Oliver Hollenstein

Der Donnerstag im Überblick Panik allerorten und entspanntes Warten bei der EZB

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute geht es um Panik bei VW, Panik an den Börsen und eine ganz entspannt wartende EZB.

Wenn Sie diesen Newsletter regelmäßig lesen, wissen Sie: Kaum ein Thema beschäftigt Anleger und Unternehmer derzeit so stark wie die Inflation. Im Euroraum sind Waren und Dienstleistungen in den vergangenen zwölf Monaten um 5,1 Prozent teurer geworden. Das ist weit weg von dem Ziel, das sich die Europäische Zentralbank (EZB) eigentlich gesetzt hat: Zwei Prozent soll die Inflation demnach betragen.

Dennoch reagiert die EZB erst einmal – nicht. Der Leitzins bleibt bei 0 Prozent, Banken müssen weiterhin Strafzinsen zahlen, wenn sie überschüssiges Geld bei der Notenbank parken. Das hat Notenbankchefin Christine Lagarde heute mitgeteilt. Die EZB sei zwar "besorgt" wegen der Inflationsrisiken, wolle aber "nicht übereilt" agieren. Sie rechne damit, dass sich die Inflation im Laufe des Jahres abschwäche, sagte Lagarde.

Damit weicht der Kurs der EZB von dem der amerikanischen Fed ab. Der oberste US-Notenbanker Jerome Powell hatte kürzlich ein Ende der Politik des billigen Geldes in Aussicht gestellt. Bis zu vier Zinserhöhungen könnte es in diesem Jahr geben, um die Teuerung einzudämmen.

Auch in Europa sorgen sich viele Volkswirte um die Inflation und halten eine Zinserhöhung für notwendig. Die Politik der EZB wirke wie aus der Zeit gefallen, kommentierte etwa der Ökonom Friedrich Heinemann vom Mannheimer ZEW die aktuelle Entscheidung.

Das Problem der europäischen Währungshüter: Viele Euro-Staaten sind so hoch verschuldet, dass Zinserhöhungen sie an den Rand der Pleite bringen können. "Die Zinsen müssen wegen der enormen Verschuldung niedrig bleiben", sagt Anlagestratege Philipp Vorndran von der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch.

Was bedeutet das für Anlegerinnen und Anleger? Das haben meine Kollegen Kai Lange und Christoph Rottwilm für Sie zusammengefasst: Was Aktionäre über Inflation wissen müssen. 

Entspannte Währungshüterin: EZB-Chefin Christine Lagarde

Entspannte Währungshüterin: EZB-Chefin Christine Lagarde

Foto: Thomas Lohnes / Getty Images

Die Wirtschaftsnews des Tages:

Die Personalien des Tages:

  • Katharina Peterwerth, bislang zuständig für Volkswagens Konzernorganisation, wechselt überraschend zum Haniel-Konzern – als Chefin für Strategie und Personal . Bei VW war die ehemalige McKinsey-Beraterin zuletzt zwischen die Fronten geraten, als VW-Boss Herbert Diess und Betriebsratschefin Daniela Cavallo sich wegen eines möglichen Personalabbaus befehdeten.

  • Jochen Eickholt wird zum 1. März Chef von Siemens Gamesa. Der Energietechnikkonzern Siemens Energy versucht mit dem Führungswechsel die Probleme seiner spanischen Windenergietochter in den Griff zu bekommen. Gamesa hatte kürzlich zum dritten Mal in neun Monaten seine Prognosen nach unten korrigiert.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Im Herbst herrschte unter deutschen Autobossen fast Panik. Damals wurde der Grüne Anton Hofreiter als Verkehrsminister gehandelt. Der galt als unberechenbar, gar radikal. Es kam bekanntlich anders. Neu-Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) hat nun dem Verband der Automobilindustrie einen Antrittsbesuch abgestattet. Alle Großen aus der Industrie waren dabei – und begeistert. "Das war sensationell", freute sich einer der Teilnehmer. "Kein Vergleich zu dem, was sein Vorgänger hier die letzten Jahre abgeliefert hat." Was die Autochefs besonders glücklich machte: Wissing streute Zweifel an der reinen Elektrozukunft. 

Meine Empfehlung für den Abend:

Wenig Grund zum Jubeln: VW in China

Wenig Grund zum Jubeln: VW in China

Foto: VCG / IMAGO
  • ­China ist der wichtigste Markt für den Volkswagen-Konzern. Hier verdient er die Milliarden für die Transformation, hier sollte die Elektrostrategie von Herbert Diess ihre Wucht entfalten. Doch es läuft nicht. Die Verkäufe sind 2021 eingebrochen wie nirgendwo sonst auf der Welt, die Joint-Venture-Partner sind vergrätzt – und der erhoffte Kickstart ins Elektrobusiness ist gründlich misslungen. Alarm! Intern wird seit Wochen hektisch gegengesteuert, Diess versucht, die Investoren zu beruhigen. Doch die Ziele für 2022 sind schon deutlich nach unten korrigiert. "Das geht alles fast in Richtung Panik", hat ein Konzernstratege unserem Kollegen Michael Freitag erzählt. Welche gravierenden Fehler gemacht wurden und wie es nun weitergeht, lesen Sie hier: Volkswagens China-Problem. 

  • Wenn Sie sich für noch mehr exklusive Nachrichten aus der Automobilbranche interessieren, empfehle ich Ihnen unseren Newsletter manage:mobiltiy. Sie können ihn hier bestellen.

Einen schönen Abend wünscht Ihnen

Oliver Hollenstein