Oliver Hollenstein

Der Donnerstag im Überblick Krisensitzungen in der VIP-Lounge und Ölpreise auf Rekordjagd

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Krisensitzungen in der Autoindustrie, Ölpreisen auf dem Weg nach oben und einer neuen Fabrik bei Wolfsburg.

Eine Million Ukrainer sind eine Woche nach Beginn des Krieges bereits aus ihrem Land geflohen. Die Kämpfe um die ukrainischen Großstädte werden zunehmend blutiger, unter den Opfern sind immer mehr Zivilisten. Unterdessen versuchen wir in Deutschland den ersten Schock zu überwinden und uns langsam auf die neue Zeit einzustellen. Wir haben uns heute für Sie angeschaut, wie die Automobilindustrie versucht, den wirtschaftlichen Schaden des Krieges halbwegs im Rahmen zu halten – und wie es um die Pläne steht, Deutschland mithilfe von Flüssiggas unabhängiger von russischem Erdgas zu machen.

Wie die Autoindustrie mit dem Krieg umgeht

Der russische Angriff auf die Ukraine trifft auch die deutschen Autobauer. Der Krieg hat die Lieferketten unterbrochen – und nun stehen bei fast allen großen Herstellern die Bänder still. Größtes Problem derzeit: Die Kabelbäume fehlen. Die Kabelstränge verbinden die Elektronik in den Autos. Sie werden just in time geliefert, individuell gefertigt, abhängig von der Kundenbestellung. Früher haben die Autobauer sie selbst hergestellt, heute werden praktisch alle deutschen Hersteller vom Zulieferer Leoni beliefert, der zwei Werke in der Westukraine hat.

Was nun? Das haben sich unsere Kollegen Michael Freitag und Lukas Heiny angeschaut. Bei Volkswagen in Wolfsburg hat Herbert Diess eine Taskforce zusammengestellt: Dutzende Managerinnen und Manager aus Produktion und Logistik, aus Einkauf und Entwicklung treffen sich täglich im nahegelegenen Stadion des VfL Wolfsburg. Auf der Fläche des VIP-Bereichs suchen sie nach Wegen, um den wirtschaftlichen Schaden des Krieges halbwegs im Rahmen zu halten. Auch bei anderen Herstellern werden Szenarios durchgespielt. Dass schon bald alles wieder so läuft wie vor der Krise, damit rechnet keiner. Die ganze Recherche lesen Sie hier. 

Soll Deutschland unabhängiger machen: Flüssiges Erdgas (LNG)

Soll Deutschland unabhängiger machen: Flüssiges Erdgas (LNG)

Foto: A9999 E.on-Ruhrgas/ dpa

So steht es um den Bau der deutschen LNG-Terminals

Deutschland ist abhängig von Gaslieferungen aus Russland. Etwa die Hälfte des hierzulande verbrauchten Erdgases kommt momentan von dort. Die Bundesregierung hat deswegen 1,5 Milliarden Euro bereitgestellt, um verflüssigtes Erdgas (LNG) zu kaufen. Der große Vorteil: Flüssiggas kann über Tanker aus Ländern importiert werden, zu denen keine direkte Pipeline besteht – etwa aus den USA.

Es gibt allerdings einen Haken: Die Tanker müssen an einem speziellen LNG-Terminal abgefertigt werden. Dort wird das Flüssiggas wieder in seinen gasförmigen Zustand versetzt, damit es anschließend in Hochdrucknetze eingespeist werden kann. In Deutschland gibt es derzeit kein einziges solches Terminal, die kurzfristigen Lieferungen müssen deswegen nun im Ausland abgefertigt werden.

Die Bundesregierung hat Abhilfe versprochen. Doch bis an einem deutschen LNG-Terminal der erste Tanker entladen werden kann, dürften noch Jahre vergehen. Unsere Kollegin Anna Driftschröer hat sich die Sache genauer angeschaut: Was hat den Bau der LNG-Terminals in Deutschland bisher gebremst? Und wie geht es nun weiter?

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Dax fällt unter 14.000-Punkte: Der Krieg in der Ukraine lässt die europäischen Aktienanleger nicht los: Die Ungewissheit über den Kriegsverlauf und die wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen gegen Russland belasten die Kurse.

  • VW stoppt Russland-Geschäft: Der Autobauer Volkswagen sowie seine Sportwagen-Tochter Porsche setzen ihr Russland-Geschäft wegen des Krieges in der Ukraine aus. Die Produktion von Fahrzeugen in Russland werde bis auf Weiteres eingestellt, teilte Volkswagen mit. Auch Exporte in die Russische Föderation würden mit sofortiger Wirkung gestoppt.

  • Merck wächst so stark wie nie zuvor: Der Pharma- und Technologiekonzern hat im zweiten Jahr in seiner Laborsparte gute Geschäfte mit Impfstoffentwicklern und -herstellern gemacht. Auch die Pharmasparte und das Elektronikgeschäft mit Halbleitermaterialien sind gewachsen.

  • Massive Inflation in der Türkei: Die Verbraucherpreise in der Türkei sind im Februar so stark gestiegen wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr: Sie erhöhten sich um 54,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Als Hauptgrund gilt die lockere türkische Geldpolitik. Trotz der hohen Inflation hat die Notenbank unter dem Druck von Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Leitzins zuletzt mehrfach gesenkt.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Warum Öl derzeit so teuer ist: Rohöl aus der Nordsee ist mit knapp 120 Dollar so teuer wie seit neun Jahren nicht mehr. US-Rohöl hat bereits ein 14-Jahres-Hoch erreicht – obwohl mehrere Staaten, darunter auch Deutschland, einen Teil ihrer Ölreserven jetzt freigeben wollen. Wir haben uns angeschaut, welche Faktoren den Preis derzeit in die Höhe treiben.

Der Karrieretipp des Tages:

  • Sind Sie gerade unzufrieden in Ihren Job? Sie sollten trotzdem erst einmal bleiben, den perfekten Job gibt es nicht, sagt Karriereexpertin und Bestsellerautorin Lindsey Pollak. Für unsere Kollegen vom Harvard Business manager hat sie drei Möglichkeiten erläutert, wie Sie das Beste aus einem verhassten Job machen können .

Meine Empfehlung für den Abend:

Backsteinwelt: Das Volkswagen-Werk in Wolfsburg

Backsteinwelt: Das Volkswagen-Werk in Wolfsburg

Foto: Swen Pförtner / dpa
  • In drei oder vier Jahren will Volkswagen einen echten Tesla-Fighter bauen. Trinity soll das Auto heißen, das endlich mit Tesla mithalten kann. Und Trinity soll unter modernsten Bedingungen hergestellt werden. Wo und wie das passiert, wird der VW-Aufsichtsrat am morgigen Freitag entscheiden. Unser Kollege Michael Freitag kennt den Plan für die neue Elektroautofabrik: Gut zwei Milliarden Euro soll das Werk kosten, es wird in Warmenau entstehen, in Fußentfernung zum heutigen Werkgelände in Wolfsburg. Welcher Machtkampf um das Großprojekt im Hintergrund gelaufen ist und was das neue Werk für das bestehende Stammwerk bedeutet, lesen Sie hier .

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!

Ihr Oliver Hollenstein