar. Tatsächlich aber reichen die Probleme weit über ein vergurktes Quartal hinaus, wie meine Kollegen Christina Kyriasoglou und Jonas Rest recherchiert haben.  Investoren bezweifeln zunehmend, dass Zalandos langfristiger Plan aufgeht, als Plattform für Kunden und Händler ein gewinnträchtiges Geschäft zu etablieren. Nach dem Abgang von Co-CEO Rubin Ritter sei Zalando kopflos, die Stimmung extrem negativ. Eine Reihe Topleute ist bereits davongelaufen.

Auf der Suche nach Erklärungen, hörten meine Kollegen immer wieder einen Namen: Jim Freeman. Der frühere Amazon-Manager galt vielen intern als Hoffnungsträger, im Vorstand ist er der neue starke Mann, ein "De-facto-CEO". Doch inzwischen gilt er vielen als Fehlgriff und Schuldiger zugleich. Aber lesen Sie selbst: Warum Zalando gefährlich ins Taumeln gerät. 

Fashion Victim: Zalando-Mitgründer Robert Gentz griff bei der Besetzung von Führungsposten daneben

Fashion Victim: Zalando-Mitgründer Robert Gentz griff bei der Besetzung von Führungsposten daneben

Foto:

Stephan Floss

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • EY prüft die eigene Aufspaltung: Nach mehreren Skandalen – Stichwort: Wirecard – stehen die Wirtschaftsprüfer gewaltig unter Druck. Aufsichtsbehörden vermuten Interessenkonflikte zwischen Prüf- und parallel betriebenem Beratungsgeschäft und fordern die Trennung. EY spielt nun offenbar genau solche Pläne durch. Die Wirtschaftsprüfer könnten in eine eigene Firma ausgegliedert werden – sollten die Pläne, die EY nicht kommentiert, denn umgesetzt werden. Faktisch spürt man die neue Realität ohnehin: Die Partnerinnen und Partner verzichten eher auf ein Prüfmandat, um das margenstarke Consultinggeschäft zu sichern.

  • Der Bundesbankchef fordert gleich mehrere Zinserhöhungen: Nachdem zu Beginn dieser Woche die EZB-Präsidentin Christine Lagarde angesichts der aktuellen Inflation den Kurs für Zinserhöhungen skizziert hat, legt Joachim Nagel nach. Er fordert eine Art Zinsbooster, mit mehreren Schritten in der zweiten Jahreshälfte. Die Lage der deutschen Wirtschaft sei zwar aktuell "robust", die Inflation aber werde "nicht über Nacht sinken".

  • Mercedes-Benz hat ein Softwareproblem: In den USA muss der Stuttgarter Autohersteller insgesamt rund 255.000 Fahrzeuge in die Werkstätten zurückbeordern, um ihnen ein Softwareupdate zu verpassen. Betroffen sind Pkw und Vans aus den Baujahren 2017 bis 2022. Das Dumme: Die Zahl der Mercedes-Rückrufe ist in den vergangenen Monaten ziemlich hoch.

  • Aufstieg für Beiersdorf und Rheinmetall: Nach der üblichen Überprüfung zur Zusammensetzung des deutschen Leitindex Dax40 durch die Deutsche Börse zeichnet sich ein Wechsel ab. Der Kosmetik-und-Nivea-Konzern Beiersdorf wird vermutlich den Essenslieferdienst Delivery Hero ersetzen, dessen Kurs zuletzt dramatisch eingebrochen war. Für Beiersdorf wäre es der zweite Aufstieg binnen eines Jahres. Und noch ein Wechsel zeichnet sich ab: Der Rüstungskonzern Rheinmetall könnte HeidelbergCement ersetzen.

Was uns sonst noch wichtig ist:

Der Energiewender: RWE-Chef Markus Krebber will die Atom- und Kohleära des Konzerns beenden und durch Erneuerbare ersetzen

Der Energiewender: RWE-Chef Markus Krebber will die Atom- und Kohleära des Konzerns beenden und durch Erneuerbare ersetzen

Foto:

Dominik Asbach/laif

  • Warnung vom RWE-Boss: Meine Kollegen Kirsten Bialdiga und Dietmar Student haben mit Markus Krebber über die neuen Spielregeln in der Energiewelt  gesprochen. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist dort ja nichts mehr wie es war. An russischen Gaslieferungen aber will Krebber festhalten, solange wie es die Politik wünscht. Ein plötzlicher Lieferstopp hätte "Konsequenzen, die mögen wir uns alle nicht vorstellen", so der Konzernchef. Gleichzeitig fordert er wesentlich mehr Hilfen von der Politik, etwa für Offshore-Windenergie, um die Industrie mit ausreichend Strom zu versorgen. Und den "sogenannten Aktivisten" spricht er die Kompetenz ab, seine Arbeit zu beurteilen.

  • Unsere Top-Geschichte zu Volkswagen, haben Sie vermutlich schon gelesen. Ansonsten empfehle ich Sie noch einmal dringend zur Lektüre: Warum Volkswagens Techvision scheitert. 

Meine Empfehlung – die aktuellen "Economist"-Highlights:

  • Chinas Slowdown: Kein Land profitierte so sehr von der Globalisierung wie China. Nun versucht Staatschef Xi Jinping die Ökonomie neu auszurichten und vom Westen abzukoppeln. Ein Versuch mit erheblichen Risiken. Zu lesen in der aktuellen Titelgeschichte des britischen Magazins, die Sie im Original auch bei uns lesen können. 

  • Leere Versprechen: Noch einmal China, aber aus anderer Perspektive. Angezogen vom Boom und dem scheinbar unbegrenzten Wachstum in dem Land, kamen auch viele Profi-Anleger aus dem Westen und investierten Milliarden in chinesische Aktien und Immobilien. Doch unter dem Eindruck des jüngsten Wandels, der Menschenrechtslage in der Uiguren-Provinz und der Zero-Covid-Politik herrscht Skepsis. Warum sich der Blick der Investoren auf China wandelt. 

Herzlich, Ihr Lukas Heiny

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.