Kai Lange

Der Dienstag im Überblick Abschied eines deutschen Champions, Albtraum auf der Autobahn

Jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit dem Abschied von Deutschlands wertvollstem Konzern, der Ankunftsrede des neuen Adidas-Chefs und einem Albtraum auf der Autobahn.

Der Spezialgasehersteller Linde ist das wertvollste börsennotierte Unternehmen in Deutschland, mit weitem Abstand vor dem Software-Hersteller SAP und dem Elektronikriesen Siemens. Dennoch hört man kaum etwas von dem stillen Champion, der vor knapp 150 Jahren in Wiesbaden gegründet wurde. Und wenn die Linde-Aktionäre am Mittwoch dem geplanten Abschied aus dem Dax zustimmen, wird sich der Traditionskonzern Linde bald vollends aus Deutschland verflüchtigen.

Ein Abschied Lindes wäre ein weiterer Schlag für den Finanzstandort Deutschland, der im Vergleich zu den Börsen in New York, London oder Tokio kaum eine Rolle spielt. Erst Anfang der Woche hatte eine Studie des ZEW gezeigt, dass Deutschland als Standort für Unternehmen nur noch wenig attraktiv ist. Nun droht auch die erste deutsche Börsenliga ihren Spitzenreiter zu verlieren. Steuerlich hat Linde längst seinen Sitz im irischen Dublin, operativ geführt wird der deutsche Champion aus den USA heraus – und künftig soll der Konzern nur noch im US-Index S&P 500 gelistet sein.

Den Rückzug orchestriert hat Wolfgang Reitzle. Der ehemalige Linde-Aufsichtsratschef hat keine Zeit für Sentimentalitäten, schreiben meine Kollegen Eva Buchhorn und Christoph Rottwilm: Für Reitzle zählt ausschließlich der Shareholder Value, der Wert für Aktionäre. Reitzle fädelte 2018 die Fusion zwischen Linde und dem US-Konkurrenten Praxair ein, die in Wirklichkeit eine Übernahme Lindes durch das US-Unternehmen war. Linde wurde zum größten Gasehersteller der Welt und schrittweise zu einem durch und durch amerikanischen Unternehmen. Auch deshalb hat sich Linde seit der Fusion besser entwickelt als der Dax, und auch deshalb kommen die meisten Linde-Aktionäre heute aus den USA. Statt nun lautstark einen Ausverkauf zu beklagen, sollten Investoren, Gesetzgeber und Topmanager ganz unsentimental prüfen, wie sie den Finanz- und Unternehmensstandort Deutschland wieder stärken können. Dann hätte der schleichende Abschied des ehemals deutschen Champions Linde doch noch eine positive Seite.

Wolfgang Reitzle: Der ehemalige Linde-Aufsichtsratschef fädelte 2018 die Übernahme von Linde durch den US-Konkurrenten Praxair ein – und stellte damit die Weichen für Lindes Abschied aus Deutschland

Wolfgang Reitzle: Der ehemalige Linde-Aufsichtsratschef fädelte 2018 die Übernahme von Linde durch den US-Konkurrenten Praxair ein – und stellte damit die Weichen für Lindes Abschied aus Deutschland

Foto: Bert Bostelmann für manager magazin

Die Wirtschaftsnews des Tages:

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Die Regierungserklärung des neuen Adidas-Chefs: Adidas-CEO Bjørn Gulden ist erst seit zwei Wochen im Amt, macht aber schon klare Ansagen für den Weg aus der Krise. Der Norweger und ehemalige Puma-Chef will bei Adidas wieder Heimatgefühl, Begeisterung und Kreativität entwickeln: Dinge, die Mitarbeitende unter Guldens zahlenfixierten Vorgänger Kasper Rorsted vermisst hatten. Selbst einen Strategieschwenk hat Gulden intern schon angedeutet, berichtet mein Kollege Christoph Nesshöver. Warum Gulden seiner neuen Truppe sogar seine Handynummer verriet, lesen Sie hier.

  • Wie sieht der perfekte CEO aus? Wenn Unternehmen ihre Spitzenkräfte auswählen, achten sie stark auf Fachkenntnisse: große Fähigkeiten im Management, ein gutes Händchen für Finanzen, langjährige Erfahrungen in der Branche. Topmanager müssen heute allerdings vor allem eines gut können: mit Menschen umgehen. Deshalb sind soziale Skills und Empathie für Konzernlenker wichtiger denn je. Unsere Kolleginnen und Kollegen vom Harvard Business manager beschreiben in ihrer aktuellen Titelstory, welche Fähigkeiten CEOs heute mitbringen müssen, um eine diverse, technisch versierte und globale Mannschaft zu motivieren und zu führen. "Können Sie CEO?" Das lesen Sie hier.

Meine Empfehlung für den Abend:

Gefragte Logistikexperten: Rund 80 Schwertransporte sind notwendig, bis ein Windrad steht und Strom produziert

Gefragte Logistikexperten: Rund 80 Schwertransporte sind notwendig, bis ein Windrad steht und Strom produziert

Foto: PR
  • 80 Schwertransporte für ein Windrad: Wer auf der Autobahn schon einmal einen Schwertransport mit Windrad-Rotorblättern überholt hat, weiß: Diese Dinger nehmen kein Ende. Da Windkraftanlagen immer größer und effizienter werden, können auch die Rotorblätter eine Länge von mehr als 100 Metern erreichen. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie müssen mit so einem Ding hinter sich von der Autobahn abbiegen. Ein Albtraum? Eben. Der Logistik-Experte Helmut Schgeiner weiß genau, welche Kurven und welche Hindernisse ein Windrad-Schwertransport meistern muss. Bis zu 80 Schwertransporte pro Windrad müssen organisiert und angemeldet werden. Im Gespräch mit meinem Kollegen Helmut Reich erzählt Schgeiner, wie er technische Herausforderungen (etwa eine kurzfristig eingerichtete Baustelle auf der Fahrbahn) meistert – und wie er an den bürokratischen Herausforderungen langsam verzweifelt: "Bei über 100 Meter langen Rotorblättern kommen wir an unsere Grenzen."

Herzlich, Ihr Kai Lange

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