Lukas Schürmann

Der Freitag im Überblick Die Entkrönung der deutschen Start-up-Royals

Jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit entzauberten Einhörnern, Rezessionssignalen aus der Industrie – und einer milliardenschweren Spezialwirtschaft.

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Einhornstatus ist so etwas wie die Krönung für ein Start-up – und noch vor wenigen Monaten gab es eine regelrechte Inflation an neuen Königinnen und Königen. Über 500 Jungunternehmen haben weltweit im Jahr 2021 erstmals eine Milliardenbewertung vermeldet, die Inthronisationen liefen in teils atemberaubendem Tempo: Beim schnellsten deutschen Vertreter, dem Lieferdienst Gorillas, lagen nur neun Monate zwischen der ersten Bestellung und der Übergabe von Zepter und Hermelin durch die Investoren.

Offiziell wird vielen gefeierten Tech-Royals auch heute noch ein Fabelwert zugerechnet. Ihre Geldgeber stellen derzeit allerdings die Guillotinen auf: "Die Einhörner werden zurechtgestutzt", schreiben meine Kollegen Jonas Rest und Christina Kyriasoglou über den steilen Absturz der Bewertungen. Was Deutschlands Start-ups aus Sicht ihrer Geldgeber wirklich noch wert sind und wer vom König zum Thron-Prätendenten zurückgestuft wird, lesen Sie hier. 

Die Trendwende trifft dabei auch den Hochadel des deutschen Managementnachwuchses: Viele Talente haben die vergleichsweise niedrigen Gehälter in Start-ups auch deswegen in Kauf genommen, weil die Gründerinnen und Gründer ihnen für den Fall eines Verkaufs über Aktienoptionen große Gewinne in Aussicht gestellt haben. Warum diese Hoffnungen nun großflächig zerstoben sind und welche verdeckten Vertragsklauseln für böse Überraschungen sorgen, berichtet Jonas Rest im Podcast-Gespräch mit unserem Chefredakteur Sven Clausen.

Abgewertet: Trade-Republic-Co-Gründer Christian Hecker konnte bei der letzten Finanzierungsrunde noch die Bewertung steigern. Inzwischen steht die Trading-App bei ihren Investoren mit deutlichem Discount in der Bilanz.

Abgewertet: Trade-Republic-Co-Gründer Christian Hecker konnte bei der letzten Finanzierungsrunde noch die Bewertung steigern. Inzwischen steht die Trading-App bei ihren Investoren mit deutlichem Discount in der Bilanz.

Foto: Liesa Johannsen

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Industrieaufträge brechen ein: "Diese Zahl macht den an sich guten Start der deutschen Industrie ins Jahr komplett zunichte und ist ein echtes Rezessionssignal." Diese düsteren Worte stimmt LBBW-Volkswirt Jens-Oliver Niklasch an. Der Grund: Die deutschen Industrieunternehmen haben im März 10,7 Prozent weniger Aufträge erhalten als noch im Februar. Das ist der stärkste Rückgang seit dem Beginn der Corona-Krise im April 2020.

  • Apropos Industrie: Um die Wettbewerbsfähigkeit des heimischen produzierenden Gewerbes zu steigern, plant Wirtschaftsminister Robert Habeck einen Maximalstrompreis von sechs Cent je Kilowattstunde. Den Staat könnte das bis 2030 zwischen 25 und 30 Milliarden Euro kosten. Wie das Konzept funktioniert, für wen es gilt und wie es finanziert werden soll, haben wir hier zusammengefasst.

  • Adidas rutscht in die Verlustzone: Im Februar hatte Adidas-Vorstandschef Bjørn Gulden die Märkte bereits auf ein "holpriges Jahr mit enttäuschenden Zahlen" eingestimmt – und tatsächlich musste der immer noch neue CEO heute einen Verlust von 24 Millionen Euro für das erste Quartal verkünden. Für die restlichen neun Monate gibt sich der Norweger allerdings optimistisch, auch Analysten hatten mit noch röteren Zahlen gerechnet.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Der Medizintechnikhersteller Dräger: Während der Pandemie rissen sich Regierungschefinnen und Staatsoberhäupter um die Beatmungsgeräte aus Lübeck, der niederländische König Willem-Alexander rief persönlich bei Vorstandschef Stefan Dräger an, um seinem Volk die begehrte Technik zu sichern. Nach der Gewinnexplosion der Seuchenjahre wirkt der Absturz, den mein Kollege Dietmar Palan nachzeichnet, nun umso verheerender: Rund 65 Millionen Euro Verlust verunstalten die Bilanz für 2022. Dräger selbst sieht die Schuldigen in China – doch das erklärt bestenfalls einen Teil der Misere .

  • Umsatz, EBIT, ROI: Viele Kennzahlen umreißen Größe und Wichtigkeit eines Unternehmens. Den Impact von Siemens Healthineers illustriert eine weniger betriebswirtschaftliche Größe: 35.000 Menschen werden weltweit mit Geräten des Medizintechnikherstellers untersucht – pro Stunde. Nächstes Ziel von Konzernchef Bernd Montag: mit künstlicher Intelligenz noch schneller, besser und vor allem vorausschauend Krankheiten erkennen.  Für die Dynamik und Exzellenz, die Montag in seinem Geschäftsmodell erreicht hat, werden Siemens Healthineers und er mit dem Game Changer Award 2023 ausgezeichnet.

Das Beste aus dem "Economist":

  • Mit dem "crony-capitalism index" zeichnet der "Economist" regelmäßig die Vermögensentwicklung solcher Milliardäre nach, deren Reichtum auf eher unsauberen Geschäften beruht. Zwar haben einige dieser Plutokraten in den vergangenen zwölf Monaten ordentlich Federn lassen müssen – insgesamt ist das Vermögen der schwerreichen Spezialwirtschaft jedoch enorm gewachsen.  (Für die weniger im Bayerischen versierten Leserinnen und Leser haben wir den Text mit "Klüngel-Milliardäre" überschrieben.)

  • China hat in den vergangenen Jahren enorme Summen in seine Infrastruktur gepumpt. Die Investitionen haben indessen nicht in allen Regionen für Wohlstand gesorgt. Einige Landesteile sind abgehängt und hoch verschuldet – der Regierung in Peking mangelt es an guten Lösungsoptionen: Warum Chinas Schuldenkrise unangenehm zu werden droht. 

Meine Empfehlungen für die kommenden Tage:

Regenerieren, essen, planen: Diese drei Tipps sollten Sie zwischen zwei großen Läufen beherzigen

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Foto: Eva-Katalin / iStockphoto / Getty Images
  • Bei uns in Hamburg war der große Tag vor gut zwei Wochen: Zehntausende liefen beim Marathon an Elbe, Alster und meinem Küchenfenster entlang; am folgenden Montag sah man einigen Kolleginnen und Kollegen denn auch einen minimal unrunden Bewegungsablauf an. Den folgenden Text hätte ich ihnen damals gern ans Herz gelegt: Wie überbrückt man die Zeit nach einer Spitzenleistung bis zum nächsten Lauf? Wie gelingen Regeneration, Ernährung, Trainingsplanung? Das hat unsere Laufexpertin Sonja von Opel für Sie zusammengefasst: Vom Ziel zum Start – so bleiben Sie fit.

  • Kaum ein Thema wird gegenwärtig so heiß diskutiert wie künstliche Intelligenz. Wird der Mensch bald überflüssig? Und wie kontrolliert man eine KI? Darüber diskutiert meine Kollegin Gesine Braun am kommenden Mittwoch mit den beiden Autoren der aktuellen Titelgeschichte des Harvard Business managers. Im virtuellen OPEN HOUSE zu Gast: Michael Leitl und Alessandro Brandolisio, die Autoren des Buches "The AI Toolbook. Mit Künstlicher Intelligenz die Zukunft sichern." Ebenfalls mit dabei: Vanessa Just, Start-up-Gründerin und Vorständin beim KI-Bundesverband. Los geht es am 10. Mai um 15 Uhr – hier können Sie sich kostenlos anmelden.

Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende, Ihr Lukas Schürmann

Haben Sie Wünsche, Anregungen, Informationen, um die wir uns journalistisch kümmern sollten? Wir freuen uns auf Ihre Post unter chefredaktion@manager-magazin.de .

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