Oliver Hollenstein

Der Dienstag im Überblick Energiepolitik auf dem Ponyhof und Konzernlenker im Russland-Dilemma

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Managern im Dilemma, dem Bitcoin als Fluchtwährung und der Neuordnung der Boston Consulting Group.

Am sechsten Tag des Ukraine-Krieges sind Militärexperten beeindruckt vom Kampfeswillen der Ukraine – aber weitgehend einig: Dauerhaft haben die Truppen gegen die Übermacht der Russen keine Chance. (Mehr dazu lesen Sie bei unseren Kolleginnen und Kollegen vom SPIEGEL). Nun versuchen es die Ukrainer offenbar auf eine andere Art: Sie bieten russischen Soldaten Straffreiheit und Geld.

Wer sich ergebe, solle neben der weißen Flagge das Codewort "Million" sagen – und dann umgerechnet mehr als 40.000 Euro erhalten, teilte der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow mit. Finanziert werde die Aktion von der internationalen IT-Industrie. Ob die Meldung mehr als Propaganda ist und wer genau die Geldgeber sind, ließ sich zunächst nicht klären. Klar ist aber: Google, Apple und andere großen US-Techfirmen spielen inzwischen eine Rolle in dem Konflikt. Welche genau, hat unsere Kollegin Maren Jensen zusammengefasst.

Darüber hinaus haben wir uns heute näher angeschaut, welche Unternehmen und welche Manager der Krieg in ein Dilemma stürzt und ob Russland Kryptowährungen nutzen könnte, um den Ausschluss aus dem Bankensystem Swift zu umgehen.

Zerstörung in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine

Zerstörung in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine

Foto: Pavel Dorogoy / dpa

Konzernlenker im Dilemma

Ob Lastwagenhersteller Daimler Truck, der Handelsriese Metro, der Landtechnikhersteller Claas oder der Öl- und Gaskonzern Wintershall Dea: Zahlreiche deutsche Unternehmen betreiben florierende Geschäfte in oder mit der russischen Wirtschaft. Für sie stellt sich die Frage, wie sie mit der neuen Situation umgehen sollen, in der sich Russland unter Putin als Land entpuppt hat, das sich über das Völkerrecht hinwegsetzt, einen Angriffskrieg begonnen hat und nun zunehmend vom größten Teil der übrigen Welt isoliert wird. Unser Kollege Christoph Rottwilm hat eine Übersicht erstellt, welche Unternehmen sich bisher entschieden haben – und wo sich Konzernlenker noch die Köpfe zerbrechen.

Bitcoin als Fluchtwährung

Schnell das Dollar-Vermögen in Kryptowährung tauschen und in der eigenen Wallet sichern, bevor der Westen das Konto einfriert: Viele reiche Russen dürften in den vergangenen Tagen mit dem Gedanken gespielt haben, einen Teil ihres Vermögens eher dem Blockchain-System als dem internationalen Bankensystem anzuvertrauen. Allein die Erzählung, dass russische Milliardäre nun verstärkt Kryptogeld als Fluchtwährung nutzen könnten, reichte aus, um den Kurs von Bitcoin und Co. binnen weniger Stunden um rund 20 Prozent in die Höhe zu katapultieren.

Aber kann Russland mithilfe von Kryptowährungen die Sanktionen des Westens wirklich teilweise umgehen? Wie funktioniert das? Und welchen Folgen hat das? Diese Fragen beantwortet unser Kollege Kai Lange hier. Unsere Kollegin Alexandra Knape hat zudem mit dem Frankfurter Wirtschaftsprofessor und Kryptoexperten Philipp Sandner gesprochen. Er sagt: "Der Bitcoin wird immer dann besonders interessant, wenn es in Staaten kriselt und die Inflation rasant zunimmt." Das vollständige Interview lesen Sie hier.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine finden Sie auch in unserem Newsticker.

Weitere Wirtschaftsnews des Tages:

  • Ronald Pofalla verlässt die Deutsche Bahn: Nach rund sieben Jahren gibt der CDU-Politiker und ehemalige Kanzleramtschef sein Mandat auf eigenen Wunsch ab. Offiziell nennt Pofalla persönliche Gründe. Unser Bahn-Experte Michael Machatschke ordnet die Sache etwas anders ein: Pofalla soll mit dem freiwilligen Rücktritt seinem Rausschmiss zuvorgekommen sein.

  • Bayer mit Gewinnrückgang und optimistischer Prognose: Höhere Kosten und Währungseffekte haben die Gewinne beim Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern Bayer schrumpfen lassen. Der Aktienkurs ging dennoch nach oben. Der Grund: Vorstandschef Werner Baumann blickte überraschend positiv in die Zukunft, der operative Gewinn soll in diesem Jahr deutlich steigen.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Seit Oktober ist Christoph Schweizer Weltchef der Boston Consulting Group (BCG). In den vergangenen Monaten hat der Münchner die Beratungsgesellschaft neu geordnet und seine Leute in zentrale Positionen gehievt. Nun startet er eine Green-Deal-Offensive. In vier Jahren will BCG drei bis fünf Milliarden Dollar jährlich mit Klimatipps umsetzen, binnen zwei Jahren 1000 Leute einstellen. Die ganze Geschichte unseres Kollegen Dietmar Student lesen Sie hier .

  • Behandele deine Kunden wie gute Freunde! Im Kundenservice sind in den vergangenen Jahren Technologien entstanden, bei denen Interaktionen mit Kundinnen und Kunden automatisch ablaufen. Damit können Unternehmen Kosten sparen. Aber ist es auch sinnvoll? Überhaupt nicht, sagen unsere Kollegen vom Harvard Business manager. Menschen sind soziale Wesen. Wenn Mitarbeiter Beziehungen aufbauen und die Probleme von Kunden eigenständig lösen dürfen, zahlt sich das für Unternehmen aus. Sie haben fünf Empfehlungen destilliert , wie Unternehmen Kundenbeziehungen nach der Pandemie entwickeln sollten.

Meine Empfehlung für den Abend:

Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis

Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis

Foto:

Philip Bartz für manager magazin

  • "Energiepolitik wurde allzu lang auf dem Ponyhof geplant": Michael Vassiliadis, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, ist der wohl einflussreichste Arbeiterführer in Deutschland. Unsere Kollegen Dietmar Student und Martin Noé haben mit ihm über den Ukraine-Krieg gesprochen . Vassiliadis berichtet, welche Konsequenzen er für die deutsche Wirtschaft befürchtet, wie Deutschland das russische Erdgas ersetzen kann und was er als SPD-Mitglied über das seltsame Verhältnis vieler in der SPD zu Putin denkt.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!

Ihr Oliver Hollenstein