Kai Lange

Der Donnerstag im Überblick Software-Chaos bei VW und ein Appell von EZB-Chefin Christine Lagarde

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit einem Softwarechaos bei Volkswagen, einem vernichtenden Urteil über Teslas Autopilot und einer EZB-Präsidentin, die sich beim Treffen der Top100 Frauen der deutschen Wirtschaft sichtlich wohlfühlt.

Eine verbesserte Software ist für die deutschen Autobauer entscheidend, um im Zeitalter der Elektromobilität ihre Marktanteile zu verteidigen. Anderenfalls drohen Konkurrenten wie Tesla noch weiter zu enteilen. Die Vorstände von VW, Mercedes und BMW haben die Entwicklung neuer Software längst zur Chefsache gemacht: Sie sehen ihre Zukunft als Tech-Company. Doch ausgerechnet bei VW erweist sich die Software-Einheit Cariad nicht als Problemlöser, sondern als Problemfall: Ein Problemfall, der nun auch VW-Chef Herbert Diess immer lautere Kritik von den Eigentümerfamilien Porsche und Piëch einbringt.

Diess läuft die Zeit davon. Denn das Softwarechaos bedroht Volkswagens geplante Modelloffensive. Mit den Modellreihen "Artemis" und "Trinity" will VW in den kommenden drei Jahren eigentlich zum Sprint ansetzen. Doch nun wackelt der Zeitplan, weil die Software muckt. Diess versucht, sich durch neue Allianzen zu retten und die Probleme mithilfe neuer Partner in den Griff zu bekommen. Derzeit sei eine Allianz mit dem israelischen Unternehmen Mobileye die Wunschlösung in Wolfsburg, schreibt unser Auto-Experte Michael Freitag exklusiv. Seine Geschichte über das gefährliche Softwarechaos bei VW lesen Sie hier.

An der Wand: Herbert Diess kann die Softwareprobleme nicht aussitzen

An der Wand: Herbert Diess kann die Softwareprobleme nicht aussitzen

Foto:

Daniel Pilar/laif

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Inflationsrate steigt im April auf 7,4 Prozent: Der Krieg in der Ukraine lässt die Energie- und Rohstoffpreise weiter steigen. Die Inflation in Deutschland ist im April auf das höchste Niveau seit 1981 geklettert. Energie ist rund 35 Prozent teurer als vor einem Jahr. Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich um durchschnittlich 8,5 Prozent. Während die US-Notenbank bereits im Mai die Zinsen deutlich erhöhen dürfte, hält sich die EZB mit einer möglichen Zinserhöhung noch zurück.

  • Volkswagen plant zweites Werk in den USA: Der Autobauer VW reagiert auf die neue Blockbildung zwischen Ost und West. Nach Informationen von manager magazin plant der Konzern den Bau eines zweiten Werks in Chattanooga in den USA. Auch der Bau eines Batteriezellenwerks in den USA werde erwogen. Damit will VW sein US-Geschäft stärken und zugleich die Abhängigkeit von China senken. Eine finale Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.

  • Russland weist Gaszahlungen aus Deutschland zurück: Russland will sich seine Gasexporte nach Europa nur noch in Rubel bezahlen lassen. Der Streit um diese Zahlungsweise hat sich verschärft: Die russische Gazprom-Bank hat Zahlungen für Gaslieferungen nach Deutschland zurückgewiesen. Diese waren von der inzwischen verstaatlichten Tochter Gazprom Germania geleistet worden. Die Bundesregierung spricht zwar von nur marginalen Mengen. Doch das Risiko, dass Russland nach Polen und Bulgarien bald auch Deutschland das Gas abdreht, ist durch den Rubel-Streit gestiegen.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Teslas Autopilot ist untauglich: Seit Jahren wird darüber gestritten, ob Teslas Fahrassistenz-System mit dem irreführenden Namen "Autopilot" bereits reif genug für den realen Straßenverkehr ist. Tesla-Chef Elon Musk wies Kritik wieder zurück, obwohl es bereits mehrfach zu Unfällen gekommen ist. Nun hat ein vom Landgericht München in Auftrag gegebenes Gutachten erstmals "grundlegende Mängel" an Teslas Fahrassistenz-System festgestellt. Das Gutachten bewertet die Fahrassistenz, die in einem 116.000 Euro teuren Model S getestet wurde, schlicht als untauglich. Das System erkenne teilweise "Schilder nicht oder sehr spät", heißt es in dem Gutachten; "insbesondere das Spurhaltesystem ist unzuverlässig". Fazit des Gutachtens: Im derzeitigen Zustand sei das System "nicht für den bestimmungsgemäßen Gebrauch geeignet". Unser Kollege Jonas Rest berichtet über die Einzelheiten.

Meine Empfehlung für den Abend:

Sisters in Leadership: EZB-Chefin Christine Lagarde (Mitte) war Ehrengast beim Dinner der "Top100 Frauen". manager magazin und BCG richten das Netzwerktreffen jährlich aus

Sisters in Leadership: EZB-Chefin Christine Lagarde (Mitte) war Ehrengast beim Dinner der "Top100 Frauen". manager magazin und BCG richten das Netzwerktreffen jährlich aus

Foto: Frank Beer / BCG

Frauen in Führung gefragt: Weibliche Führungsqualitäten sind angesichts der aktuellen globalen Krisen besonders gefragt. Es gehe mehr denn je darum, Vertrauen zu schaffen, Brücken zu bauen und Zugang zu den Menschen zu finden. Diesen eindringlichen Appell hat EZB-Chefin Christine Lagarde gestern an ihre "Sisters in Leadership" in Hamburg gerichtet. Lagarde war Ehrengast beim Dinner der "Top100 Frauen", einem Netzwerktreffen, das manager magazin und die Boston Consulting Group jährlich ausrichten. Dort kommen die 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft sowie herausragende weibliche Führungskräfte zusammen. Lagarde fühlte sich sichtlich wohl in diesem Kreis. Was die EZB-Chefin der versammelten weiblichen Wirtschaftselite noch zu sagen hatte und welche Top-Managerin in diesem Jahr als "prima inter pares" geehrt wurde, erfahren Sie hier.

Herzlich, Ihr Kai Lange