Marleen Gründel

Der Mittwoch im Überblick Die Jagd auf russische Oligarchen und der Abschied von russischer Energie

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit einer düpierten Oligarchen-Jägerin, einer handlungsfreudigen Schiedsrichterin und einem folgsamen Rohstoffhändler.

Mit der Welt der Superreichen kennt sich Brooke Harrington aus wie kaum jemand anderes. Selbst gelernte Vermögensverwalterin, grub sie sich durch zahlreiche Interviews mit persönlichen Beratern von Millionären und Milliardären tief in die Themen Geldwäsche und heimliche Milliardenvermögen ein. Ihr Buch "Capital without Borders. Wealth Managers and the One Percent" aus dem Jahr 2016 wurde zum Bestseller.

Die heutige Soziologieprofessorin hat sich auch mit der Rolle der russischen Oligarchen in Wladimir Putins Machtsystem beschäftigt. "Mit all ihren Privatjets, Sportklubs und Villen in Südfrankreich eröffnen sie sich den Zugang zu den einflussreichen gesellschaftlichen Kreisen", sagt Harrington im Interview mit unserem Kollegen Christian Schütte. Der Auftrag der Oligarchen sei, die politischen und kulturellen Institutionen des Westens zu infiltrieren und zu manipulieren.

Die wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine verhängten Sanktionen gegen die Oligarchen hält die Harvard-Absolventin daher für sinnvoll. "Es stigmatisiert die Oligarchen, sie werden gemieden", erklärt Harrington. Sie verlören damit ihre Funktion für Putin. Zudem habe sich diesmal eine geschlossene Front gebildet, einschließlich der größten Steueroasen der Welt: den USA, Großbritannien und der Schweiz. Das könnte ihrer Meinung nach sogar der Anfang vom Ende der Steuerparadiese sein. Lesen Sie hier das Interview über die Folgen der Oligarchen-Jagd .

Auf den Spuren des Geldes: Die Offshore-Finance-Spezialistin Brooke Harrington wollte der US-Taskforce "Kleptocapture" helfen, die gegen die sanktionierten russischen Oligarchen vorgehen will. Sie landete zunächst aber nur in einer grotesken Bürokratieschleife.

Auf den Spuren des Geldes: Die Offshore-Finance-Spezialistin Brooke Harrington wollte der US-Taskforce "Kleptocapture" helfen, die gegen die sanktionierten russischen Oligarchen vorgehen will. Sie landete zunächst aber nur in einer grotesken Bürokratieschleife.

Foto:

PR

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Prognose gesenkt: Die fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute Deutschlands rechnen in diesem Jahr nur noch mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 2,7 Prozent. In ihrem Herbstgutachten waren noch 4,8 Prozent veranschlagt worden. Zugleich warnen sie im Falle eines Stopps russischer Gaslieferungen vor einer schweren Rezession und der höchsten Inflation seit Bestehen der Bundesrepublik.

  • Anweisung befolgt: Der Schweizer Ölmulti Vitol, einer der weltweit größten Rohstoffhändler, will seinen Handel mit russischem Öl bis Ende des Jahres einstellen, wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtet. Vitol beugt sich damit offenbar dem Druck aus Kiew. So soll Oleg Ustenko, der Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, zuvor die Konzernchefs der Rohstoffhändler Vitol, Trafigura, Glencore und Gunvor schriftlich aufgefordert haben, ihre Geschäfte mit Russland zu beenden.

  • Anteil aufgestockt: Die Deutsche Telekom hat für 2,4 Milliarden US-Doller weitere 21,2 Millionen T-Mobile-US-Aktien von der Softbank Group übernommen. Damit erhöht sich der Anteil des Konzerns an seiner erfolgreichen US-Tochter auf 48,4 Prozent. Telekom-Chef Tim Höttges hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, die Mehrheit an T-Mobile US übernehmen zu wollen.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Viele westliche Unternehmen haben sich wegen des Krieges in der Ukraine aus Russland zurückgezogen. Moskau droht diesen Firmen mit Enteignungen. Patricia Naciemento, Expertin für internationale Schiedsverfahren und Partnerin bei der Wirtschaftskanzlei Herbert Smith Freehills, rät Unternehmen deshalb, wenn möglich alle Vermögenswerte und Dokumente außer Reichweite des russischen Staates zu bringen. Auch wichtige Entscheidungsträger sollten geschützt werden, bevor sie haftbar gemacht werden können. Welche rechtlichen Möglichkeiten Unternehmer zudem haben, erklärt Naciemento im Interview mit meinem Kollegen Helmut Reich .

Meine Empfehlung für den Abend:

Die PCK-Raffinerie in Schwedt bekommt Rohöl über die russische Druschba-Pipeline - noch: Für eine alternative Versorgung schaffen Unternehmen und Bundesregierung derzeit die technischen Voraussetzungen

Die PCK-Raffinerie in Schwedt bekommt Rohöl über die russische Druschba-Pipeline - noch: Für eine alternative Versorgung schaffen Unternehmen und Bundesregierung derzeit die technischen Voraussetzungen

Foto: Patrick Pleul / dpa
  • Seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine versucht die Bundesregierung, die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu reduzieren. Die Kohleimporte sind das geringste Problem: Bereits in diesem Sommer sollte Deutschland nicht mehr auf Lieferungen des fossilen Brennstoffs aus Russland angewiesen sein. Ende des Jahres will die Bundesrepublik dann auch von russischem Öl unabhängig sein. Deutlich komplizierter ist die Lage beim Gas, hier sollen die Importe nach Meinung der Bundesregierung erst im Sommer 2024 eingestellt werden können. Unsere Kollegin Anna Driftschröer hat sich im Detail angeschaut, inwiefern Unternehmen und Politik die Pläne bisher umgesetzt haben und vor welchen Problemen sie noch stehen.

Herzliche Grüße und einen schönen Feierabend, Ihre Marleen Gründel