Christoph Rottwilm

Der Donnerstag im Überblick 88 Prozent, die Herbert Diess zum Verhängnis werden können

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Software-Problemen, die über die Zukunft von Herbert Diess entscheiden können, dem Ottobock-Eigner, der sich gegen die Börse entschiedet, und einem Blick auf die Entscheidungswege der EZB.

Es ist nicht weniger als ein Jahrhundertprojekt bei Volkswagen: der Wandel vom traditionellen Autohersteller zum Technologie-Unternehmen. Unter dem Wettbewerbsdruck, der von Vorreiter Tesla aus den USA ausgeht, sah sich das Management in Wolfsburg um Konzernchef Herbert Diess schon vor Jahren gezwungen, die radikale Umstellung auf den Weg zu bringen. Dabei geht es keineswegs nur um den Abschied von traditionellen Antrieben mit Diesel- und Benzin-Kraftstoffen und die Entwicklung batteriebetriebener Elektromotoren. Software, so die Idee, soll künftig vielmehr die Keimzelle des gesamten Automobils sein. Die Unternehmenstochter, die diese Vision Realität werden lassen soll, heißt Cariad, mit Volkswagen-CEO Diess als Hauptverantwortlichem ganz an der Spitze.

Doch leider passt die Techvision nicht zur Realität. Diess kommt nicht wie geplant voran, der Abstand zu Tesla wird eher größer als kleiner, schreibt unser Kollege Michael Freitag in der Titelgeschichte des neuen manager magazins . Denn was sich bei der Cariad abspielt, ist ein Desaster.

Konzernintern hat die Unternehmensberatung McKinsey die Missstände analysiert. Herausgekommen ist ein Protokoll des Versagens: Laut den vertraulichen Papieren funktioniert bei VWs Software-Tochter weder die Entscheidungsstruktur noch ist die Kostenplanung realistisch. Bis in die feinsten Details haben sich die Consultants vorgearbeitet. So halten sie exakt 647 von 738 Hardware-Spezifikationen und Funktionsdefinitionen bei Cariad für nicht präzise genug formuliert. Eine Fehlerquote von 88 Prozent. Die Folge: zusätzliche Milliardenkosten und erhebliche Verzögerungen, teils um Jahre.

Für Volkswagen ist das dramatisch, schließlich hängt das Schicksal des gesamten Konzerns am Erfolg der Tech-Strategie. Doch die ist offenbar gescheitert, und mit ihr erstmal der Chef Herbert Diess.

Am Buzz-Stopp: Volkswagen-CEO Herbert Diess scheitert offenbar mit seinen Tech-Plänen

Am Buzz-Stopp: Volkswagen-CEO Herbert Diess scheitert offenbar mit seinen Tech-Plänen

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JOHN MACDOUGALL / AFP

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Megadeal in den USA: Der US-Chiphersteller Broadcom will den Softwareanbieter VMWare kaufen. Der Deal, der sich in den vergangenen Tagen bereits abgezeichnet hatte, bewertet VMWare mit 61 Milliarden Dollar. Es ist damit nach der Übernahme des Spieleherstellers Activision Blizzard durch Microsoft die bislang zweitgrößte Firmenübernahme des Jahres. Größter Profiteur ist der IT-Veteran und Multimilliardär Michael Dell. Dem Gründer und CEO des Computerkonzerns Dell Technologies gehören aktuell 40,2 Prozent der VMWare-Anteile.

  • Datenmissbrauch bei Twitter: Der Kurznachrichtendienst Twitter soll Nutzer um ihre Telefonnummern und E-Mail-Adressen gebeten haben, mit der Begründung, man könne Accounts damit besser absichern. Das Unternehmen soll die Daten jedoch für Werbezwecke missbraucht haben. Dafür muss Twitter 150 Millionen Dollar Strafe zahlen.

Was heute sonst noch wichtig war:

  • Personalbeben bei Ottobock: Der Prothesenhersteller Ottobock sorgte vor einigen Tagen mit gleich mehreren Vorstandspersonalien binnen kurzer Zeit für Aufsehen. Erst durfte sich Finanzchefin Kathrin Dahnke ihre Papiere holen, tags darauf verkündete die Firma auch das Ende der Amtszeit von CEO Philipp Schulte-Noelle. Technikchef Andreas Goppelt muss ebenfalls weichen. Doch was steckt hinter dieser Welle an Abgängen auf höchster Ebene? Wie unsere Kollegen Dietmar Palan und Thomas Werres inzwischen recherchiert haben , hat Ottobock-Haupteigner Hans Georg Näder die Börsenpläne für das Unternehmen kurz zuvor ad acta gelegt – womöglich endgültig. Das kam bei den Führungskräften offenbar nicht gut an.

  • Inflation schürt Unmut: Die Inflationsraten in Deutschland sind enorm gestiegen, und noch ist eine Entspannung kaum in Sicht. Vielen Menschen verursacht das extremen Finanzstress: Alles wird teurer, aber das Einkommen steigt nur selten im entsprechenden Maße. Eine Umfrage zeigt: Viele Menschen erwarten mehr Gehalt – oder sie erwägen einen Jobwechsel.

Meine Empfehlung für den Abend:

Zinsschritt angekündigt: EZB-Präsidentin Christine Lagarde will gegen die Inflation vorgehen

Zinsschritt angekündigt: EZB-Präsidentin Christine Lagarde will gegen die Inflation vorgehen

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Markus Schreiber / dpa

  • Nach langem Zögern hat die Europäische Zentralbank eine Anhebung der Zinsen noch in diesem Jahr angekündigt. Es wird der erste Zinsschritt nach oben seit mehr als zehn Jahren, und er erfolgt in einem hochsensiblen Umfeld: Einerseits lassen hohe Inflationsraten den geldpolitischen Eingriff erforderlich erscheinen, andererseits schwächelt die Wirtschaft angesichts von Ukraine-Krieg, Lieferengpässen und hohen Rohstoffpreisen. Ungewollt könnten die Notenbanker ein wirtschaftliches Debakel herbeiführen. Da stellt sich schon die Frage, wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde und ihre Kollegen bei ihrer Arbeit und ihren Entscheidungen eigentlich vorgehen. In unserem Podcast sprechen unsere Kollegen Christian Schütte, Mark Böschen und Sven Clausen über ihre Recherchen und Erkenntnisse: Zinswende in Europa - wie stabil ist die Konjunktur

Beste Grüße, Ihr Christoph Rottwilm

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