Eva Buchhorn

Der Dienstag im Überblick Startups in Erklärungsnot und autonome Lkws

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit unerwünschten russischen Investoren, Friedensverhandlungen in der Ukraine und Ambitionen bei KPMG.

Wagniskapitalinvestor – Vermögende mit dieser Berufsbezeichnung konnten bislang meist mit Beifall rechnen. Junge Unternehmen bei ihrem Wachstum zu unterstützen: Was sollte daran schlecht sein? Der Krieg in der Ukraine hat auch diese Gewissheit zerstört. Prominente Jungfirmen und ihre Finanziers haben plötzlich ein Imageproblem  – wenn das schöne Geld nämlich von russischen Oligarchen stammt.

Das trifft zum Beispiel auf den Lieferdienst Getir zu. Das Startup aus Istanbul expandiert hierzulande höchst erfolgreich. Die aktuelle Bewertung liegt bei 12 Milliarden Euro. Doch in der jüngsten Finanzierungsrunde hat sich der Fonds Winter Capital bei Getir engagiert. Hinter Winter steht Wladimir Potanin, ein Vertrauter des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin.

Auch der Berliner Fonds Target Global muss sich rechtfertigen. Er ist unter anderem bei Auto1, Flink und Wefox im Boot. Die Hälfte des Investitionsvolumens des Fonds soll in Verbindung mit russischem Kapital stehen, heißt es in der Berliner Szene. Der Vater des Target-Gründers Aleksandr Frolov leitete bis vor Kurzem einen russischen Stahlkonzern. Nun wollen Startups von Target Global kein Geld mehr annehmen. Der Ukraine-Krieg schüttelt die beschauliche Welt der Hauptstadt-Gründer ordentlich durch.

Zwei, die eng verbunden sind: Kreml-Chef Wladimir Putin und Wladimir Potanin, der Investor hinter Winter Capital

Zwei, die eng verbunden sind: Kreml-Chef Wladimir Putin und Wladimir Potanin, der Investor hinter Winter Capital

Foto:

Dmitry Azarov / DDP images

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Fortschritte bei Friedensverhandlungen: Russland und die Ukraine verhandeln seit heute in Istanbul erneut über eine Waffenruhe. Die Nachrichten aus der Verhandlungsrunde stimmen vorsichtig optimistisch. Russland wolle seine kriegerischen Aktivitäten rund um Kiew "radikal verringern", hieß es am Nachmittag von russischer Seite. Ukrainische Unterhändler gaben an, sogar ein Treffen der beiden Staatschefs erscheine möglich. Die positiven Nachrichten bewegten auch die Börsen. Der Leitindex Dax näherte sich im Laufe des Tages der Marke von 15.000 Punkten an und holte damit die Verluste nach der russischen Invasion wieder vollständig auf. Zur guten Grundstimmung am Aktienmarkt trägt der sinkende Ölpreis bei; wegen weiterer Corona-Lockdowns in China spekulieren die Märkte vorerst auf sinkende Nachfrage beim Öl.

  • Russland bleibt zahlungsfähig: Die in Folge des Kriegsgeschehens über Putins Reich verhängten Wirtschaftssanktionen haben Russland nach eigenen Angaben bislang nicht in die Zahlungsunfähigkeit geführt. Das russische Finanzministerium verwies dazu heute auf eine Zinszahlung über 102 Millionen US-Dollar, die das Land jetzt pünktlich auf eine Dollar-Anleihe geleistet habe. Es ist die dritte Zinszahlung auf eine Fremdwährungsanleihe seit Beginn des Ukraine-Krieges. Westliche Bonitätsprüfer halten wegen der Sanktionen des Westens eine Pleite des Landes weiterhin für möglich.

  • MAN plant autonomen LKW: Ein Netzwerk deutscher Automobilunternehmen und Wissenschaftler arbeitet intensiv am fahrerlosen Lastkraftwagen. Im Cockpit des Projekts sitzt der Lkw-Hersteller MAN, beteiligt sind die Zulieferer Knorr-Bremse und Bosch sowie der Bordnetzspezialist Leoni. Schon 2025 soll es so weit sein. MAN verbindet mit den autonom gesteuerten Lkws ambitionierte Ziele: Es soll weniger Staus und Unfälle geben, der Co2-Ausstoß soll sinken. Auch die Fraunhofer-Gesellschaft und die Universitäten München und Braunschweig sind eingebunden.

Personalie / Zahl des Tages:

  • Unumstritten war Klaus Becker nie. Weggefährten attestieren dem Deutschland-Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG einen eigenwilligen Führungsstil: Den Vorstand habe er zu einer Art Politbüro umgebaut; Diskussionen seien unerwünscht, Abweichler von Beckers jeweiliger Linie würden aussortiert. Dass etliche Düpierte und Demontierte in den vergangenen Jahren das Weite suchten, focht Becker nicht an. Er hatte längst größere Ziele ins Auge gefasst. Doch aus dem Wechsel auf den Posten des weltweiten Chairmans wurde nichts. Jetzt wünscht sich Becker immerhin den Vorsitz des KPMG-Aufsichtsrats in Deutschland. Wer ihn im Amt des Deutschland-Chefs beerben könnte, lesen Sie hier. 

Gern im Mittelpunkt: KPMG-Deutschland-Chef Klaus Becker in Davos, hier mit Multi-Aufsichtsrätin Christine Bortenlänger

Gern im Mittelpunkt: KPMG-Deutschland-Chef Klaus Becker in Davos, hier mit Multi-Aufsichtsrätin Christine Bortenlänger

Foto: BrauerPhotos / S.Brauer

Meine Empfehlung für den Abend:

  • 30 Jahre lang hat die Weltwirtschaft am Aufbau immer verzweigterer internationaler Lieferketten gearbeitet. Die Corona-Pandemie und der Krieg in Europa haben schon etliche Kettenglieder reißen lassen: Unternehmen und Verbraucher warteten vergeblich auf Halbleiter und Kabelbäume, Weizen und Sonnenblumenöl. Ein Ende der Verwerfungen ist weiterhin nicht in Sicht, warnt Kai Hoberg, Experte für Supply Chain Management an der Kühne Logistics University in Hamburg. Im Gegenteil: Die nächsten Konflikte sind schon in Sichtweite, etwa die Ansprüche Chinas gegenüber seinem Nachbarland Taiwan. Unternehmen tun schon jetzt gut daran, ihre Zulieferbeziehungen grundlegend zu überdenken, rät Hoberg deshalb im Interview mit manager magazin: "Regionale Aufstellung, kürzere Lieferketten - für viele Unternehmen macht das jetzt Sinn."

  • Konflikte vertrauensvoll lösen; Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter optimal einsetzen; empathisch kommunizieren und eindeutig delegieren – darum geht es im aktuellen Videokurs unserer Kollegen von manage › forward. In acht Modulen entwickeln Führungskräfte dort gemeinsam mit Coach Christine Moscho eine ganz persönliche Strategie für erfolgreiche Teamarbeit. Interessiert? Mit dem Code DERTAG50 erhalten Der-Tag-Leser 50 Euro Rabatt! Hier finden Sie alle wichtigen Informationen.

Herzliche Grüße und einen entspannten Abend, Ihre Eva Buchhorn