Kai Lange

Der Donnerstag im Überblick Kurssturz als kleineres Übel

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit einem heilsamen Kurssturz an der Börse, einem unbelehrbaren Präsidenten und einem handfesten Familienkrach bei Continental.

Jerome Powell kann derzeit eigentlich nur verlieren: Erhöht der Chef der US-Notenbank Fed die Zinsen nur zaghaft, läuft ihm die Inflation davon, die schon jetzt an den Einkommen von Amerikas Bürgern nagt. Erhöht er die Zinsen kräftig und in rascher Folge, wird die US-Wirtschaft wahrscheinlich in eine Rezession stürzen .

Bei der Wahl zwischen zwei Übeln hat sich Powell für das vermeintlich kleinere entschieden. Mit der XL-Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte gestern Abend hat die US-Notenbank klargestellt, dass sie die Inflation entschlossen bekämpfen will – und dabei auch einen wirtschaftlichen Abschwung in Kauf nimmt. Die eigene Glaubwürdigkeit ist für die Federal Reserve das höchste Gut. Denn nur wenn Währungshüter konsequent handeln, können sie die Inflationserwartungen der Bürger langfristig senken.

Für die Börsen bedeutet dies zunächst Verluste in Milliardenhöhe. Der deutsche Leitindex Dax und der US-Index Dow Jones haben seit Jahresbeginn jeweils rund 16 Prozent an Wert verloren. Beim Tech-Index Nasdaq 100 betragen die Verluste sogar 30 Prozent. Doch die US-Notenbank hat nicht die Aufgabe, die Börsenkurse zu stützen. Sie ist den Zielen Preisstabilität und Vollbeschäftigung verpflichtet und nicht auf den Applaus der Wall Street angewiesen. Die Fed erhöht nun den Preis des Geldes im Eiltempo, um die Inflation in den USA bis Jahresende unter die Marke von 5 Prozent zu drücken. Dies ist ein kleiner Trost für Geldanleger, die derzeit auf tiefrote Vorzeichen blicken. Es ist das kleinere von zwei Übeln.

Fed-Chef Jerome Powell: Der Preisstabilität und Vollbeschäftigung verpflichtet, nicht der Wall Street

Fed-Chef Jerome Powell: Der Preisstabilität und Vollbeschäftigung verpflichtet, nicht der Wall Street

Foto: OLIVIER DOULIERY / AFP

Die Wirtschaftsnews des Tages:

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Ein Präsident hat sich verzockt: El Salvador gehört zu den ärmsten Ländern Südamerikas. Präsident Nayib Bukele hat dennoch vor neun Monaten die hochriskante Kryptowährung Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel in seinem Land eingeführt. Zudem hat die Regierung des hoch verschuldeten Landes selbst kräftig in Bitcoin investiert. Nach dem jüngsten Bitcoin-Crash hat sich mehr als die Hälfte des Investments in Luft aufgelöst. Doch Bukele gibt sich unbeirrt: Das Geld sei ja nicht weg, lässt er verkünden. Man habe ja noch keinen Bitcoin verkauft.

  • Wie Sie Ihr Team unterstützen: Viele Führungskräfte tun sich schwer, ihr Team in emotionalen Ausnahmesituationen zu unterstützen. Dabei würde es schon helfen, ein paar einfache Regeln zu befolgen. Hüten Sie sich zum Beispiel vor Verharmlosungen oder vor herabsetzenden Formulierungen. Auch Lösungen zu verordnen mit Ratschlägen wie "Sie sollten mal wieder ...", geht in der Regel schief. Führungskräfte-Coach Sara Noll Wilson hat einen prägnanten Ratgeber zusammengestellt, wie Sie mit Ihrem Team über Emotionen sprechen.

Die Personalie des Tages:

  • Martin Peters, Chef des Automobilzulieferers Eberspächer, steht unter Druck. Zuletzt gelang den Schwaben wenig: Die Nachfrage nach Abgassystemen brach ein, ein Hackerangriff legte einen Monat lang fast alles lahm, das komplexe Geschäft mit Katalysatoren drückt auf die Liquidität. Die Kreditgeber haben eine Independent Business Review angefordert. Die Banken heizen Eberspächer ein.

Meine Empfehlung für den Abend:

Zum Händeraufen: Continentals Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle

Zum Händeraufen: Continentals Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle

Foto: Matthias Balk / dpa / picture alliance
  • Dieselstreit bei Conti: Die Autozulieferer Continental und Vitesco, Kolosse mit zusammen gut 40 Milliarden Euro Umsatz, waren bis vor einem Jahr ein einziges Unternehmen. Man schied in bester Harmonie. Doch jetzt hat die Dieselaffäre die Unternehmen eingeholt. Ehemalige und noch aktive Spitzenkräfte streiten mit teils bizarr anmutender Vehemenz, wer wann was wusste von möglichen Verfehlungen – und wer eben nicht. Im Zentrum stehen ausgerechnet Conti-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle und der bei beiden Unternehmen als Großaktionär investierte Georg Schaeffler. Unsere Kollegen Sven Clausen und Michael Freitag berichten über den handfesten Dieselstreit in der Conti-Familie.

Herzlich, Ihr Kai Lange