Kai Lange

Der Freitag im Überblick Die neuen Regeln der Wirtschaft, Jagd auf Oligarchen und Haft für Boris Becker

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit den neuen Regeln der Kriegswirtschaft, der Jagd auf russische Oligarchen und drei Unternehmen, die die Spielregeln in ihrer Branche verändert haben.

An das Treffen mit US-Vizepräsidentin Kamala Harris und dem US-Senator Lindsey Graham wird sich Oliver Zipse noch lange erinnern. Der BMW-Chef saß Mitte Februar in zunächst entspannter Frühstücksrunde mit mehreren US-Politikern beisammen, als ihn Graham anschließend beiseite nahm und über drei Punkte informierte. Erstens: Die russische Armee werde in wenigen Tagen in die Ukraine einmarschieren. Zweitens: Die Europäer würden den Preis dafür zahlen. Drittens: Die Chinesen würden das eventuell nutzen, um Taiwan einzunehmen. Für Zipse kündigte sich bereits in diesem Moment jene Zeitenwende an, die Kanzler Olaf Scholz wenig später im Deutschen Bundestag ausrief.

Für Zipse wie für alle anderen Wirtschaftschefs gilt seitdem: Keine Entscheidung mehr ohne geostrategische Analyse. Jede Werksansiedlung, jeder Vertriebsplan muss ab sofort auch politisch beurteilt werden. Die neue Wirtschaftswelt wird komplexer, unberechenbarer – und sie wird wahrscheinlich eine geschwächte deutsche Wirtschaft hinterlassen. Wirtschaftsminister Robert Habeck ist derzeit regelmäßiger Gesprächspartner der Bosse: Dabei geht es nicht nur um neue Sanktionen gegen Russland und deren Folgen, sondern auch um Rohstoffe, Energiepreise, Lieferketten und um eine mögliche Rezession.

Für Deutschlands Industrie, jahrzehntelang verwöhnt durch offene Weltmärkte, ist das ein täglicher Höllenritt. Welche Schritte Deutschlands Wirtschaftslenker jetzt gehen müssen, haben unsere Kollegen Michael Freitag und Katharina Slodczyk recherchiert. Ihren Text über die neuen Regeln der Kriegswirtschaft lesen Sie hier.

Akteure der Zeitenwende: RWE-Boss Markus Krebber (l.) mit Wirtschaftsminister Robert Habeck, und dem deutschen Botschafter Claudius Fischbach während einer Reise nach Katar, wo es um Alternativen zum russischen Gas ging

Akteure der Zeitenwende: RWE-Boss Markus Krebber (l.) mit Wirtschaftsminister Robert Habeck, und dem deutschen Botschafter Claudius Fischbach während einer Reise nach Katar, wo es um Alternativen zum russischen Gas ging

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Streit um Gasversorgung privater Haushalte geht weiter: Sollte das Gas in Deutschland demnächst knapp werden, dann möge die Politik das Gas zuerst bei den Privaten abschalten und erst im zweiten Schritt bei der Industrie: Im Interview mit manager magazin hat Deutschlands wichtigster Aufsichtsrat Karl-Ludwig Kley einen Vorrang für Unternehmen gefordert und damit eine heftige Debatte ausgelöst. Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, warnte jetzt davor, private Haushalte vom Netz zu nehmen. Privathaushalte seien gesetzlich geschützte Kunden. Auch der Präsident der Netzagentur, Klaus Müller, lehnte die von Kley geforderte Vorfahrt für die Industrie ab.

  • Russland senkt den Leitzins: Die russische Zentralbank hat den Leitzins von 17 auf 14 Prozent gesenkt. Die Wirtschaft leide zwar unter den internationalen Sanktionen, jedoch seien die Inflationsrisiken nicht weiter gestiegen, sagte Zentralbankchefin Elvira Nabiullina. Zudem prüft die Führung in Moskau angeblich, den Rubel-Kurs künftig an den Goldpreis zu koppeln. Der Rubel erholte sich am Freitag weiter und klettert gegenüber dem Euro auf das höchste Niveau seit mehr als zwei Jahren.

  • Zweieinhalb Jahre Haft für Boris Becker: Der ehemalige Tennisstar und Wimbledonsieger Boris Becker (54) ist zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Er soll im Insolvenzverfahren seine Vermögensverhältnisse verschleiert haben. Das entschied ein Gericht in London am Freitag. Gegen das Urteil kann Becker Rechtsmittel einlegen. Mit der Verschleierung von Vermögen kennt sich die britische Hauptstadt aus: Über Jahrzehnte haben russische Oligarchen im so genannten "Londongrad" Geld in Immobilien angelegt und gewaschen. Betrachtet man das jüngste Verhalten von Großbritanniens Premier Boris Johnson und dessen Lügen im britischen Unterhaus, kann man nicht sicher sein, ob Londons Justiz den richtigen Boris erwischt hat.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Chef des BMW-Betriebsrats fordert Einstieg in die Fertigung von Batteriezellen: Der langjährige Chef des Betriebsrats von BMW, Manfred Schoch, fordert vom Vorstand den Einstieg in die Batteriezellenproduktion. BMW und auch andere Autohersteller seien "viel zu abhängig von Herstellern in China und Korea", sagte Schoch, der 35 Jahre an der Spitze des Konzernbetriebsrats stand, im Gespräch mit manager magazin. Hersteller in Fernost hätten derzeit die Mittel, die deutsche Autoindustrie "brutal zu treffen". BMW verlässt sich bei der Fertigung von Batteriezellen für Elektroautos bislang auf Zulieferer, forscht aber inzwischen auch selbst in einer Pilotanlage.

  • Warum die Jagd auf Oligarchen auch deutsche Milliardäre nervös macht: Die Jagd auf Putins Oligarchen hat eine neue Dynamik entfacht: Weltweit wollen Politiker jetzt Finanzgaunern das Leben schwerer machen. In unserem wöchentlichen Podcast informiert Sie Christoph Nesshöver, welche Rolle Deutschland dabei spielen will. Hören Sie doch mal rein!

Das Beste aus dem Economist:

  • Warum Big Tech so unfassbar viel Geld verdient: US-Techriesen wie Apple, Alphabet, Meta oder Amazon erreichen Gewinnmargen, von denen andere Unternehmen nur träumen können. Warum das so ist, haben unsere Kollegen vom britischen Economist in einem detaillierten Report beschrieben. Sie erklären auch, warum Wettbewerbshüter und Steuerbehörden mehr Transparenz von den Techriesen fordern. A good read!

Meine Empfehlung für den Abend:

Game Changer 2022 - die Jury und die Preisträger: (v. l. n. r.) Walter Sinn, Geschäftsführer Bain & Company Deutschland, Verena Pausder, Gründerin von Fox & Sheep und HABA Digitalwerkstätten, Dominik Richter, Chief Executive Officer & Gründer HelloFresh SE, Rainer Lehmann, Finanzvorstand CFO Sartorius AG, Dr. Joachim Kreuzburg, Vorstandsvorsitzender Sartorius AG, Gerry Mackay, Mitglied des Vorstands Sartorius AG, René Fáber, Mitglied des Vorstands Sartorius AG, Roman Schumacher, Co-Founder & Chief Product Officer Personio GmbH, Philipp Justus, Vice President Central Europe Google, Inc., Simone Salden, Stellvertretende Chefredakteurin manager magazin und Martin Noé, Chefredakteur manager magazin

Game Changer 2022 - die Jury und die Preisträger: (v. l. n. r.) Walter Sinn, Geschäftsführer Bain & Company Deutschland, Verena Pausder, Gründerin von Fox & Sheep und HABA Digitalwerkstätten, Dominik Richter, Chief Executive Officer & Gründer HelloFresh SE, Rainer Lehmann, Finanzvorstand CFO Sartorius AG, Dr. Joachim Kreuzburg, Vorstandsvorsitzender Sartorius AG, Gerry Mackay, Mitglied des Vorstands Sartorius AG, René Fáber, Mitglied des Vorstands Sartorius AG, Roman Schumacher, Co-Founder & Chief Product Officer Personio GmbH, Philipp Justus, Vice President Central Europe Google, Inc., Simone Salden, Stellvertretende Chefredakteurin manager magazin und Martin Noé, Chefredakteur manager magazin

Foto: Bain & Company

Drei neue Gamechanger: Was haben der Kochboxen-Versender Hello Fresh, der Medizintechnik-Konzern Sartorius und das Software-Unternehmen Personio gemeinsam? Die drei Unternehmen sind Gewinner des diesjährigen Game Changer Awards, den manager magazin und die Unternehmensberatung Bain jährlich vergeben. Ausgezeichnet werden Unternehmen, denen es mit Innovationen gelungen ist, die Spielregeln in ihrer Branche zu verändern. Hello Fresh und Sartorius sind bereits im Dax notiert und haben eine Erfolgsgeschichte an der Börse geschrieben. Personio ist inzwischen Deutschlands drittgrößtes nicht börsennotiertes Start-up. Was die drei diesjährigen Gewinner besonders auszeichnet, erfahren Sie hier.

Herzlich, Ihr Kai Lange