Corinna Scheying

Newsletter "Der Tag" Der Tag mit der Zombifizierung des Standorts D

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Insolvenzverwaltern und Zombie-Firmen, der Übernahme von Tiffany durch LVMH und psychologischer Hilfe bei Angst im Arbeitsleben.

Während die Weltwirtschaft unter der zweiten Pandemiewelle ächzt und die Regierungen den nächsten Shutdown einleiten, kommen ökonomische Hilferufe aus etlichen Branchen. Allein nach Schätzungen des Gaststätten- und Hotelverbandes könnte ein Drittel der 245.000 heimischen Gastro-Betriebe den Winter nicht überstehen, hart trifft es bekanntlich auch den Handel oder die Kultur- und Veranstaltungswirtschaft.

Die kommende Pleitewelle lässt ein paar Leute schon jetzt die Hände reiben. "Covid ist für unsere Branche kein Virus, sondern ein Vitamin", gibt ein Münchener Gläubigerberater zu. Die Sanierungszunft wittert ein riesiges Geschäft, die dräuende Bonanza wird zu einem wilden Gezerre um die unternehmerischen Opfer der Pandemie führen.

Dass sich jetzt allerdings der Staat in ihr Geschäft einmischt, schmeckt den Insolvenzverwaltern so gar nicht. Mit einem neuen Gesetz will die Regierung ab Januar die Rettung konkursreifer Unternehmen erleichtern – außerhalb von Insolvenzverfahren. Schon jetzt, durch Aussetzung der Pflicht zur Insolvenzanmeldung, schleppen sich Hundertschaften von Firmen durch die Pandemie, die im Normalfall längst nicht mehr lebensfähig wären. Wie Deutschland seine Zombie-Firmen retten will und wohin sich das Geschäft mit kranken Unternehmen verlagert,  beschreibt mein Kollege Thomas Werres.

The dead don't die: Angeschlagene Unternehmen bekommen eine zweite Chance

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Update zur Corona-Krise:

  • Erneut vermeldet das Robert Koch-Institut Rekordzahlen mit mehr als 16.000 Corona-Neuinfektionen an einem Tag. Das Nachbarland Frankreich, wo die Neuinfektionen ebenfalls stark steigen, wird Deutschland noch am Freitag mit einem strengen Lockdown zuvorkommen.

  • In Sachen Nothilfen gab die Bundesregierung heute neue Versprechen, ohne ins Detail zu gehen. Wirtschafts- und Finanzminister sagten massive staatliche Unterstützung für die von Schließungen betroffenen Branchen zu. Die Finanzhilfe soll ein Volumen von bis zu zehn Milliarden Euro haben. Außerdem sollen die bisherigen Überbrückungshilfen für kleine und mittlere Betriebe bis ins Jahr 2021 verlängert und verbessert werden.

  • Und Kanzlerin Angela Merkel sagte im Bundestag: "Der Winter wird schwer. Aber er wird enden." Dazu könnte dann auch die Hilfe der Europäischen Zentralbank beitragen. Die hat bei ihrer heutigen Sitzung den Leitzins zwar unverändert gelassen – für den Dezember aber eine grundlegende Neubewertung der Lage angedeutet. Das riecht förmlich nach vielen weiteren Anleihe-Milliarden.

Die wichtigsten Wirtschaftsthemen des Tages:

  • Nach einem verlustreichen ersten Halbjahr verbucht Volkswagen im dritten Quartal einen Milliardengewinn. Grund dafür ist das Comeback von Chinas Automarkt. Dort ist der Absatz sogar stärker als 2019, während er im Rest der Welt schrumpft.

  • Bei Volkswagens Lkw-Tochter MAN hatte man sich aufgrund der weltweit stark sinkenden Nachfrage nach Lastwagen monatelang keine neue Prognose zugetraut. Nun wagt der neue Chef Andreas Trostmann einen Blick in die Zukunft: Er rechnet mit "erheblich" zurückgehenden Erlösen und einem Minus von 500 bis 750 Millionen Euro für das Jahr 2020.

"Ein Leader muss auch über Leichen gehen", sagt ein ehemaliger Topmanager über den LVMH-Chef Bernard Arnault

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Foto: Jamel Toppin/The Forbes Collection via Contour RA by Getty Images
  • Es sollte eine schillernde Traumhochzeit werden - und wurde zum Rosenkrieg. Schließlich hat die US-Juwelierkette Tiffany nun einem gesenkten Kaufpreis für die Übernahme durch den französischen Luxusgüterkonzern LVMH zugestimmt. Die Zweckehe kommt mit einem 425-Millionen-Rabatt für 15,8 Milliarden Dollar zustande. Für LVMH-Eigner Bernard Arnault hat es übrigens Prinzip, die Not der anderen zum eigenen Vorteil zu nutzen. Aus diesem Anlass nehmen wir Sie gern noch einmal mit in die geheimnisvolle Traumfabrik des Kommerz. In einem großen Inside-Report beschreibt mein Kollege Martin Mehringer das Disneyland der Konsumgüterindustrie und seinen Anführer, den "Wolf im Kaschmirmantel": So funktioniert der größte Luxuskonzern der Welt. 

Meine Empfehlung für den Abend:

  • Die steigenden Corona-Zahlen machen vielen Menschen Angst. Wenn Mitarbeiter die Sorgen nicht mehr in den Griff bekommen, sollten Führungskräfte handeln und unterstützen. Die Psychologin Ellen Hendriksen weiß, welche Warnzeichen es gibt und wie Vorgesetzte empathisch reagieren. Aus Anlass der aktuellen Pandemiesituation bieten meine KollegInnen vom Harvard Business manager Ihnen das Interview mit der Expertin kostenfrei zum Lesen an: Wenn die Angst der Arbeit schadet. 

Herzlich, Ihre Corinna Scheying

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