Kai Lange

Der Freitag im Überblick Das Leben nach Wirecard und das Leben mit hoher Inflation

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit erstaunlichen Karrieren von Ex-Wirecard-Managern, erheblichen Steigerungen der Preise und ärgerlichen Gewinnmitnahmen in der Mineralöl-Industrie.

Zwei Jahre nach der Pleite von Wirecard ist einer der Drahtzieher des Milliardenbetrugs, Jan Marsalek, noch immer auf der Flucht. Ex-Wirecard-Chef Markus Braun sitzt seit 22 Monaten in Untersuchungshaft. Gegen ein paar Dutzend weitere Führungskräfte ermittelt die Staatsanwaltschaft. Doch was ist aus den übrigen Topmanagern des Dax-Konzerns geworden, die durch den wohl spektakulärsten Betrugsfall der deutschen Wirtschaftsgeschichte aus ihren Ämtern gefegt wurden? Unsere Kollegin Katharina Slodczyk hat sich auf Spurensuche begeben. Sie wurde unter anderem in der "Vinothek zum Fünferl" in Oberhaching fündig.

Dort hat der ehemalige Wirecard-Finanzvorstand Alexander von Knoop einen radikalen Neuanfang als Weinhändler gestartet. Während des legendären Presse-Statements vom Juni 2020, in der Braun erstmals von einem "Betrugsfall erheblichen Ausmaßes" spricht, steht Knoop noch mit versteinerter Miene neben seinem Ex-Chef. Nun verkauft er ganz entspannt Weine und andere Spezialitäten aus Österreich – und erhält von seinen Kunden Bestnoten für Freundlichkeit und Service.

Die Mehrheit der gefallenen Wirecard-Manager hat den Neuanfang geschafft, lautet Slodczyks Fazit. Wirecard-Teamleiter Christian Reindl zum Beispiel hat mit seinem Kollegen Jannis Riesz den Sprung in die Selbstständigkeit geschafft und die Beratungsfirma "Flipmode" gegründet. Ex-Compliance-Chef Daniel Steinhoff unterstützte nach der Pleite den Insolvenzverwalter Michael Jaffé bei den Aufräumarbeiten. Fast die Hälfte der damals rund 5700 Beschäftigten von Wirecard wurde von Konkurrenten übernommen. Firmen wie Visa, Deutsche Bank oder Compugroup gaben den Software-Fachkräften eine zweite Chance.

Dauerhafte Schrammen hat dagegen eine Gruppe abbekommen, die gar nicht direkt für Wirecard arbeitete: Aufsichtsräte, Finanzaufseher, Banker. Dazu gehört die ehemalige Telekom-Managerin Anastassia Lauterbach, die sich im Wirecard-Aufsichtsrat vergeblich für schärfere Kontrollen eingesetzt hatte. Sie verlor nach der Pleite des Konzerns weitere Mandate, erhielt sogar Morddrohungen. "Ich habe durch Wirecard einige Erfahrungen gesammelt, die ich keinem anderen wünsche", sagt Lauterbach. Lesen Sie hier den ausführlichen Report: "Das Leben nach Wirecard".

Neustart: Bei Wirecard entwickelte Jannis Riesz mobile Bezahllösungen. Im Sommer 2021 hat er mit drei Kollegen Flipmode gegründet – und berät Start-ups

Neustart: Bei Wirecard entwickelte Jannis Riesz mobile Bezahllösungen. Im Sommer 2021 hat er mit drei Kollegen Flipmode gegründet – und berät Start-ups

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Marlena Waldthausen für manager magazin

Die Wirtschaftsnews des Tages:

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Die Gier der Tankstellenkonzerne: Mineralölkonzerne wie Shell oder BP fahren durch den Krieg in der Ukraine Rekordgewinne ein. Selbst der vom Steuerzahler finanzierte Tankrabatt hat die rasant gestiegenen Spritpreise nicht nachhaltig drücken können, statt dessen steigen die Renditen von Raffinerien und Ölkonzernen. Die Folge: Die Politik diskutiert, ob sie die Extra-Gewinne der Mineralölkonzerne wieder abschöpfen kann. Was treibt die europäischen Multis wie Shell oder BP um? Und wie passt der neue Öl-Boom zu dem eigentlichen Ziel, sich in einen grünen Energielieferanten umzubauen? Antworten zu diesen Fragen hören Sie in unserem neuen Podcast: "Öl statt Öko". Hören Sie doch mal rein!

Meine Empfehlung für den Abend:

Heiße Ware: Der russische Rusal-Konzern ist der weltweit zweitgrößte Aluminiumproduzent und betreibt Elektrolyseöfen unter anderem in Sibirien

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Foto: ILYA NAYMUSHIN/ REUTERS
  • Entspannung in der Autoindustrie: Groß war die Panik in den Vorstandsetagen der Autohersteller, als der Krieg in der Ukraine die Preise für wichtige Rohstoffe immer weiter in die Höhe trieb. Zusätzlich zu den fehlenden Chips und Kabelbäumen drohten nun auch noch Engpässe bei wichtigen Industriemetallen, die für die Produktion von Autos benötigt werden, zum Beispiel Nickel, Palladium und Aluminium. Doch inzwischen zeigt sich: Das große Beben ist bei Volkswagen, Stellantis und BMW ausgeblieben. Die Versorgungslage hat sich wieder entspannt. Zuletzt sind die Preise für Nickel und Aluminium sogar wieder zurückgegangen. Autofahrer können nur hoffen, dass zehn Tage nach Einführung des Tankrabatts auch die Benzinpreise eine ähnliche Entwicklung nehmen.

Herzlich, Ihr Kai Lange