Marleen Gründel

Der Mittwoch im Überblick Ein Öko-Siegel für die Kernkraft

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit klimafreundlichen Investitionen in Atomenergie, endenden Investitionen in Wasser und umstrittenen Investitionen in Peking.

In Brüssel hat die EU-Kommission heute trotz massiver Kritik den Vorschlag zur Ergänzung der sogenannten Taxonomie-Verordnung offiziell angenommen. Dadurch werden Investitionen in neue Gas- und Atomkraftwerke aller Voraussicht nach ab Januar 2023 als klimafreundlich eingestuft. Nur so können die gewaltigen Investitionen gestemmt werden, die für eine Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 nötig sind, argumentiert die Kommission.

Erdgas und Atomkraft umweltfreundlich? Angesichts der klimaschädlichen CO2-Emissionen von Gas und der ungelösten Frage des radioaktiven Abfalls, halten das viele Umweltschützer und Wissenschaftler für absurd. Auch die deutsche Regierung hat sich gegen eine Änderung der Verordnung ausgesprochen. Die Chancen, die Regelung jetzt noch zu verhindern, tendieren allerdings gegen null.

Für den Wirtschaftsstandort Deutschland könnte das neue Öko-Siegel fatale Folgen haben. Während fast alle anderen Länder bei der grünen Transformation auf den nuklearen Wiedereinstieg setzen, will die Ampel-Koalition in Deutschland den Strom bald zu 100 Prozent aus Erneuerbaren gewinnen. Doch diese Strategie stößt an ihre Grenzen, beschreibt unser Kollege Christian Schütte. Seine Analyse: Unternehmen könnten künftig dorthin abwandern, wo sie verlässlich CO2-freien Strom bekommen. Die Atomfrage entfacht einen neuen Wettlauf der Systeme .

Kernkraft im Portfolio: EU-Kommissarin Kadri Simson managt den Green Deal für Europas Energiewirtschaft

Kernkraft im Portfolio: EU-Kommissarin Kadri Simson managt den Green Deal für Europas Energiewirtschaft

Foto: FRANCISCO SECO / POOL/AFP via Getty Images

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Nestlé auf dem Trockenen: Der Nahrungsmittelgigant stellt in Deutschland und Österreich den Verkauf des umstrittenen Mineralwassers Vittel ein. Der Schweizer Konzern will sich lieber auf die hochpreisigen Marken San Pellegrino und Acqua Panna fokussieren. Mit der umstrittenen Wassergewinnung in der französischen Kleinstadt Vittel soll der Rückzug dagegen nichts zu tun haben. Dort darf Nestlé jährlich bis zu eine Million Kubikmeter Wasser abpumpen – mit erheblichen Konsequenzen für den Grundwasserspielgel, wie Umweltschützer und Anwohner seit Langem kritisieren.

  • Europäische Zentralbank unter Druck: Die Inflation im Euro-Raum ist im Januar entgegen den Erwartungen weiter gestiegen. EU-Bürger mussten für ihre Waren und Dienstleistungen durchschnittlich 5,1 Prozent mehr ausgeben als ein Jahr zuvor. Das von der Europäischen Zentralbank (EZB) anvisierte Ziel von 2,0 Prozent rückt damit in weite Ferne. Vor der nächsten Zinssitzung am kommenden Donnerstag steigt damit der Druck auf EZB-Chefin Christine Lagarde, die Zinsen doch zu erhöhen.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Olympische Winterspiele in Peking: Mitten in der Omikron-Welle beginnen an diesem Freitag in China die Olympischen Winterspiele. Für Sportler und Fans sind die Olympiawochen noch immer der sportliche Höhepunkt. Aber die Zahl der Kritiker wächst. Sie halten das Sportspektakel für aufgeblasen und fürchten in diesem Jahr eine große chinesische Propagandashow. Wie gigantisch werden die Spiele? Wir haben die wichtigsten finanziellen Kennzahlen für Sie zusammengestellt.

  • Milliardäre im Kaufrausch: Nie zuvor wurden so viele Superyachten verkauft wie im vergangenen Jahr. Insgesamt 887 dieser schwimmenden Luxuswohnungen wechselten 2021 den Besitzer, ein Anstieg von 77 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dank der Geldschwemme der Notenbanken wissen viele Superreiche nicht mehr, wohin mit ihrem Geld. Amazon-Gründer Jeff Bezos wartet derzeit beispielsweise auf die Lieferung seiner 417-Fuß-Segelyacht. Denn auch mit viel Geld lassen sich die Lieferkettenprobleme, der Material- und der Fachkräftemangel nicht einfach überwinden.

Das Neueste aus dem Harvard Business manager:

  • Viertagewoche als Standard: Mal ehrlich, träumen Sie nicht auch ab und zu mal davon, weniger zu arbeiten? In der Personalvermittlung Blackbird Collective ist das für alle Beschäftigte Pflicht. Gründer Artur Kos will sich mit seinem Konzept für eine veränderte Arbeitswelt einsetzen, die den Mitarbeitenden Raum und Energie für ihre persönliche Entwicklung lässt. Die Work-Life-Balance steht dabei im Vordergrund. Wie Kos seine Ideen umsetzt und ob sie funktionieren, hat er unseren Kollegen vom Harvard Business manager erzählt: "Avantgarde für eine neue Arbeitswelt ."

Meine Empfehlung für den Abend:

Bank im Zwielicht: Die Cum-ex-Affäre um die Privatbank Warburg beschäftigt Politik und Justiz schon seit Jahren

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Foto: Morris MacMatzen / Getty Images
  • Seit gut einem Jahr versucht in Hamburg ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss zu klären, warum die städtische Steuerverwaltung so zurückhaltend mit der Privatbank Warburg umging. Bisher konzentrierte sich die Aufklärung auf die Frage, warum die Stadt trotz staatsanwaltlicher Ermittlungen und gegen den ursprünglichen Impuls der eigenen Finanzbeamten 2016 auf eine Steuerforderung von 47 Millionen Euro verzichtete – und was der damalige Hamburger Bürgermeister und heutige Bundeskanzler Olaf Scholz damit zu tun hatte. Nun rücken jüngere Ereignisse in den Fokus: Im Herbst 2019 verhandelten Hamburger Steuerbeamte mit der Bank über einen Deal, der die Steuerzahler 100 Millionen Euro hätte kosten können – obwohl parallel in Bonn schon ein Gerichtsverfahren lief. Unsere Kollegen Oliver Hollenstein und Oliver Schröm haben herausgefunden, wie Hamburgs Finanzbeamte mit Steuersündern kungelten .

Herzliche Grüße und einen schönen Feierabend, Ihre Marleen Gründel