Eva Buchhorn

Der Tag im Überblick Männer mit Geltungsdrang und mehr Geld für Autos

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Deutsche Börse, Deutsche Telekom, VW, SPD.

Es anderen mal so richtig zeigen zu wollen, ist ein starkes Karrieremotiv. Das gilt besonders für Menschen, die sich von weit unten an die Spitze gearbeitet haben. Welche Superkräfte Aufsteiger bisweilen mobilisieren, zeigt sich exemplarisch an einem Mann, der derzeit für den schwierigsten Posten in der deutschen Hochfinanz gehandelt wird: Theodor "Theo" Weimer, noch CEO der Deutschen Börse und im Gespräch für die Nachfolge von Paul Achleitner als Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank.

Weimers ungestümer Geltungsdrang, gepaart mit intellektueller Neugier, hat den Bauernsohn und studierten Lehrer über (durchaus elitäre) Umwege 2018 an die Spitze der Börse gebracht. Meine Kollegin und Bankenkennerin Katharina Slodzcyk analysiert in ihrem Porträt, wie es für den ehemaligen Investmentbanker von dort aus weitergehen könnte.  Der Kontrolleursposten bei der Deutschen Bank wäre wohl die anstrengendste Option. Weimer, der oft genau den Job, den er als nächsten haben wollte, nicht bekam, kann inzwischen wählen. Seine Selbstauskunft im ersten Bewerbungsschreiben - "Sie müssen mich mal kennenlernen, ich bin ein guter Typ" - entfaltet jetzt, Jahrzehnte später, noch einmal richtig Wirkung: Er ist eben "Deutschlands gefragtester Finanzmanager" .

Das übrigens setzt die Deutsche Bank unter Druck. Denn auch ein anderer Kandidat auf den dortigen Spitzenposten hat abgesagt. Bayer-Chefaufseher Norbert Winkeljohann erklärte meinen Kollegen Dietmar Palan und Martin Noé im Interview, dass er sich auch so voll und ganz ausgelastet fühle, also: nicht will.

Ein Mann, der sein Ding durchziehen will (und ein paar Anläufe brauchte): Deutsche Börse-CEO Theodor Weimer

Ein Mann, der sein Ding durchziehen will (und ein paar Anläufe brauchte): Deutsche Börse-CEO Theodor Weimer

Foto: Maurice Kohl

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Die deutsche Autoindustrie erhält vom Bund eine Milliarde Euro auf ihrem Weg zu klimaschonenden Antrieben. Mit den Mitteln aus dem "Zukunftsfonds", der auf dem heutigen Auto-Gipfel in Berlin vorgestellt wurde, soll die Vernetzung der Akteure in Auto-Regionen gefördert werden, außerdem geht es um die weitere Digitalisierung der Branche und um die gezielte Unterstützung des Mittelstands. Finanzminister Olaf Scholz, neben Wirtschaftsminister Peter Altmaier Verkünder der frohen Botschaft, dürfte den Auftritt genossen haben. Die Sympathie der Autobosse kann er gut gebrauchen bei seiner Bewerbung um die Nachfolge Angela Merkels im Kanzleramt. Diesem Ziel kommt er derzeit deutlich näher, wie die Umfragewerte zeigen.

  • Der Hackerangriff auf fast 50 Millionen Kunden in den USA setzt die Deutsche Telekom unter Druck. Zu den offengelegten Informationen gehörten Namen, Sozialversicherungsnummern sowie Geburts- und Führerscheindaten von aktuellen wie auch früheren Kunden, aber zum Glück - so die Telekom - weder Kreditkartennummern noch Passwörter. Inzwischen sei das Leck geschlossen. Die Tochter T-Mobile US gilt als Cashcow des Konzerns, der neue CEO Mike Sievert erlebt seine erste harte Probe.

  • Das Bundesverfassungsgericht zeigt Herz für säumige Steuerzahler. Es hat den seit Jahrzehnten geltenden Zinssatz von sechs Prozent auf Steuernachzahlungen und -erstattungen für verfassungswidrig erklärt. Grund ist die anhaltende Niedrigzinsphase. Wer zuviel gezahlt hat, erhält Geld zurück; Steuererstattungen fallen dagegen niedriger aus. Das Urteil erfasst allerdings nur nicht rechtskräftige Bescheide, für die ab 2019 Zinsen anfallen. Den neuen Zinssatz muss nun der Gesetzgeber regeln.

  • Deutsche Fabriken müssten sieben Monate ununterbrochen produzieren, um alle seit der Corona-Krise im verarbeitenden Gewerbe eingegangenen Aufträge abzuarbeiten. Der Grund für den Stau: Die Pandemie hatte die Lieferketten unterbrochen, immer noch fehlen wesentliche Vorprodukte wie Halbleiterchips. Mit dem Abklingen der Corona-Beschränkungen klettert die Nachfrage nach deutschen Produkten insbesondere aus den USA und China massiv: Made in Germany erlebt ein Comeback.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

Noch zwei Männer, die ihr Ding durchziehen wollen (und es dabei sich und anderen nicht leicht machen): Traton-Personalvorstand Bernd Osterloh und sein VW-Pendant Gunnar Kilian

Noch zwei Männer, die ihr Ding durchziehen wollen (und es dabei sich und anderen nicht leicht machen): Traton-Personalvorstand Bernd Osterloh und sein VW-Pendant Gunnar Kilian

Foto: Jan Helge Petri
  • Seit 15 Jahren arbeitet Volkswagen am Aufstieg zur Lkw-Dynastie – und bremst sich immer wieder selbst. Insbesondere das seit 2019 unter dem Namen Traton börsennotierte Truckgeschäft, zu dem kürzlich der ehemalige VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh als Personalvorstand stieß, ist ein kultureller Sanierungsfall. Mein Kollege Michael Freitag beschreibt, wie Osterloh und zwei weitere mächtige Männer alles daran setzen, die Einheit an die Spitze zu führen: Vorstandschef Matthias Gründler und Gunnar Kilian, Volkswagen-Personalvorstand und im Konzern zuständig für die Trucks. In der sehr eigenen Wolfsburger Melange aus Staatsbetrieb und Weltmeisteranspruch besetzen sie unterschiedliche Pole, was die Sache wieder einmal schwierig macht – und gerade im Management wieder zu Opfern führt: Der Kulturkampf bei Traton. 

  • Ein spannendes Ego-Battle spielt sich derzeit auch in der Finanzszene ab. Starinvestor Michael Burry wettet gegen "Queen Cathie". Shortseller Burry brachte es mit Wetten gegen den US-Immobilienmarkt zu Ruhm und Reichtum und inspirierte Michael Lewis zu seinem Buch "The Big Short". Cathie Wood ist eine bekannte Ökonomin und wie Burry mit einem eigenen Hedgefonds in der Tech-Szene unterwegs. Jetzt treten sie gegeneinander an.

Was Sie heute noch für Ihr Berufsleben lernen können:

  • Mal ganz ehrlich: Können Sie gut zuhören? Oder halten Sie sich heimlich doch für den klügsten Kerl / die klügste Frau im Raum und stellen das schon in den ersten fünf Minuten bei jedem Meeting klar? Auch in Zeiten flacher Hierarchien geben etliche Chefs sich auf diese Frage keine ehrliche Antwort, meinen die Autoren des Selbstmanagement-Stücks aus dem aktuellen Harvard Business Manager. Die Ich-Begeisterung kann eine Weile gut gehen, aber nie länger als bis zur nächsten Krise. Wie Chefs es vermeiden, die Gefolgschaft zu verlieren, können Sie hier nachlesen: "Hört die Signale!" 

Meine Empfehlung für den Abend:

Mit einer markigen Kampagne legt SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz in Umfragen zur nächsten Bundestagswahl gerade eine Aufholjagd hin, die seinen Mitbewerber Armin Laschet von der CDU zittern lassen dürfte. Anlass genug für uns, Ihnen heute ein Interview mit dem Sozialdemokraten ans Herz zu legen, das die Kollegen vom SPIEGEL geführt haben.

Scholz gibt sich als stiller Profiteur der Patzer seiner Konkurrenten und spielt entspannt seinen größten Vorteil aus, seine unumstrittene Professionalität aufgrund jahrelanger Regierungsbeteiligung. Offenes Auftrumpfen erlaubt sich der nüchterne Hanseat nicht, die Rolle als "Mr. Fachkenntnisse" entspricht seinem Naturell ja ohnehin am ehesten. Es geht in dem Gespräch um Tugenden und Respekt und irgendwie ganz nebenbei auch um den Job von Angela Merkel und sogar einen neuen für Saskia Esken. Das Gespräch mit Scholz, dem gekonnt Unaufdringlichen, finden Sie hier .

Herzliche Grüße und einen entspannten Abend, Ihre Eva Buchhorn