Christoph Rottwilm

Der Mittwoch im Überblick Berater im Boom und Notenbanker im Irrtum

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Rollkoffern in Berlin, Fehleinschätzungen in Frankfurt und einer Heizungsfirma in einer Börsenhülle.

Ohne Berater geht in der Politik und in der öffentlichen Verwaltung in Deutschland nichts mehr. Bataillone von Consultants haben in den vergangenen Jahren ein Milliardengeschäft mit Bund, Ländern und Kommunen sowie öffentlich kontrollierten Unternehmen aufgebaut. Sie kommen aus Strategiehäusern wie McKinsey, Roland Berger oder der Boston Consulting Group, von Accenture oder Capgemini sowie zunehmend auch von den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie EY oder KPMG. Die Umsätze, die die Rollkofferzieher mit dem Staatsapparat erzielen, wuchsen zuletzt rasant auf mehr als 3,5 Milliarden Euro im Jahr. Und die Pläne der neuen Ampel-Regierung lassen erahnen: Auch künftig werden Steuergelder in der Beraterbranche die Kasse klingeln lassen.

Zur Ikone des Geschäfts wurde vor einigen Jahren Katrin Suder. Die ehemalige Büroleiterin von McKinsey in Berlin wechselte als Staatssekretärin ins Bundesverteidigungsministerium unter Ministerin Ursula von der Leyen. Fortan fremdelte sie offenbar mit Bürokratie und Behördenwelt – und löste mit der Vergabe zahlreicher Aufträge in ihrer vorherigen Branche regelrechte Beraterfestspiele aus.

So einträglich ist das Consulting-Geschäft mit der öffentlichen Hand inzwischen, dass auch der Staat selbst daran mitverdient. Gegründet wurde zu dem Zweck schon vor einigen Jahren die Partnerschaft Deutschland – kurz: PD –, eine Consultingfirma unter deutscher Flagge. Mit bereits mehreren hundert Mitarbeitenden mischt die PD nun kräftig mit in der öffentlich-rechtlichen Consulting-Bonanza. Und das auf der Überholspur, wie Kollege Dietmar Palan weiß : Als Starthilfe und Wachstumstreiber für die PD änderte die damalige Bundesregierung von CDU/CSU und SPD eigens das Gesetz, das die Auftragsvergabe öffentlicher Stellen an Beratungsfirmen regelt.

Invasion der Staatsdiener: Wenn es klemmt, setzt der Staat auf Berater statt auf Beamte

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Die Wirtschaftsnews des Tages:

Was heute sonst noch wichtig war:

  • Notenbanker im Irrtum: Am morgigen Donnerstag geschieht bei der Europäischen Zentralbank sehr wahrscheinlich historisches. Nach mehr als zehn Jahren des billigen Geldes wird die Bank ihren Kurs ändern. Damit gestehen die Notenbanker um Präsidentin Christine Lagarde auch ein wenig ihren bisherigen Irrtum ein: Monatelang hatten sie sich geweigert, die Ernsthaftigkeit des Inflationsproblems anzuerkennen. Ob sie den Kampf gegen die Preissteigerungen jetzt noch rechtzeitig aufnehmen, wird sich noch zeigen. In jedem Fall ist es ein guter Zeitpunkt für eine Zwischenbilanz: Kollege Kai Lange hat sich noch einmal angeschaut, wie sich die Zentralbanker um Lagarde in den vergangenen Monaten zum wachsenden Inflationsproblem geäußert haben. Herausgekommen ist eine Dokumentation: Die Chronik einer historischen Fehleinschätzung .

  • Spac-Deal in Sicht: Vor zwölf Monaten gab Gisbert Rühl seinen Job an der Spitze des Duisburger Metallhändlers Klöckner & Co. auf – jetzt ist er wieder aktiv . Gemeinsam mit Partnern hat Rühl eine Börsenhülle - eine sogenannte Spac - geschaffen. Damit will er in Kürze das Heizungstechnikunternehmen Tado an den Aktienmarkt bringen. Für Rühl ist es nicht der erste Spac-Deal: Auch den Hörboxenhersteller und Kinderzimmerliebling Tonies lotste er auf diesem Wege bereits an die Börse.

Spac-Fan: Ex-KlöCo-Chef Gisbert Rühl hat eine neue Aufgabe gefunden

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Foto: Daniel Delang für manager magazin

Meine Empfehlung für den Abend:

  • Die Corona-Politik, die Preisexplosionen im Einzelhandel oder einfach die Frage Home Office oder nicht – an Themen, über die man diskutieren kann, mangelt es wahrlich nicht. Doch eine vernünftige Debatte zu führen, die nicht in Streit ausartet, das ist schon im privaten Umfeld mitunter schwierig. Im Job ist so etwas oft heikel. Arbeitgeber und Führungskräfte neigen daher nicht selten dazu, kontroverse Themen auszublenden, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Doch das ist genau der falsche Weg. Unternehmen sollten stattdessen die Scheu vor Meinungsverschiedenheiten ablegen und eine Mentalität sowie eine Sprache entwickeln, die für alle Anschauungen offen sind, meinen unsere Kollegen vom Harvard Business manager . Und sie erklären auch ausführlich, wie das gelingen kann.

Beste Grüße, Ihr Christoph Rottwilm