Kai Lange

Der Freitag im Überblick Ein nervöser Präsident und ein düpierter Tennis-Champion

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit einem nervösen Präsidenten, 100 Milliarden Euro für deutsche Unternehmen und einem Schuldspruch für Boris Becker.

Frankreich wählt am Sonntag einen neuen Präsidenten: Die Rechtspopulistin Marine Le Pen hat den Abstand auf Amtsinhaber Emmanuel Macron erheblich verkürzt. Die Entscheidung wird wahrscheinlich nicht schon am Sonntag, sondern erst in einer Stichwahl am 24. April fallen. Dennoch sorgen die explodierenden Energiepreise und die hohe Inflation in Frankreich dafür, dass die Wahlkampfstrategen von Amtsinhaber Macron nervös werden. Ein Überraschungssieg von Le Pen wird auch an den Finanzmärkten nicht mehr ausgeschlossen.

Le Pen hat aus ihrer Wahlniederlage vor fünf Jahren gelernt und geht mit einem gemäßigten Kurs auf Stimmenfang in der gesellschaftlichen Mitte. Sie fordert keinen Austritt Frankreichs aus der EU mehr. Zudem will sie die Mehrwertsteuer auf 5,5 Prozent senken und damit kleinere und mittlere Einkommen entlasten, die unter dem steilen Anstieg der Energiepreise leiden. Während Macron das Renteneintrittsalter auf 65 Jahre erhöhen will und sich damit keine Freunde macht, will Le Pen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schon mit 60 Jahren in den Ruhestand schicken. Für Präsident Macron wird die Wiederwahl damit kein Selbstläufer. Auch Macron verspricht nun erhebliche Steuersenkungen und Erleichterungen für Unternehmen. Sein proeuropäisches Programm ist aber noch kein Garant für eine weitere fünfjährige Amtszeit. Die kommenden zwei Wahlgänge in Frankreich werden wohl spannender, als es manchem überzeugten Europäer lieb sein kann.

Amtsinhaber Macron (re), Herausforderin Le Pen (li): Krieg und Inflation haben den Wahlkampf verändert

Amtsinhaber Macron (re), Herausforderin Le Pen (li): Krieg und Inflation haben den Wahlkampf verändert

Foto: IMAGO/Thierry Breton; IMAGO/Le Pictorium

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Bund will Firmen mit 100 Milliarden Euro helfen: Deutsche Unternehmen, die unter den Folgen des Ukraine-Kriegs leiden, bekommen staatliche Hilfen. Die Bundesregierung schnürt zu diesem Zweck ein Hilfspaket in Höhe von 100 Milliarden Euro, wie am Freitag bekannt wurde. Es gehe vor allem darum, kurzfristig Liquidität sicherzustellen: "Unternehmen sollen Zugang zu zinsgünstigen und haftungsfreien Krediten erhalten", heißt es in einem Papier des Finanzministeriums.

  • Tesla eröffnet zweites Werk in den USA: Wenige Wochen nach dem Produktionsstart der "Gigafactory" im brandenburgischen Grünheide hat Tesla-Chef Elon Musk eine weitere Fabrik eröffnet. Im neuen Werk in Austin, Texas, sollen vor allem das "Model Y" und demnächst auch der Pick-Up "Cybertruck" vom Band rollen. Der Elektroautobauer Tesla will in dem Werk in Texas pro Jahr eine halbe Million Fahrzeuge bauen. Das Stammwerk in Kalifornien ist bereits ausgelastet.

  • Ökonomen stellen Plan für Wiederaufbau der Ukraine vor: Noch tobt der Krieg in der Ukraine. Doch Ökonomen haben bereits einen Plan skizziert, wie die Ukraine nach Abzug der russischen Angreifer wieder aufgebaut werden könnte. Vorbild ist der "Marshall Plan" von 1948, der dem Wiederaufbau der europäischen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg diente. Ein wichtiges Element diesmal: Die Ukraine braucht eine klare Beitrittsperspektive für die Europäische Union.

Die Personalien des Tages:

Harte Landung: Bei seinem Wimbledon-Sieg 1985 war die Welt für Boris Becker noch in Ordnung. Auf den legendären "Becker-Hecht" folgten diverse geschäftliche Flops, Immobiliendramen auf Mallorca, die Insolvenz - und nun auch noch ein Schuldspruch der Londoner Jury

Harte Landung: Bei seinem Wimbledon-Sieg 1985 war die Welt für Boris Becker noch in Ordnung. Auf den legendären "Becker-Hecht" folgten diverse geschäftliche Flops, Immobiliendramen auf Mallorca, die Insolvenz - und nun auch noch ein Schuldspruch der Londoner Jury

Foto: DPA
  • Boris Becker schuldig gesprochen: Der deutsche Tennisstar und ehemalige Wimbledon-Sieger Boris Becker ist im Londoner Strafprozess von den Geschworenen schuldig gesprochen worden. Der 54-Jährige habe seinem Insolvenzverwalter Teile seines Vermögens vorenthalten, entschied die Jury am Freitag. Beckers Verteidiger hatte vor der Entscheidung noch dargelegt, der Ex-Champion sei in Gelddingen einfach hoffnungslos überfordert. Er könne nicht mit Geld umgehen, da er dies stets seinen Beratern überlassen habe. Nun droht Becker eine Haftstrafe. Das Strafmaß soll Ende April verkündet werden.

  • 89 Millionen Euro zum Abschied: Weniger Geldsorgen als Boris Becker hat Rubin Ritter. Schon in seiner Zeit als aktiver Vorstand des Online-Händlers Zalando gehörte Ritter zu den Großverdienern in Deutschland. Mitte 2021 nahm Ritter eine Auszeit bei dem Modeversender – und kassierte zum Abschied eine Vergütung von 89 Millionen Euro. Noch vor seinem Rücktritt übte Ritter Aktien-Optionen im Wert von 42,5 Millionen Euro aus, danach weitere für 46,6 Millionen Euro. Für diese Summe müsste Boris Becker noch ungefähr hundertmal Wimbledon gewinnen.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Sponsoren-Deal nach Ruhrpott-Art: Nach Russlands Überfall auf die Ukraine war es für den Fußball-Zweitligaclub Schalke 04 keine Option mehr, mit dem Logo des russischen Gaskonzerns Gazprom auf dem Trikot aufzulaufen. Der Klub brauchte schleunigst einen neuen Sponsor – und fand ihn mit dem Immobilienkonzern Vivawest, der in Besitz gleich dreier Ruhrpott-Größen ist. Wie der Chemiekonzern Evonik, die RAG-Stiftung und die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie den Deal in Rekordzeit organisierten, beschreibt unser Kollege Dietmar Student in einer Hintergrundstory.

  • Spotify setzt auf Podcasts: Der Musikanbieter Spotify verdient mit dem klassischen Streaming-Geschäft kein Geld – und will deshalb aus dem Podcast-Boom ein Milliardengeschäft machen. Wie die Konkurrenten Apple, Amazon und Google dagegen halten, erfahren Sie in unserem wöchentlichen Podcast "Das Thema". Hören Sie doch mal rein!

Meine Empfehlung für den Abend:

Bored Ape Yacht Club: Yuga Labs verkaufte im April 2021 Profilbildchen mit Affenköpfen zu je 300 US-Dollar. Anschließend explodierten die Preise für die Bored-Ape-NFTs

Bored Ape Yacht Club: Yuga Labs verkaufte im April 2021 Profilbildchen mit Affenköpfen zu je 300 US-Dollar. Anschließend explodierten die Preise für die Bored-Ape-NFTs

Foto: FLORENCE LO / REUTERS
  • Geldwäscher lieben den Kunstmarkt: Kunsthändler sind traditionell diskret. Der Markt gilt als anfällig für Geldwäsche. Umso mehr, seit Investoren Millionensummen in sogenannte NFT-Kunst stecken: Wer mit einem "Non Fungible Token" einen Besitzer-Eintrag auf der Blockchain erwirbt, kann sich als Eigentümer eines Kunstwerks fühlen. Das Problem: Auf den kaum regulierten NFT-Handelsplattformen geht es zu wie im Wilden Westen, sagt Rechtsanwalt Pascal Decker. Auch Scheingeschäfte sind möglich, bei denen Verkäufer und Käufer identisch sind. "NFTs werden nur erfolgreich sein, wenn wir das Einfallstor für Geldwäscher schließen", sagt Decker. Wie sich Kunsthändler und Kunden vor dem Missbrauch durch Kriminelle schützen, erklärt Decker im Interview.

Herzlich, Ihr Kai Lange