Kai Lange

Der Mittwoch im Überblick Enteignungen, Rubel-Wirtschaft und "Russen-Aldi" auf dem Rückzug

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit möglichen Enteignungen deutscher Unternehmen in Russland, Putins Rubel-Wirtschaft und dem Rückzug des "Russen-Aldi".

Volkswagen, Mercedes und BMW haben ihre Geschäfte in Russland eingestellt - wie die meisten anderen deutschen Konzerne auch. Unternehmen wie Metro, Bayer und Merck, die ihre Aktivitäten in Russland fortführen, sind derzeit eher die Ausnahme. Auch die Baumarktkette Obi, die zum Tengelmann-Konzern gehört, hat ihre 27 Baumärkte in Russland geschlossen. Für Tengelmann-Chef Christian Haub war die Entscheidung klar: "Ich konnte mir einfach aus moralischen Gründen nicht vorstellen, weiterhin Geschäfte in Russland zu betreiben und damit indirekt das dortige Regime finanziell zu unterstützen", sagt Haub im Interview mit manager magazin.

Nun rechnet Haub damit, dass er in Russland enteignet wird. Die rechtlichen Voraussetzungen für die Enteignung ausländischer Unternehmen habe Putin bereits geschaffen: "Ich bin fest davon überzeugt, dass es so weit kommen wird", sagt Haub. Das Russland-Geschäft der Obi-Baumarkttochter schreibt Tengelmann folglich ab. Anders als viele andere Unternehmen, die noch um ihre Fabriken und Vermögenswerte in Russland bangen, sieht Haub diesen harten Schnitt mit großer Gelassenheit: "Ich bin froh, dass damit das Kapitel für uns beendet ist", sagt er. Für ihn gibt es "kein Zurück".

Christian Haub: "Kein Zurück"

Christian Haub: "Kein Zurück"

Foto: Patrick Schuch

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • "Russen-Aldi" prüft Rückzug aus Deutschland: Der russische Discounter Mere wollte weltweit im Eiltempo expandieren – nun befindet sich der Aldi-Konkurrent auf dem Rückzug. In Deutschland betreibt der Hard-Discounter derzeit nur sechs Filialen. Vor zwei Wochen hatte Mere bereits den Rückzug aus Großbritannien angekündigt, und in Frankreich hat das Unternehmen Probleme, Standorte zu bekommen. "Wir beobachten weiterhin die Situation", ließ die deutsche Landesgesellschaft auf Anfrage von manager magazin verlauten. Die weitere Entwicklung sei "nicht vorhersehbar".

  • Auto-Zulieferer Leoni produziert wieder in der Ukraine: Deutschlands Autobauer haben Grund zum Durchatmen - zumindest vorerst. Der Autozulieferer Leoni, einer der wichtigsten Hersteller von Kabelbäumen für die deutsche Autoindustrie, hat die Produktion in den beiden Werken im ukrainischen Lemberg trotz der Ausgangssperren wieder hochgefahren. Zeitweise hatten VW und BMW ihre Bänder anhalten müssen, weil Kabelbäume fehlten. Zugleich verlagert Leoni einen Teil der Produktion in andere Länder, zum Beispiel nach Tunesien, Marokko oder Rumänien.

  • Putin verlangt Rubel für sein Gas: Der russische Diktator Wladimir Putin hat angekündigt, für russisches Gas künftig nur noch Rubel als Bezahlung zu akzeptieren. Beobachter sehen darin eine Eskalation des Wirtschaftskriegs: Für Gaslieferungen gebe es langfristige Verträge, die auf Dollar lauten. Mit seiner Ankündigung breche Putin diese Verträge. Ein Embargo von Energieimporten aus Russland sei mit diesem Schritt wahrscheinlicher geworden.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Die Gewinner der Energiekrise: Wer kann kurzfristig für Russland einspringen? Die Sanktionen gegen Russland sorgen dafür, dass sich Öl- und Gasproduzenten wie Katar, USA oder Kanada derzeit großer Beliebtheit bei europäischen Kunden erfreuen. Doch wie viel Energie können diese Staaten überhaupt langfristig anbieten? Und zu welchen Bedingungen und in welchem Zeitraum? Diese Fragen hat unsere Kollegin Anna Driftschröer in einem Vergleich der Energie-Gewinner für Sie beantwortet.

  • Auf das Schlimmste vorbereitet sein: Der Krieg in der Ukraine betrifft deutsche Unternehmen stärker, als viele glauben. Wirtschaftsprofessor Klaus Schweinsberg sieht jetzt fünf Punkte als existenziell an: Hohe Energiepreise, fragile Lieferketten und mögliche neue Sanktionen gehören ebenso dazu wie mögliche Enteignungen in Russland. Und auch auf den Verteidigungsfall sollten sich Unternehmen vorbereiten, rät Schweinsberg: Wir müssen uns alle dazu zwingen, auch mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Meine Empfehlung für den Abend:

Knappes Weizen-Angebot, steigende Preise: Vielen ärmeren Ländern in Afrika und in Nahost droht Hunger

Knappes Weizen-Angebot, steigende Preise: Vielen ärmeren Ländern in Afrika und in Nahost droht Hunger

Foto: Narendra Shrestha/ dpa
  • Die stark steigenden Preise für Weizen sorgen in Deutschland nur für ein Luxusproblem. Seinen Lebensmittelbedarf deckt Deutschland durch eigenen Anbau, Importweizen aus Russland und der Ukraine wird hierzulande nur als Futtermittel in der Viehzucht eingesetzt. Steigende Futtermittelpreise sind jedoch verschmerzbar im Vergleich zu den Problemen, die nun vielen ärmeren Ländern in Afrika und im Nahen Osten drohen: Diese sind auf Weizenimporte aus Russland und der Ukraine dringend angewiesen. Sollten Russland und die Ukraine als Weizen-Exporteure ausfallen, droht im schlimmsten Fall bis zu 100 Millionen mehr Menschen Hunger, sagt der Agrarökonom Matin Qaim. Im Gespräch mit manager magazin erklärt Qaim, was wir dagegen tun können: Schon der Verzicht auf Biodiesel und die Entscheidung, etwas weniger Fleisch zu essen, würde helfen.

Herzlich, Ihr Kai Lange