Christoph Rottwilm

Der Mittwoch im Überblick Lichtscheue Gestalten und ein Comeback ins Rampenlicht

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit dem Traum von einer deutschen Guardia di Finanza, dem schier endlosen Albtraum der Bayer-Aktionäre und einer Wende, von der Donald Trump womöglich nicht zu träumen gewagt hat.

7500 Milliarden Dollar sind ein hübsches Sümmchen. So viel Geld lagert Schätzungen zufolge auf Offshore-Konten rund um den Globus. Es gehört russischen Oligarchen und anderen lichtscheuen Gestalten der Weltwirtschaft, die sich von Heerscharen von Anwälten, Wirtschaftsprüfern, Strohleuten und Vermögensverwaltern dabei helfen lassen, ihr Vermögen vor der Öffentlichkeit und vor allem vor Steuerbehörden geheim zu halten. Seit Jahren scheitern alle Versuche, dieser Schattenfinanzwelt beizukommen – vor allem in Deutschland. Die Bundesrepublik gilt als Paradies für Geldwäscher, denn hierzulande mangelt es nicht nur an geeigneten Gesetzen gegen das zwielichtige Treiben, sondern auch an Verfolgungsbehörden, die diese Regeln durchsetzen könnten.

Doch das soll sich nun ändern. Der Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Sanktionen, die gegen Russlands Superreiche verhängt wurden, bringen Dynamik in die Sache. Und in Kanzler Olaf Scholz und Finanzminister Christian Lindner, die plötzlich zu Vorkämpfern gegen Briefkastenfirmen, Schwarzgeld und Steuerhinterziehung mutieren. So soll Deutschland nun aufrüsten, mit mehr Transparenz, schlagkräftigeren Behörden und bislang nicht gekannter Härte gegen die Schattenfinanziers. Sogar eine Finanzpolizei nach dem Vorbild der italienischen Guardia di Finanza, die nicht nur mit außergewöhnlichen Befugnissen, sondern vor allem mit beeindruckender Bewaffnung ausgestattet ist, schwebt dem Ampel-Kabinett vor. Ein Gedanke, bei dem auch unbescholtenen deutschen Unternehmerfamilien ein wenig mulmig wird, wie mein Kollege Christoph Neßhöver in seiner spannenden Geschichte über das Thema berichtet .

Befugt und bewaffnet: Die italienische Guardia di Finanza dient Finanzminister Christian Lindner als Vorbild

Befugt und bewaffnet: Die italienische Guardia di Finanza dient Finanzminister Christian Lindner als Vorbild

Foto:

Jacopo Gugliotta / picture alliance/dpa/LaPresse via ZUMA Press

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Rückstellungen bei der Allianz: Der Hedgefonds-Skandal der Allianz wird noch teurer. Investoren hatten mit sogenannten Structured-Alpha-Fonds des Versicherers zu Beginn der Corona-Krise Milliarden verloren und geklagt. Auch das US-Justizministerium und die Börsenaufsicht hatten sich eingeschaltet. Jetzt stellt die Allianz für die Klagen noch einmal 1,9 Milliarden Euro zurück. Damit kostet der Skandal den Versicherungsriesen bereits insgesamt 5,6 Milliarden Euro.

  • Rückschlag für Bayer: Im Rechtsstreit um angebliche Krebsrisiken seines glyphosathaltigen Unkrautvernichters Roundup hofft Bayer auf eine Berufung vor dem Obersten Gericht der USA – doch daraus wird womöglich nichts. Die Generalstaatsanwältin der US-Regierung hat dem Gericht empfohlen, die Berufung abzuweisen, und in den meisten Fällen folgt der Supreme Court dieser Empfehlung. Die Unsicherheit über den Fortgang des Streitthemas nimmt damit wieder deutlich zu. Neue Klagen könnten folgen, und die Schadensersatzforderungen gegen den Dax-Konzern könnten weiter steigen. Die Bayer-Aktie brach am Dienstag zweistellig ein.

  • Rückkehr in Sicht: Donald Trump war als US-Präsident einer der eifrigsten Twitter-Nutzer mit vielen Millionen Followern. Weil er angesichts des Sturms seiner Fans auf das Kapitol in Washington Anfang 2021 zu Gewalt aufgerufen haben soll, wurde er jedoch von dem Kurznachrichtendienst verbannt. Elon Musk steht nun kurz davor, Twitter zu übernehmen. Er wolle die Redefreiheit auf der Plattform stärken, hat der Unternehmer bereits angekündigt. Jetzt wurde Musk konkreter: Sobald er bei Twitter am Ruder sei, wolle er die Sperre aufheben, die gegen Trump verhängt wurde, sagte der reichste Mann der Welt in einem Interview.

Was heute sonst noch wichtig war:

  • Dax-Chef im Abstiegskampf: Fresenius-Chef Stephan Sturm macht derzeit keine gute Figur an der Spitze des Gesundheitskonzerns. Sein Auftritt bei der Bilanzpressekonferenz Ende Februar war geradezu verheerend: Sturm wollte mit Kosteneinsparungen und Verkaufsplänen von Firmenteilen gute Stimmung verbreiten. Stattdessen reagierten Analysten enttäuscht und zweifelten die Wachstumsaussichten des Dax-Konzerns an. Ob sich der CEO an der Fresenius-Spitze halten kann, wird auch von Michael Sen abhängen. Der frühere Eon- und Siemens-Manager wurde im Vorstand bereits als möglicher Nachfolger platziert .

Meine Empfehlung für den Abend:

Besorgt: Tech-Investor Philipp Klöckner befürchtet Start-up-Pleiten

Besorgt: Tech-Investor Philipp Klöckner befürchtet Start-up-Pleiten

Foto:

Marzena Skubatz für manager magazin

Beste Grüße, Ihr Christoph Rottwilm