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Kai Lange

Der Dienstag im Überblick Zu viel Geld jagt zu wenig Ware

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Unternehmen, die sich vor der Inflation schützen, EU-Ländern, die sich vor Gasmangel schützen und einem Bahn-Chef, der vor allem sich selbst schützt.

Teure Butter, teures Brot, teures Benzin – und bei den Nebenkosten wahrscheinlich eine Nachzahlung in Höhe von zwei Monatsmieten. Menschen in Deutschland spüren derzeit konkret, wie sich eine Inflation von aktuell knapp 9 Prozent anfühlt. Doch wie werden jetzt Unternehmen reagieren, denen die Preisexplosion bei Rohstoffen und Vorprodukten die Jahresgewinne zu verhageln droht? Unser Kollege Christian Schütte hat mit dem weltweit renommierten Preisstrategen Hermann Simon gesprochen, wie Unternehmenschefs jetzt auf die Inflation reagieren müssen. Simons Rat: Unternehmen müssen so schnell wie möglich vor die Kostenwelle kommen. Wer jetzt 3 Monate abwartet, riskiert, das angepeilte Jahresergebnis zu zerstören.

Das bedeutet: Unternehmen müssen früh die Preise erhöhen, um den Kostenanstieg abzufangen. Chefs müssen sämtliche Bereiche aktivieren, um das Problem zu meistern: Der Einkauf muss die Versorgung sichern und Preiskompromisse finden, die Produktion muss neu kalkulieren, der Vertrieb muss höhere Preise durchsetzen. "Erschwerend kommt hinzu, dass niemand praktische Erfahrung mit diesem Problem hat", sagt Simon. "Die letzte große Inflationsphase war vor 50 Jahren."

Viele hegen noch die Hoffnung, die Kostenschocks würden bald nachlassen. Wenn neue Chipfabriken gebaut sind, die weltweiten Lieferketten wieder funktionieren und die Gas- und Ölpreise sich normalisieren, kann es Entlastung an der Preisfront geben. Aber, warnt Simon: Die weltweite Geldmenge hat sich durch die Politik der Notenbanken sehr stark aufgebläht – und lässt sich nur langsam wieder zurückführen. "Zu viel Geld jagt zu wenig Ware", lautet das Fazit des Preis-Strategen. Er schätzt: "Die Inflation wird uns noch mindestens zehn Jahre begleiten." 

Pricing Man: Hermann Simon rechnet mit 10 Jahren Inflation

Pricing Man: Hermann Simon rechnet mit 10 Jahren Inflation

Foto: Henning Ross

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • EU-Staaten einigen sich auf Gas-Notfallplan: Russland hat die Gaslieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 erneut stark gedrosselt. Die EU stellen sich mit einem Notfallplan auf den Tag ein, an dem Russlands Präsident Putin den Hahn komplett zudreht. Von Anfang August bis Ende März sollen die EU-Staaten ihren Gasverbrauch freiwillig um 15 Prozent senken, so der Plan. Sollte Gas in einigen EU-Ländern sehr knapp werden, soll die EU auch die Möglichkeit haben, den Ländern verbindliche Sparvorgaben zu geben.

  • IWF senkt seine Wachstumsprognose: Die Weltwirtschaft wird wegen des Kriegs in der Ukraine und der weiterhin hohen Inflation langsamer wachsen als erwartet. Das geht aus der neuen Prognose des Internationalen Währungsfonds hervor. Das globale Wachstum werde in diesem Jahr nur noch 3,2 Prozent betragen, 0,4 Prozentpunkte weniger als noch im April angenommen. Für die Eurozone erwartet der IWF ein um 0,2 Prozentpunkte geringeres Wachstum von 2,6 Prozent.

  • Lufthansa streicht am Mittwoch fast alle Flüge: Das Chaos an deutschen Flughäfen wird sich am morgigen Mittwoch noch einmal verschärfen. Der Streik des Lufthansa-Bodenpersonals führt dazu, dass die Deutsche Lufthansa für diesen Tag mehr als 1000 Flüge gestrichen hat. Auch Verbindungen in die USA sind betroffen.

  • Porsche-Investoren sind verunsichert: Porsche-Chef Oliver Blume soll ab September zusätzlich den gesamten VW-Konzern führen. Den geplanten Börsengang der Porsche AG kann Blume dann nur noch als Teilzeit-Chef über die Bühne bringen. Blumes Doppelbelastung verärgert viele Porsche-Investoren: Laut einer Umfrage des Investmenthauses Bernstein sprachen sich mehr als 40 Prozent der Profi-Anleger dafür aus, den Börsengang der VW-Tochter Porsche erst einmal zu verschieben.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Coinbase und der Krypto-Crash: Der Kurssturz der Kryptowährungen wie Bitcoin, Ether und Co hat auch die weltgrößte Kryptobörse Coinbase schwer getroffen. Nun sucht Coinbase-Gründer Brian Armstrong neues Vertrauen der Investoren und neue Geschäfte. Der Krypto-Rausch ist vorbei, die Belegschaft dezimiert, der Aktienkurs am Boden: Und dennoch sieht sich Armstrong auf dem besten Weg, zum Apostel eines neuen, seriösen Kryptozeitalters zu werden. Wie Coinbase durch den Kryptowinter kommen will, beschreibt unsere Kollegin Hannah Steinharter.

Ein "weißer Ritter" im wilden Finanzchaos: Coinbase-Gründer Brian Armstrong

Ein "weißer Ritter" im wilden Finanzchaos: Coinbase-Gründer Brian Armstrong

Foto:

Steven Ferdman / Getty Images

Meine Empfehlung für den Abend:

Verspätung bei der Bahn-Reform: Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) wollte bei der Deutschen Bahn radikal aufräumen und den Umbau des Konzerns zur Chefsache machen. Doch bislang sieht es danach aus, dass der glücklose Bahn-Chef Richard Lutz Wissings Pläne durchkreuzt und Herr des Geschehens bleibt, wie unser Kollege Michael Machatschke analysiert. Zunächst hat sich Lutz bei einer wichtigen Personalie gegen Wissing durchgesetzt: Als Nachfolger für den abgetretenen Bahn-Vorstand Ronald Pofalla drückte Lutz seinen Vertrauten Berthold Huber durch – mit Hilfe der Gewerkschaft und der SPD. Und auch strategisch steht Lutz inzwischen als Gewinner da: Statt Reformen umzusetzen, kommt er mit einfacher Rhetorik davon - wie etwa dem lauen Versprechen, das marode Schienennetz "ab 2024 grundlegend zu ertüchtigen". Eine Bahn-Reform wird, wenn überhaupt, mit Verspätung kommen.

Herzlich, Ihr Kai Lange

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