Kai Lange

Der Mittwoch im Überblick Ein nervöser Kanzler und eine Anzeige gegen Evergrande

Liebe Leserin, lieber Leser,

Jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit einem kritischen Blick auf den Wahlsieg von Olaf Scholz, einem Achtungserfolg von Automanager Carlos Tavares und einem einsamen Kampf gegen Chinas Immobilienriesen Evergrande.

Bundeskanzler Olaf Scholz steht derzeit im Rampenlicht der Weltpolitik. Erst ein Treffen mit US-Präsident Joe Biden im Weißen Haus, dann ein neuer Vermittlungsversuch bei Russlands Präsident Wladimir Putin im Moskau. Kurz darauf verkündet Scholz den vorläufigen Stopp der Erdgaspipeline Nord Stream 2: Die eskalierende Ukraine-Krise macht deutlich, welch wichtige Rolle der deutsche Regierungschef in der EU und innerhalb der westlichen Allianz spielt.

So überraschend Scholz' Wahlsieg bei der Bundestagswahl im September war, so kritisch verlief auch der Wahlkampf des SPD-Kanzlerkandidaten. Mitten im Bundestagswahlkampf prüfte die Staatsanwaltschaft Hamburg in kleinstem Kreis Ermittlungen gegen Olaf Scholz wegen seiner Verstrickungen in der Cum-ex-Steueraffäre.

Unter dem Aktenzeichen 5700 Js 1/20 hatten die Staatsanwälte Vorermittlungen rund um die Entscheidung der Hamburger Finanzverwaltung begonnen und geprüft, ob sie offiziell Ermittlungen einleiten – auch gegen Scholz persönlich. Ein offizielles Ermittlungsverfahren mitten im Wahlkampf, es wäre ein Albtraum für Olaf Scholz und für die SPD gewesen. Warum es nicht dazu kam und warum Scholz' Wahlsieg wohl auch von einer Hamburger Staatsanwältin abhing, haben unsere Kollegen Oliver Hollenstein und Oliver Schröm dokumentiert.

Bundeskanzler Olaf Scholz: Die Cum-Ex-Affäre wirft lange Schatten

Bundeskanzler Olaf Scholz: Die Cum-Ex-Affäre wirft lange Schatten

Foto: STR/ AFP

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Sanktionen gegen Russland: Nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ostukraine haben die westlichen Bündnispartner erste Strafmaßnahmen gegen Russland verhängt. Die Gaspipeline Nord Stream 2 ist bereits gestoppt, und seit heute kann Russland auch keine Staatsanleihen am Finanzplatz London mehr platzieren. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat ausgerechnet, dass ein Stopp von Gasimporten aus Russland die russische Wirtschaft hart treffen würde: Die russische Wirtschaftsleistung würde allein dadurch um knapp 3 Prozent sinken.

  • Rekordzahlen des Autoriesen Stellantis: Carlos Tavares mag es groß. Der Automanager sanierte erst Peugeot und Citroën, dann Opel und führte schließlich die PSA-Gruppe mit dem Autokonzern Fiat Chryler zusammen. Der fusionierte Autoriese Stellantis ist hinter VW, Toyota und General Motors der viertgrößte Autobauer der Welt und hat im Jahr 2021 einen Umsatz von 152 Milliarden Euro erreicht. Der Reingewinn des Riesen beträgt ein Jahr nach der Fusion rund 13,5 Milliarden Euro. Damit zeigt Tavares: Fusionen können funktionieren. Er liefert damit das Gegenbild zum damaligen Fusionsdebakel DaimlerChrysler, an dem der deutsche Autobauer fast zerbrochen wäre. Die Dividende für Stellantis-Aktionäre soll übrigens um 70 Prozent steigen.

  • Hoffnung für Henkel: Auch der im Dax notierte Konsumgüterkonzern Henkel hat seine Aktionäre erfreut und den Gewinn im Jahr 2021 um 16 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro gesteigert. Im Klebstoffgeschäft mit Marken wie Pritt lief es dabei deutlich besser als im Kosmetikbereich. Die Kosmetiksparte mit Marken wie Schwarzkopf entging nach Informationen des manager magazins nur knapp dem Verkauf und wäre um ein Haar an den US-Konzern Coty abgegeben worden. Nun hat sich Henkel-Chef Carsten Knobel entschlossen, die Kosmetiksparte mit dem Bereich Wasch- und Reinigungsmittel mit Marken wie Persil zusammenzulegen. Die Henkel-Aktie war am Mittwoch Spitzenreiter im Dax – doch für Konzernchef Knobel bleibt noch viel zu tun.

Der Karrieretipp des Tages:

  • Ideen sind gut, aber sie sind nicht alles: Sie haben einen guten Einfall? Dann sollten Sie vor allem lernen, sich bei der Umsetzung Ihrer Idee nicht selbst im Wege zu stehen. Wie sie mit dem richtigen Selbstmanagement den Weg von einer Idee zur wirklichen Innovation schaffen, erläutern die Kollegen vom Harvard Business manager.

Meine Empfehlung für den Abend:

Und wer schützt die Gläubiger? Polizisten sichern die Zentrale des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande (Archiv)

Und wer schützt die Gläubiger? Polizisten sichern die Zentrale des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande (Archiv)

Foto: DAVID KIRTON / REUTERS
  • Es ist ein Kampf David gegen Goliath, und der Einsatz ist hoch: Seit Monaten taumelt der chinesische Immobilienriese Evergrande und hält seine Gläubiger hin. Der Konzern ist mit 300 Milliarden US-Dollar verschuldet. Vor allem ausländische Gläubiger warten vergeblich auf Zinszahlungen. Einer dieser Gläubiger ist der deutsche Kreditexperte Marco Metzler. Er hat jetzt Strafanzeige gegen Evergrande wegen Insolvenzbetrugs gestellt. "Wir treten nicht nur gegen Evergrande an, sondern auch gegen die chinesische Regierung", sagt Metzler. Im Interview mit unserem Kollegen Lutz Reiche spricht Metzler über seinen scheinbar aussichtslosen Kampf – und warum es ihm wichtig ist, dass sich Evergrande nicht so einfach hinter Pekings Politbossen verstecken kann.

Herzlich, Ihr Kai Lange