Eva Buchhorn

Newsletter "Der Tag" Der Tag mit einem Ex-CEO unter Anklage

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit einem Strafprozess gegen Martin Winterkorn, neuem Pech für Curevac und einer Frau für die Deutsche Bahn

Es gibt wohl keine größere Angst unter Topmanagern als die, eines Tages wegen Verfehlungen im Amt vor Gericht gestellt zu werden. Wir beim manager magazin haben über die Jahre etliche Prozesse gegen Wirtschaftskriminelle eng begleitet, und viele der Angeklagten haben uns von der Bitternis berichtet, die der öffentliche Pranger mit sich bringt. Manchen gelingt es nie, ihr Fehlverhalten überhaupt zu erkennen.

Die passenden Fotos aus dem Gerichtssaal – prominenter Manager flankiert von einer Armada in Fachkreisen ebenso prominenter Anwälte – wird es bald wieder geben: Die Staatsanwaltschaft Berlin hat Anklage wegen Falschaussage gegen Martin Winterkorn erhoben, den über den Dieselskandal gestürzten ehemaligen Volkswagen-Chef. Er soll früher über den Einsatz der Manipulationssoftware informiert gewesen sein, als er zugab, und er soll im Untersuchungsausschuss des Bundestages bewusst falsche Angaben gemacht haben. Auch vor dem Landgericht Braunschweig muss Winterkorn sich verantworten, dort wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs. 130 Verhandlungstage sind angesetzt.

Mit seinem ehemaligen Arbeitgeber hat sich Winterkorn dagegen geeinigt: Er zahlt persönlich 11,2 Millionen Euro Schadensersatz. Insgesamt erhält der Konzern 288 Millionen Euro Entschädigungen von ehemaligen Topmanagern, im Wesentlichen über deren Versicherungen. Wie es zu der 2015 aufgedeckten Stickoxid-Affäre überhaupt kommen konnte, ist dagegen weiterhin nur teilweise geklärt. Aber Winterkorn erhält ja nun noch einmal die Gelegenheit, bei der Aufklärung zu helfen – so bitter das für ihn ist.

Tiefer Fall: Der frühere VW-Chef Martin Winterkorn ist wegen uneidlicher Falschaussage im Untersuchungsausschuss des Bundestages angeklagt

Tiefer Fall: Der frühere VW-Chef Martin Winterkorn ist wegen uneidlicher Falschaussage im Untersuchungsausschuss des Bundestages angeklagt

Foto: FELIPE TRUEBA / EPA

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Noch einmal Volkswagen: Northvolt, der Batteriezellen-Partner der Wolfsburger, hat 2,75 Milliarden Dollar frisches Kapital für den Ausbau eines Werkes eingesammelt, 620 Millionen Dollar steuert VW bei. Das schwedische Unternehmen ist der wichtigste europäische Batteriehersteller und will perspektivisch 25 Prozent des europäischen Marktes bedienen. 2023 soll die Fertigung beginnen. Durch die Anpassung der eigenen Anteile halten die Deutschen weiterhin ein Fünftel.

  • Rückschlag für Curevac: Weil 100 mit Corona infizierte Studienteilnehmer fehlen, hat der Tübinger Impfstoffhersteller seinen Plan aufgegeben, bis Ende Juni eine Zulassung für sein Vakzin zu beantragen. Dass ausgerechnet das Abflauen der Infektionszahlen den Hersteller in Bedrängnis bringt, muss das Unternehmen wohl als tragischen Treppenwitz verbuchen. Man plant jetzt für den August. Welche Impfstoffe aktuell im Rennen sind und wo ihre Stärken und Schwächen liegen, haben wir hier für Sie aufbereitet.

  • Ferrari goes digital: Im September übernimmt der Chipexperte Benedetto Vigna die Führung des italienischen Sportwagenherstellers. Die Eignerfamilie Agnelli hat ihrem ikonischen Erbe eine Neuausrichtung verordnet: Hybridmodelle gibt es bereits, 2025 soll der erste Elektro-Ferrari rollen. Und sollten Sie mehr über die Agnellis wissen wollen – bitte: Das strahlende Comeback des Industriellenclans .

  • Mehr Geld vom Staat: Die Bundesregierung plant eine Verlängerung der Corona-Hilfen bis September. Unternehmen mit Umsatzeinbrüchen können weiterhin einen großen Teil ihrer Fixkosten ersetzt bekommen. Eigentlich sollten die Hilfen Ende Juni auslaufen.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Eine Frau für die Deutsche Bahn: Daniela Gerd tom Markotten soll das nach dem Abgang von Digitalvorständin Sabina Jeschke verwaiste Digitalressort im Vorstand des Staatskonzerns übernehmen. Die Managerin arbeitete lange Jahre bei Daimler, zunächst bei Mercedes-Benz Trucks und ab 2017 bei der Mobilitätsplattform Moovel. Zuletzt hatte sie ihr eigenes Start-up – digitaler geht's nicht. Jetzt muss sie nur noch die Schienen-Chauvis in den Griff kriegen.

  • Eine Lösung für den Müll: Mit dem Boom des Versandhandels türmen sich die Verpackungen. Findige Unternehmer wie der Brite Michael Pooley arbeiten schon lange an nachhaltigen Alternativen und unter dem Eindruck der Corona-Krise steigt der Handel darauf ein. Meine Kollegin Mirjam Hecking hat sich in der Szene umgesehen. Ihre Erkenntnisse zu der Frage, warum sich sogar die Scheichs von Abu Dhabi neuerdings für Klappkisten interessieren, finden Sie hier. 

Meine Empfehlung für den Abend:

  • Leiden Sie derzeit verstärkt an Aufschieberitis? Das könnte daran liegen, dass Ihnen im Homeoffice niemand über die Schulter schaut. Sie brauchen eine Kollegin, die ein bisschen Kontrolle ausübt, aber selbst genug zu tun hat und nicht lästig auffällt. Die gute Nachricht ist: Die können Sie sogar virtuell finden. Auf die Vermittlung sogenannter "Silent Coworker" hat sich die App Focusmate spezialisiert.Der New Yorker Gründer Taylor Jacobson hat sie programmiert, nachdem er sich 2015 mit einem Kumpel via Skype über seinen Hang zur Prokrastination ausgetauscht hatte, also zum Aufschieben lästiger Pflichten. Es sei "magisch gewesen", berichtet er, "wir kamen beide sofort in die ´Zone´ und blieben die ganze Zeit in einem produktiven Flow." Meine Kollegin Maren Hoffmann wollte wissen, was dran ist an Jacobson Erweckungserlebnis und hat die App für Sie getestet: "Hurra, in meinem Homeoffice sitzt ein fremder Mann mit Mütze"

Herzliche Grüße und einen entspannten Abend, Ihre Eva Buchhorn