Christoph Rottwilm

Der Donnerstag im Überblick Falsche Fans und fehlende Frauen

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit einem Niederländer in Frankfurt, einem Spanier in Ingolstadt und nur 8,3 Prozent Frauen in Führungsjobs von Familienfirmen.

Elon Musk und Twitter, das ist eine schier endlose Geschichte, die immer wieder für überraschende Wendungen gut ist. Musk gehört zu den eifrigsten Twitter-Nutzern weltweit und ist mit rund 94 Millionen Followern zugleich einer der meistbeachteten. Zuletzt sorgte der Tesla-Chef mit der 44 Milliarden Dollar schweren Übernahmeofferte an den Kurznachrichtendienst für Aufsehen. Der Deal komme allerdings erst zustande, so schob Musk vor wenigen Tagen nach, wenn Twitter beweisen könne, dass nicht mehr als die behaupteten 5 Prozent aller Accounts auf der Social-Media-Plattform von Software-Programmen, sogenannten Bots, gespeist würden.

Vor diesem Hintergrund bekommt die heutige Geschichte unseres Kollegen Christoph Seyerlein  noch einmal eine zusätzliche Würze. Seyerlein hat mit dem amerikanischen Wirtschaftsprofessor David A. Kirsch gesprochen. Kirsch fand gemeinsam mit einem Kollegen heraus, dass ausgerechnet Tesla, die Firma von Elon Musk, über viele Jahre durch automatisierte Bots auf Twitter enorm gepusht wurde. Kein anderes Unternehmen, so das Ergebnis einer Studie der beiden Forscher, hat so sehr von automatisch gesteuerten Accounts auf der Social-Media-Plattform profitiert wie Tesla. Im Untersuchungszeitraum zwischen 2010 und 2020 stammten demnach bis zu ein Viertel der Top-Tweets zu dem Elektroautobauer von nichtmenschlichen Accounts, mit durchweg positivem Tenor. Ein direkter Zusammenhang mit der Aktienkursentwicklung lässt sich kaum nachweisen, aber: Der Börsenwert Teslas stieg in dieser Zeit auf fast 670 Milliarden Dollar.

Wer hinter dem programmierten Begeisterungssturm für Tesla steht, lässt sich nur vermuten. Studienautor Kirsch jedenfalls gibt zu bedenken: "Niemand hat von Twitter mehr profitiert als Elon Musk."

Rätseln um die Tesla-Fanbots: Elon Musk gehört zu den größten Twitter-Profiteuren

Rätseln um die Tesla-Fanbots: Elon Musk gehört zu den größten Twitter-Profiteuren

Foto: FREDERIC J. BROWN / AFP

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Wechsel an der Aufsichtsratsspitze der Deutschen Bank: Nach zehn Jahren an der Spitze des Aufsichtsrats der Deutschen Bank gibt Paul Achleitner diesen prestigeträchtigen Posten ab, wobei der Österreicher auf der heutigen Hauptversammlung zum Abschied auch selbstkritische Töne anschlug. Der neue Chefaufseher der größten deutschen Bank heißt Alexander Wynaendts und kommt aus den Niederlanden. Wynaendts ist ein geradliniger Arbeiter, schreibt unsere Kollegin Katharina Slodczyk in ihrem Porträt . Und er ist ein Außenseiter im Frankfurter Bankenbetrieb. Die Frage wird sein, ob das für diesen Schlüsseljob der deutschen Wirtschaft reicht.

  • Personalchefin verlässt Audi: Mission erfüllt, könnte man sagen. Sabine Maaßen kam im April 2020 zu Audi. Seither hat sie als Personalchefin das zentrale Programm "Audi.Zukunft" weit vorangetrieben und die Transformation des Unternehmens angestoßen, inklusive eines Jobabbaus um 5000 auf knapp 86.000 Stellen. Es ist also anscheinend keine Überraschung, dass Maaßens Vertrag nicht verlängert wird. Doch Insidern zufolge stimmte die Chemie nicht zwischen Maaßen und dem Autobauer im Süden. Wie unser Kollege Michael Freitag erfahren hat , soll Nachfolger Xavier Ros, ein Spanier, der seit fünf Jahren in Ingolstadt arbeitet, schon in wenigen Wochen übernehmen.

  • Zwei Abgänge bei Ottobock: In der Führungsetage des weltgrößten Prothesenherstellers Ottobock rumort es. Am Dienstag wurde bereits bekannt, dass Finanzvorständin Kathrin Dahnke das Unternehmen schon nach weniger als einem Jahr im Amt wieder verlässt. Binnen 24 Stunden trennt sich Ottobock jetzt zudem von Firmenchef Philipp Schulte-Noelle. Ausschlaggebend für die Abgänge dürfte Großaktionär Hans Georg Näder sein, der schon früher für Unruhe im Unternehmen gesorgt hat. Der Börsengang von Ottobock rückt damit erneut in weite Ferne.

Was heute sonst noch wichtig war:

  • Top-Uni im Angriffsmodus: Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) in Aachen ist Massen-Uni und Kaderschmiede zugleich. 47.000 Studierende zählt die Hochschule, mehr als 550 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tüfteln in neun Fakultäten und 260 Instituten. Viele deutsche Managementkarrieren nahmen in Aachen ihren Anfang. Doch die Konkurrenz unter Top-Unis nimmt zu. An der RWTH planen die Verantwortlichen daher einen Doppelangriff: Sie wollen die interdisziplinäre Forschung ausbauen und gleichzeitig Innovationen häufiger als Start-ups auf die Straße bringen, wie unsere Kollegin Eva Buchhorn in ihrem Porträt der Spitzen-Uni schreibt .

  • Innovation an der Supermarktkasse: Elektronisches Bezahlen im Handel über kontaktlose Verfahren verbreitet sich auch in Deutschland aus. Der Finanzkonzern Mastercard bringt dabei eine Innovation auf den Markt: Bezahlen per Gesichtserkennung. Unsere Kollegin Sina Osterholt hat sich die Technik von Mastercard angeschaut, dank derer Kunden an der Kasse künftig nur noch in die Kamera schauen, lächeln oder winken müssen.

Meine Empfehlung für den Abend:

Überdurchschnittlich: Der Autozulieferer Continental hat mit Katja Dürrfeld (im Bild) und Ariane Reinhardt zwei Frauen im fünfköpfigen Vorstand. 68 der Top-100-Familienunternehmen haben dagegen ausschließlich Männer in der Führung

Überdurchschnittlich: Der Autozulieferer Continental hat mit Katja Dürrfeld (im Bild) und Ariane Reinhardt zwei Frauen im fünfköpfigen Vorstand. 68 der Top-100-Familienunternehmen haben dagegen ausschließlich Männer in der Führung

Foto: Continental
  • Über den Mangel an Frauen in Führungspositionen wird immer wieder berichtet, stets mit dem gleichen Tenor: Sie machen nach wie vor nur einen geringen Anteil aus, es müsste viel mehr von ihnen geben, die Situation bessert sich zwar, aber viel zu langsam. Grund genug also, das Thema wieder und wieder in den Fokus zu rücken. Die deutsch-schwedische AllBright-Stiftung etwa hat jetzt die Situation in den 100 größten deutschen Familienunternehmen untersucht. Ergebnis: Dort ist der Anteil von Frauen auf der Führungsebene noch geringer als etwa in Dax-Konzernen. Nur 8,3 Prozent der Beschäftigten in den Geschäftsführungen waren zum Zeitpunkt der Studie Frauen. Sollte die Entwicklung so weitergehen wie bisher, dann wäre eine Geschlechterparität im Management der Familienfirmen erst in 50 Jahren erreicht, so die AllBright-Stiftung. Viel Zeit also, während der weiter über dieses Thema berichtet werden sollte.

Beste Grüße, Ihr Christoph Rottwilm