Lukas Heiny

manage:mobility Autobosse im Netflix-Zirkus

Liebe Leserin, lieber Leser,

unsere Themen der Woche:

  • Der neue Bling-bling-Netflix-Erfolg der Formel 1.

  • Die Entzauberung des Superstars von Auto1.

  • Manfred Schoch zieht Bilanz nach 35 Jahren an der BMW-Betriebsratsspitze.

  • Volkswagens Software-Chaos schwächt die Position des Konzernchefs.

Ich wünsche viel Spaß mit der neuen Ausgabe unseres wöchentlichen Mobility-Newsletters.

Top-Thema: Das wundersame Comeback der Formel 1

Champangerlaune: Die Rennfahrer Charles Leclerc, George Russell und Sergio Perez feiern ihren Podiumsplatz beim Grand Prix in Australien

Champangerlaune: Die Rennfahrer Charles Leclerc, George Russell und Sergio Perez feiern ihren Podiumsplatz beim Grand Prix in Australien

Foto: Dan Istitene / Formula 1 / Getty Images

Die Formel 1 ist eigentlich ein anachronistischer Sport. In Zeiten von Fridays for Future schien das Spektakel, das mit mehreren Jumbos von Strecke zu Strecke in oftmals nicht ganz lupenreinen Demokratien zieht, dem Untergang geweiht. Doch es erlebt ein geradezu groteskes Comeback. Alle wollen plötzlich dabei sein. Porsche und Audi bieten dreistellige Millionenbeträge – auch wenn die Verhandlungen aktuell nicht einfach sind. Meine Kollegen Margret Hucko (selbst ausgestattet mit einer Rennfahrlizenz) und Michael Freitag haben mit den Strippenziehern gesprochen und schildern in ihrem Inside-Report die fünf Erfolgsfaktoren der Formel 1 . Einer davon: Netflix. Es ist ein Lehrstück über das Aufladen einer Marke unter extrem widrigen Umständen.

Köpfe: Herbert Diess ++ Manfred Schoch ++ Cristina Rocco ++ Jim Farley

Unter Druck: VW-Chef Herbert Diess kommt nun freitags regelmäßig bei Cariad vorbei

Unter Druck: VW-Chef Herbert Diess kommt nun freitags regelmäßig bei Cariad vorbei

Foto:

Daniel Pilar/laif

  • Herbert Diess (63), Volkswagen-Chef und im Vorstand für die Softwaretochter Cariad verantwortlich, muss deren Scheitern verantworten. Die Probleme sind so massiv, dass sich sogar der Zeitplan für ganze Modellreihen verzögert: Artemis, Macan, sogar der neuen Elektrogeneration Trinity droht ein noch späterer Start. Die sonst ruhigen Familien Porsche und Piëch werden schon nervös, hat mein Kollege Michael Freitag erfahren. "Die Familie fragt", ist ein untrügliches Alarmsignal für jeden Konzernchef in Wolfsburg. Der aktuelle will sich nun mit einer Allianz retten. 

  • Manfred Schoch (66) war mehr als die Hälfte seines Lebens Betriebsratschef bei BMW. Nach 35 Jahren macht er nun Platz – und zieht im Interview mit uns Bilanz.  BMW sei viel zu abhängig von China und Korea, brauche endlich eine eigene Batteriezellproduktion – und ein neues Modell.

  • Cristina Rocco, zuvor unter anderem bei ABB, wird neue Chief Operating Officer  bei Rock Tech Lithium. Die börsennotierte Firma will bekanntlich ab 2024 von Brandenburg aus massenhaft Lithium für Batteriezellen liefern.

  • Jim Farley (59), Ford-Chef, hat in einer Lightning-Show den elektrischen Pick-up-Truck F-150 präsentiert. Kernfeatures: der "Frunk" (Kofferaum vorn) und allerlei Steckdosen was ihn zu einer "Elektro-Plattform auf Rädern" (Farley) macht. Hier gehts zum Video.  Schon einen Tag später allerdings musste er einen 3,1-Milliarden-Dollar-Quartalsverlust  melden – es glänzt halt nicht alles.

Unternehmen: Auto1 ++ Renault ++ Volkswagen ++ Lucid Motors ++ Mercedes

Sweet Dreamer: Die Auto1-Gründer Christian Bertermann (l.) und Hakan Koç machte der Börsengang reicher als alle Start-up-Gründer vor ihnen. Doch dann kam der Absturz.

Sweet Dreamer: Die Auto1-Gründer Christian Bertermann (l.) und Hakan Koç machte der Börsengang reicher als alle Start-up-Gründer vor ihnen. Doch dann kam der Absturz.

Foto: Jan Philip Welchering
  • Das Start-up Auto1 und dessen Gründer Christian Bertermann (38) und Hakan Koç (37) waren vor Kurzem noch die Superstars der deutschen Techszene. Größer ging es nicht, und noch heute rühmt sich CEO Bertermann "neuer Rekorde". Doch tatsächlich liefert er den Paradefall für eine Missmanagement-Geschichte, wie mein Kollege Jonas Rest recherchiert hat. Auto1 verpasste viele Chancen und droht nun von neuen Rivalen abgehängt zu werden. Die Autoloser – Entzauberung einer Starfirma. 

  • Nun also doch. Der französische Autobauer Renault, gerade noch mit Abstand Marktführer in Russland, zieht sich zurück. Die 68-Prozent-Beteiligung am Lada-Hersteller Avtovaz geht für einen Rubel (!) ans Wissenschaftsministerium, das Werk bei Moskau an die Stadtregierung.

  • Die neue Weltlage für auch zu einer Neuorientierung bei Volkswagen, wie mein Kollege Michael Freitag recherchiert hat. Druck in Europa und ein mulmiges Gefühl wegen der Abhängigkeit von China (wo es zuletzt ja eher mittelgut lief) führen zu einer neuen USA-Offensive. Herbert Diess plant ein zweites Werk, auch eine Batteriezellproduktion wird erwogen. Alles in der Nähe des jetzigen Standorts Chattanooga.

  • Elektro-Newcomer Lucid Motors dagegen orientiert sich noch stärker in Richtung Saudi-Arabien. Der Staatsfonds des autoritär regierten Ölstaats ist ohnehin Großaktionär, CEO Peter Rawlinson will im Land eine Fabrik bauen. Nun wollen die Saudis bis zu 100.000 Elektroautos von Lucid kaufen.

  • Ola Källenius (52) kann recht entspannt der virtuellen Hauptversammlung am Freitag entgegenblicken. Das erste Quartal von Mercedes-Benz lief – Luxusautos und Preiserhöhungen sei dank – mit 5,3 Milliarden Euro Gewinn und einer Marge von 16,3 Prozent ziemlich sehr gut. Der Ausblick ist ebenfalls gut – wenn auch mit erheblichen Risiken.

Mobilität: Deutsche Bahn ++ ADAC

Parteilos mit klarem Kurs: die neue Staatssekretärin Susanne Henckel

Parteilos mit klarem Kurs: die neue Staatssekretärin Susanne Henckel

Foto:

Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

  • Bahnchef Richard Lutz (57) stehen ungemütliche Zeiten bevor. Im Bundesverkehrsministerium ist mit Susanne Henckel (57) seit vergangener Woche eine versierte Kritikerin seines Kurses als Staatssekretärin und Bahn-Verantwortliche inthronisiert. Was das für den Staatskonzern bedeutet (Spoiler: Alptraum), beschreibt mein Kollege Michael Machatschke. Eine Einheizerin für den Bahnchef. 

  • Um die Abhängigkeit von russischem Öl weiter zu reduzieren, ruft auch der ADAC seine Mitglieder zum Umdenken und Spritsparen auf. Präsident Christian Reinecke sagt, es sei auch möglich, "zum Bäcker mit dem Fahrrad anstatt mit dem SUV" zu fahren.

Deep Drive: Studie der Woche

Die Unternehmensberater von McKinsey untersuchen in einem aktuellen Report  die ökonomischen Implikationen, die eine Umstellung auf eine emissionsfreie Verkehrswelt bis zum Jahr 2050 mit sich bringen würde. In den kommenden Jahrzehnten würden jeweils Investitionen von 3,4 Billionen Dollar fällig, jährlich 100 Milliarden Dollar allein für Lade- und Wasserstoffinfrastruktur. Immerhin: Ab 2025 dürften Elektroautos trotz der erheblich höheren Anfangsinvestitionen in Europa und China insgesamt billiger sein als Verbrenner – in den USA ab 2030. Und, auch das, insgesamt werden netto wohl weltweit 14 Millionen Jobs in der Autoindustrie verloren gehen.

Zahl der Woche: 44

So viele Milliarden zahlt Elon Musk (50), um Twitter zu übernehmen. Warum wir das in unseren Mobility-Newsletter aufnehmen? 1. Weil Twitter die inoffizielle PR-Maschine von Tesla ist. 2. Weil Musk einen Teil der Summe über Kredite finanziert, die mit Tesla-Aktien besichert sind, und einen weit größeren Teil womöglich über den Verkauf von Tesla-Aktien – der Tesla-Kurs sank nach der Einigung um 126 Milliarden Dollar binnen eines Tages. 3. Weil Tesla im wichtigen Markt China nun Probleme bekommen könnte – analysiert zumindest Amazon-Gründer Jeff Bezos (58), auf Twitter natürlich. 

Geisterfahrer der Woche

"Insbesondere das Spurhaltesystem ist unzuverlässig": Gutachten kritisiert Teslas Autopilot-Funktion – im Bild ein Model Y in Grünheide

"Insbesondere das Spurhaltesystem ist unzuverlässig": Gutachten kritisiert Teslas Autopilot-Funktion – im Bild ein Model Y in Grünheide

Foto: IMAGO/Jochen Eckel

Es sei schlicht "verrückt", wie profitabel des Geschäft mit selbst fahrenden Teslas werde, staunte Elon Musk (50) gerade erst wieder vor Investoren. Doch vom Robotaxi ist nicht viel zu sehen, die Autopilot-Funktion "volles Potenzial für autonomes Fahren" steuert nicht wie sie soll. Erstmals bestätigt jetzt sogar ein im Auftrag eines deutschen Gerichts erstelltes Gutachten grundlegende Mängel des Systems. Mein Kollege Jonas Rest hat das Papier vorliegen und analysiert: Phantom am Steuer. 

Ich wünsche Ihnen eine bewegte Woche!

Herzlichst, Ihr Lukas Heiny

P.S.: Sorry, Naren Shaam! In der vergangenen Woche hatte ich ein schickes Foto von Ihnen hier im Newsletter – hab Sie aber in der Bildunterschrift Michael Lohscheller genannt. Dabei ist klar: Omio ist nicht Opel.