Christoph Rottwilm

Newsletter "Der Tag" Der Tag mit der Perle im Schaufenster

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute dabei: ein Aktienkurssprung mit Ansage, ein Elektroautobauer mit Luxusproblem und ein Bankchef mit Fusionslust.

Börsenkurse kann man bekanntlich nicht vorhersagen, das weiß jeder. Als Kollegin Angela Maier von der Recherche erzählte, die sie gemeinsam mit Michael Freitag über den Autozulieferer Hella vorantrieb, war jedoch schnell klar: Das würde am Aktienmarkt für Bewegung sorgen. So kam es dann auch. Am Dienstagnachmittag, nach der Veröffentlichung, notierte die Hella-Aktie mehr als 10 Prozent im Plus.

Maier und Freitag haben herausgefunden, was die Hella-Haupteigner wohl lieber noch diskret behandelt hätte: Die milliardenschwere Industriellenfamilie Hueck hat nämlich die Investmentbank Rothschild beauftragt, einen Käufer für ihr 60-prozentiges Aktienpaket zu finden.

Damit zeichnet sich ein Milliardendeal ab: Beim Autozulieferer Hella, spezialisiert auf Scheinwerfer, handelt es sich um so etwas wie eine Perle im Aktienindex MDax. Das Unternehmen steuert solide durch die Aufs und Abs der Autobranche und ist auch für die elektromobile Zukunft gut gerüstet. Konzernchef Rolf Breidenbach konnte nach überstandener Corona-Delle zuletzt sogar die Prognose für das laufende Geschäftsjahr anheben - ein Sparprogramm inklusive Jobabbau dürfte helfen. Weitere Details, die Anleger auf ein attraktives Kaufangebot setzen lassen, lesen Sie hier: Hella-Eigner sondieren Verkauf der Aktienmehrheit 

Perle zu verkaufen: Die beiden Macher beim Autozulieferer – Jürgen Behrend von Gesellschafterseite und Vorstandschef Rolf Breidenbach – zu Beginn von Hellas Börsenzeit 2014. Nun könnte diese enden.

Perle zu verkaufen: Die beiden Macher beim Autozulieferer – Jürgen Behrend von Gesellschafterseite und Vorstandschef Rolf Breidenbach – zu Beginn von Hellas Börsenzeit 2014. Nun könnte diese enden.

Foto: Arne Dedert/ picture alliance / dpa

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Luxusproblem à la Tesla: Der Autobauer legte zum siebten Mal in Folge einen Quartalsgewinn vor und erfüllte damit auch ziemlich genau die Erwartungen des Marktes – die Aktie rutschte dennoch ab. Ein Grund: Den Profit generierte Tesla-CEO Elon Musk nicht gerade mit seinem Kerngeschäft, sondern zum Großteil durch den Verkauf von Abgaszertifikaten sowie von Bitcoins (die er zuvor unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit erworben hatte). Alle Infos zu Teslas Quartalsbilanz finden Sie hier.

  • Probleme gibt es zudem erneut auf Teslas Großbaustelle in Grünheide bei Berlin. Diesmal geht es um falsch verlegte Abwasserrohre, wie Sie hier nachlesen können.

  • Bei geplanten Fabrikschließungen in Babenhausen und Karben kam Continental-Chef Nikolai Setzer den Arbeitnehmern bereits entgegen, jetzt zeigt er sich erneut kompromissbereit: Das Aus für das Reifenwerk von Continental in Aachen wird um ein Jahr verschoben.

  • Nachdem die Pleite des US-Hedgefonds Archegos bei der Credit Suisse bereits zu Milliardenabschreibungen geführt hat, wird heute klar: Auch der Schweizer Konkurrent UBS blieb nicht unbeschadet. Beinahe 800 Millionen Dollar kostete das Debakel die Bank – ein sichtbarer Schatten auf dem Milliardengewinn, den Bankchef Ralph Hamers dennoch für das Quartal präsentieren konnte.

  • An der Spitze des Daimler-Konzerns gibt es so etwas wie eine Good-Cop-Bad-Cop-Aufteilung. Der Gute ist Ola Källenius, der Vorstandschef. Der Hardliner ist Wilfried Porth, als Personalvorstand für die Umsetzung des jüngsten Sparprogramms verantwortlich. Nun wird er im April 2022 selbst den Konzern verlassen.

Was heute sonst noch wichtig war:

Höhenflug: Früher als erwartet hat Christian Sewing eine Vertragsverlängerung als Deutsche-Bank-Chef erhalten – gleich für fünf Jahre

Höhenflug: Früher als erwartet hat Christian Sewing eine Vertragsverlängerung als Deutsche-Bank-Chef erhalten – gleich für fünf Jahre

Foto:

Ramon Haindl für manager magazin

  • Übernahme- oder Fusionsspekulationen spielen auch in unserer Geschichte über die Deutsche Bank eine Rolle – wenn auch weniger konkret als bei Hella: Wie Kollegin Katharina Slodczyk berichtet, hat Bankchef Christian Sewing sein Institut inzwischen erfolgreich aufpoliert. Sewing ist auf dem Höhepunkt seiner Macht, sogar die Politik vertraut der Bank wieder. Doch grundlegende Probleme sind weiter ungelöst, in der Privatkundenbank etwa, aber auch in der Unternehmensbank. Helfen könnte Sewing jetzt Glück oder – genau: eine Fusion. Ein möglicher Partner dafür ist schon im Gespräch. Die glanzlose Seite der Sewing-Show .

  • Diese Bezahlung ist selbst für US-Verhältnisse ambitioniert, aus hiesiger Sicht erscheint sie regelrecht exorbitant oder wie uns ein hochrangiger Telekom-Manager sagte "insane": Wie gestern bekannt wurde, erhielt John Legere, Ex-Chef der Konzerntochter T-Mobile US für das Jahr 2020 ein Salär von beinahe 137 Millionen Dollar. Im Konzern ist die Empörung groß. Wie also konnte es dazu kommen? Mein Kollege Philipp Alvares de Souza Soares hat sich umgehört im Unternehmen: Warum der Starmanager der Telekom eine Rekordabfindung erhielt 

  • Monsanto, Glyphosat, Klagewelle in den USA: Das waren die Stichworte, die bei der virtuellen Hauptversammlung des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer heute einmal mehr häufig zu hören waren. Noch immer ist das leidige Thema, das Anleger bereits viel Geld gekostet hat, vor US-Gerichten nicht abgeschlossen. Bayer-Chef Werner Baumann musste sich daher erneut heftige Kritik anhören.

Meine Empfehlung für den Abend:

Viel zu seltenes Exempel: Antje von Dewitz ist Geschäftsführerin bei Vaude

Viel zu seltenes Exempel: Antje von Dewitz ist Geschäftsführerin bei Vaude

Foto: Britta Pedersen / picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
  • Es klingt paradox, aber es ist tatsächlich so: Ausgerechnet in Familienunternehmen des deutschen Mittelstandes ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen noch immer besonders gering – und er nimmt offenbar sogar noch weiter ab. Unser Gastkommentator Peter May, selbst einer der prominentesten Berater von Familienunternehmen hierzulande, sieht darin nicht nur eine Schande, sondern auch eine Gefahr. Seine These: Die Unternehmen müssen unbedingt ihre Tradition als Horte des Patriarchats überwinden, sonst verpassen sie in unserer komplexer, schneller und digitaler werdenden Welt den Anschluss. Mays Aufruf sollten allerdings nicht nur Verantwortliche in Familienunternehmen aufmerksam lesen: Männer, wacht auf!

Beste Grüße, Ihr Christoph Rottwilm