Kai Lange

Der Donnerstag im Überblick Wer darf künftig noch Mercedes fahren?

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Protz-Alarm bei Mercedes, einer Schnäppchenjagd auf die Solarisbank und einem Ex-Airbus-Chef, der noch einmal abheben will.

Teurer, edler, Mercedes: Konzernchef Ola Källenius will Mercedes zur lupenreinen Luxusmarke machen. "Economics of Desire" lautete die Devise, die Källenius den Analysten beim jüngsten "Capital Markets Day" einhämmerte. Beim stilvollen Sundowner in der Sommervilla von Karl Lagerfeld ließ Källenius mitteilen, man habe gerade ein Mercedes-Coupé aus dem Jahr 1955 für 135 Millionen Euro versteigert. Das saß.

Alle Aufmerksamkeit gilt nun dem Top-Segment. Bislang haben Teilemangel und lange Wartezeiten die Preise hochgehalten und dafür gesorgt, dass Mercedes im ersten Quartal 15 Prozent Umsatzrendite einfuhr. Källenius' Luxusstrategie soll diese Margen bald dauerhaft garantieren. Konkret bedeutet das: Ab 2026 soll jeder fünfte Mercedes mehr als 100.000 Euro kosten. Der Durchschnittspreis soll von 70.000 auf 85.000 Euro steigen. Und im unteren Segment, etwas verschämt "Entry Luxury" genannt, will Mercedes die Produktion schrittweise senken.

Im schwäbischen Ländle stößt die Luxusstrategie auf Kritik. Was, wenn sich selbst die Belegschaft ihren Benz bald nicht mehr leisten kann? Wenn die Luxus-Ausrichtung als Protz-Strategie wahrgenommen wird und Kunden vergrault? Källenius jedoch will sich seine Top-Luxury-Strategie nicht von Sparfüchsen verwässern lassen. Mercedes war schon immer Luxus, weiß Källenius. Und künftig eben noch ein bisschen mehr, wie unsere Autoren Michael Freitag und Margret Hucko nach Gesprächen mit etlichen Insidern aus dem Konzern beschreiben: Mercedes und die heikle 100.000-Euro-Frage.

Übrigens: Der A-Capella-Song "Oh Lord, won´t you buy me / a Mercedes Benz" war der letzte Song, den Rock-Legende Janis Joplin am 1. Oktober 1970 aufnahm, drei Tage vor ihrem Tod.

Mercedes und die 100.000-Euro-Frage: Wer kann sich künftig noch Mercedes leisten?

Mercedes und die 100.000-Euro-Frage: Wer kann sich künftig noch Mercedes leisten?

Foto: Mercedes-Benz AG - Global Communications Mercedes-Benz Cars & Vans / Daimler AG

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Habeck ruft Alarmstufe aus: Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat die zweite Stufe im "Notfallplan Gas" ausgerufen. Anlass sind die gekürzten russischen Gaslieferungen sowie die hohen Preise am Gasmarkt. "Gas ist von nun an ein knappes Gut", sagte Habeck. Der Status der Alarmstufe ist eine Voraussetzung, um vermehrt Kohle-Kraftwerke wieder ans Netz zu holen. Ab Erreichen der dritten Stufe darf der Staat auch in den Gasmarkt eingreifen.

  • Streik an Deutschlands Seehäfen: Tausende Hafenarbeiter haben am Donnerstag einen Warnstreik begonnen, um bessere Löhne zu erstreiten. Betroffen sind die Häfen Hamburg, Emden, Bremerhaven, Bremen, Brake und Wilhelmshaven. Die ohnehin angespannte Lage bei der Abfertigung von Containern und Frachtschiffen verschärft sich nun.

  • Kampf gegen Inflation: Norwegens Notenbank hat den Leitzins um 0,5 Prozent angehoben, um die Teuerung zu bekämpfen. Die türkische Zentralbank lässt die Zinsen dagegen unverändert – obwohl das Land mit einer Inflationsrate von rund 70 Prozent konfrontiert ist.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Poker um die Solarisbank: Womöglich sind Sie auch Kundin oder Kunde bei der Solarisbank, ohne es zu wissen: Wer zum Beispiel beim Online-Broker Trade Republik Aktien handelt, die App Samsung Pay zum Bezahlen nutzt oder seine Bitcoin-Käufe über die Kryptobörse Binance abwickelt, nutzt dafür vermutlich ein Konto bei dem Berliner Fintech. Streng genommen ist die von Roland Folz geführte Solarisbank ein Tech-Unternehmen mit einer deutschen Banklizenz. Es ist daher in der Lage, seinen mittlerweile rund 90 Partnern "Banking as a Service" anzubieten, die auf diese Weise mit unter das Haftungsdach der von der deutschen Finanzaufsicht Bafin kontrollierten Bank schlüpfen. Doch die jüngsten Börsenturbulenzen und der Crash am Kryptomarkt setzen auch der Solarisbank zu: An den ursprünglich geplanten Börsengang ist vorerst nicht mehr zu denken, Ärger mit den staatlichen Aufsehern gibt es ohnehin. Dies weckt das Interesse von Finanzinvestoren wie Advent oder CVC, zu einem möglichen Schnäppchenpreis einzusteigen. Doch die Berliner Neobank mit mehr als einer Million Kunden in Deutschland will sich nicht unter Wert verkaufen. All das und die Hintergründe zum Poker um die Solarisbank hat unsere Kollegin Mirjam Hecking recherchiert.

Meine Empfehlung für den Abend:

Major Tom muss ran: Tom Enders kommt als Lilium-Chairman aus der Deckung

Major Tom muss ran: Tom Enders kommt als Lilium-Chairman aus der Deckung

Foto: Daniel Karmann/ dpa
  • Einsatz für Major Tom: Bislang hielt sich Ex-Airbus-Chef Tom Enders in seiner Rolle als Chairman beim Flugtaxi-Start-up Lilium vornehm zurück. Doch damit ist nun Schluss. Gründer Daniel Wiegand muss seinen Posten als CEO räumen. Stattdessen übernimmt Klaus Roewe, ein Mann, den Enders aus gemeinsamen Airbus-Zeiten gut kennt. Denn der Plan, bis 2025 mit dem Lilium-Jet einen elektrisch angetriebenen Siebensitzer an den Markt zu bringen, der senkrecht starten und landen kann, gilt schon jetzt als utopisch. Nun setzt Enders auf Erfahrung statt Pioniergeist, um den Lilium-Traum doch noch real werden zu lassen. Es ist eine brutale Mission für "Major Tom", wie unsere Kollegen Christina Kyriasoglou, Michael Machatschke und Jonas Rest mit vielen exklusiv recherchierten Details beschreiben.

Herzlich, Ihr Kai Lange