Christoph Rottwilm

Der Dienstag im Überblick Wende im Zinsgelände

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit einem historischen Zinsschritt in Sicht, Windkraftinvestoren vor Gericht und Super-Milliardären mit weniger Gewicht.

Schon seit Monaten haben die Inflationsraten in Deutschland und der Euro-Zone wieder Höhen erreicht, die viele Jahre lang undenkbar erschienen. Und beinahe ebenso lange warteten die Finanzmärkte und die Öffentlichkeit auf eine klare Aussage der Europäischen Zentralbank, was sie gegen die steigenden Verbraucherpreise tun werde. Schließlich ist es die primäre Aufgabe der Zentralbank, für Preisstabilität zu sorgen.

Nun ist es endlich so weit: In der ungewöhnlichen Form eines Blog-Beitrages stellte EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf der Internetseite ihres Hauses das Ende der Negativzinsen im dritten Quartal dieses Jahres in Aussicht. Ein "richtiger Schritt", sprang Bundesbank-Präsident Joachim Nagel seiner Kollegin sogleich zur Seite.

Tatsächlich ist es viel mehr als das. Mit der anstehenden Zinserhöhung – der ersten der EZB seit mehr als zehn Jahren – schickt sich die Europäische Zentralbank an, eine neue Ära ihrer Geldpolitik einzuläuten. Dabei könnte das wirtschaftliche Umfeld sensibler kaum sein. Der Krieg in der Ukraine sorgt für Knappheiten und Verunsicherung auf Rohstoff- und Energiemärkten sowie bei Nahrungsmitteln. Globale Lieferstaus etwa bei Halbleiterchips belasten viele Unternehmen zusätzlich.

Für die EZB bedeutet all dies höchste Gefahr: Ein falscher Dreh an der Zinsschraube, und die Wirtschaft steuert direkt ins Debakel. EZB-Chefin Lagarde steht daher vor der schwierigsten Aufgabe ihrer Karriere, analysiert unser Kollege Christian Schütte. Wie die Französin dabei vorgeht und auf welche Art und Weise sie die Zentralbank generell führt, lesen Sie auf manager-magazin.de .

Riskantes Wendemanöver: EZB-Chefin Christine Lagarde will die Zinsen erhöhen

Riskantes Wendemanöver: EZB-Chefin Christine Lagarde will die Zinsen erhöhen

Foto: Charlotte Schreiber für manager magazin

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Neue Jobs bei Samsung: Der südkoreanische Großkonzern Samsung schmiedet ambitionierte Wachstumspläne. In die Geschäfte mit Halbleiterchips sowie mit Biopharmazeutika will Samsung in den kommenden Jahren umgerechnet mehr als 300 Milliarden Euro investieren. Innerhalb von fünf Jahren wollen die Koreaner dabei weltweit eine Million neue Jobs schaffen.

  • Weniger Manager-Jobs bei Siemens Energy: Siemens Energy will sich verschlanken und die Prozesse sowie die Entscheidungswege verkürzen. Der dazu erforderliche Umbau gehe ohne Stellenabbau über die Bühne, teilte das Unternehmen mit. Abgesehen von der Führungsebene allerdings: Jeden dritten Manager-Posten will Siemens Energy in dem Zuge streichen.

Was heute sonst noch wichtig war:

  • Teurer Kursrutsch: Der Absturz der US-Tech-Börse Nasdaq, der sich bereits über Monate hinzieht, ist auch für die Großaktionäre der betroffenen Unternehmen schmerzhaft. Um insgesamt mehr als eine halbe Billion Dollar reduzierte sich das Vermögen der 50 reichsten Menschen der Welt bereits seit Anfang dieses Jahres. Besonders stark betroffen sind Tech-Milliardäre wie Tesla-Chef Elon Musk oder Amazon-Gründer Jeff Bezos. Altmeister Warren Buffett dagegen hat wieder mal einiges richtig gemacht – er gehört zu den wenigen Superreichen, deren Vermögen im Laufe des Börsen-Rutsches sogar noch wuchs.

  • Machtkampf um PNE: Das Windkraftunternehmen PNE mit Sitz in Cuxhaven hat es mit stillem Erfolg auf einen Börsenwert von einer Milliarde Euro gebracht. Doch jetzt kommt Unruhe in den Betrieb: Eine Wall-Street-Bank und zwei aktivistische Hedgefonds sind auf die Firma aufmerksam geworden und liefern sich einen Machtkampf, wie unser Kollege Mark Böschen berichtet . Gerichte wurden bereits bemüht, es droht ein Albtraum für Investoren: der Abgang von der Börse zum Niedrigstpreis.

Meine Empfehlung für den Abend:

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  • Tech-Start-ups erobern die Welt und lehren etablierte Konzerne das Fürchten – so lautet ein gängiges Klischee. Der Angriff des Elektroautobauers Tesla auf die Autoindustrie könnte als Beleg dafür herangezogen werden. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Eine weltweit angelegte Studie, über die unsere Kollegen vom Harvard Business manager berichten , zeigt, dass die digitale Disruption viel langsamer verläuft, als gedacht. Der Old Economy bleibt daher ausreichend Zeit, auf die Herausforderungen zu reagieren und eigene Strategien anzupassen. Tatsächlich lässt sich das wiederum am Beispiel Teslas gut beobachten: Autohersteller wie Volkswagen, Mercedes oder BMW haben sich auf die neue Welt eingestellt und eigene Wege eingeschlagen.

Beste Grüße, Ihr Christoph Rottwilm