Kai Lange

Der Freitag im Überblick Freedom Cars und grüner Stahl

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit moralischer Unterstützung für Elektroautos, umstrittenen Kündigungen für Putin-Freunde und einem grünen Umbau bei Thyssenkrupp, der eigentlich nicht zu schaffen ist.

Je länger Putins Krieg in der Ukraine dauert, desto häufiger diskutieren Menschen in Europa die Frage, ob man für die Freiheit im kommenden Winter auch mal frieren sollte. Verzicht auf die Wohlfühltemperatur im Wohnzimmer, Verzicht auf Öl und Gas aus Russland – und möglicherweise auch bald Verzicht auf den schweren, Sprit schluckenden SUV vor der Haustür. Das Elektroauto könnte als "Freedom Car" enorm aufgewertet werden, meint Patrick Plötz. Der Leiter des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe ist überzeugt: "Mit mehr Elektrofahrzeugen wären wir geopolitisch weniger erpressbar." Der Krieg in der Ukraine könnte also den Wandel zur Elektromobilität in Deutschland und Europa verstärken.

Damit Elektroautos wirklich zu "Freedom Cars" werden, gibt es für Plötz allerdings noch ein paar Voraussetzungen. Die Wichtigste: Wir dürfen uns nicht in neue Abhängigkeiten begeben, um an Rohstoffe wie Lithium oder Kobalt zu kommen. Wie das funktionieren kann, erklärt der Forscher im Interview mit unserem Kollegen Lukas Heiny. Und er gibt einen Ausblick auf die Zukunft: "In 20 Jahren werden unsere Kinder fragen: Habt ihr wirklich Öl aus der Wüste gepumpt und auf Schiffen nach Europa gebracht, um es in Autos zu verheizen? Viele Debatten werden uns absurd vorkommen."

"Wir können nicht jede Technologie beliebig lange in gleichem Umfang fördern": Forscher Patrick Plötz über die Zukunft der Mobilität

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Foto: Dirk Sattler / IMAGO

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Dax schwankt stark: Am Mittwoch hatte der deutsche Leitindex bereits 8 Prozent gewonnen. Am Freitag legte der Dax dann noch einmal rund 4 Prozent zu - und gab diese Gewinne dann fast komplett wieder ab. Jede Nachricht über mögliche Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland hat das Zeug, die Börsen noch oben und unten zu bewegen: Wie sich Anleger in diesen Zeiten verhalten sollten, ist Thema unseres wöchentlichen Podcasts. Unser Finanzmarkt-Experte Mark Böschen weiß: Wer jetzt auf jedes Auf und Ab mit Käufen oder Verkäufen reagiert, wird am Ende Geld verlieren. Böschen hat seit Kriegsbeginn mit etlichen professionellen Anlegern weltweit gesprochen. Deren Rezept in Kürze: Maß halten, Chancen erkennen – und einen kühlen Kopf bewahren.

  • Ukraine-Krieg bedroht weltweite Ernährung: Die Ukraine gilt als Kornkammer Europas. Russland und die Ukraine zählen zu den fünf größten Weizen-Exporteuren weltweit und sind gemeinsam für knapp ein Drittel der globalen Exporte verantwortlich. Die derzeit kräftig steigenden Getreidepreise werden auch in Deutschland die Inflation anheizen. Wirklich dramatische Folgen hat die Entwicklung jedoch für viele Länder in Afrika sowie in Bangladesch. Das Institut für Weltwirtschaft warnt vor Hungersnöten in einigen dieser Länder, sofern die Versorgungslücken nicht durch Importe aus anderen Ländern geschlossen werden.

  • Chipmangel belastet VW weiterhin: Der Mangel an Halbleitern macht Volkswagen weiter zu schaffen. Im Februar sanken die weltweiten Auslieferungen um knapp 17 Prozent, wie VW am Freitag mitteilte. Auf dem wichtigsten Markt China fiel der Absatz um 14 Prozent. Zwar erwarten Experten, dass sich die Chipversorgung in den kommenden Monaten verbessert, doch seit dem Krieg in der Ukraine ist VW mit neuen Engpässen konfrontiert. Diesmal fehlen Kabelbäume, deshalb stehen bei Volkswagen an vielen Standorten wieder häufiger die Bänder still.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Kündigung für Putin-Freunde: Die Stadt München hat den russischen Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker Waleri Gergijew entlassen, weil dieser sich nicht vom russischen Angriff auf die Ukraine distanziert hat. Die Opernsängerin Anna Netrebko muss aus dem gleichen Grund zahlreiche Absagen, Ausladungen und aufgelöste Verträge hinnehmen. Nach Einschätzung von Arbeitsrechtler Tim Florian Fink ist eine fristlose Kündigung für Putin-Freunde jedoch problematisch: Eine unterlassene Distanzierung von Putins Krieg oder ein allgemeines Schweigen zu dem Thema seien keine Pflichtverletzung – und damit auch kein Grund für eine verhaltensbedingte Kündigung. Unsere Kollegin Maren Jensen hat mit Flink über die rechtliche Situation gesprochen.

Das Beste aus dem "Economist":

  • Wird China Russland vor der Pleite retten? Chinas Staatschef Xi Jinping inszeniert sich derzeit als bester Freund von Russlands Staatschef Wladimir Putin. Doch für die russisch-chinesische Freundschaft steht ein Härtetest an, sobald die Sanktionen des Westens Russland an den Rand der Staatspleite treiben. Statt Russland finanziell aufzufangen, dürfte sich China auf Schnäppchenjagd in Russlands Energiesektor begeben, prognostizieren unsere Kollegen vom britischen "Economist". Für China sei es wichtiger, aus Russlands Niedergang eigene Lehren zu ziehen. China-Freund Putin jedenfalls stehe eine große Enttäuschung bevor.

Meine Empfehlung für den Abend:

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Foto: dominik asbach
  • Grüner Stahl – das ist Stahl, der mithilfe von Wasserstoff weitgehend ohne CO₂ hergestellt wird. Nicht nur die Autoindustrie verlangt nach diesem klimaneutralen Stahl. Für dessen Herstellung braucht die Stahlindustrie allerdings radikal neue Verfahren: Diese sind technisch möglich, aber extrem teuer. Bernhard Osburg, der Stahlchef des klammen Industriekonzerns Thyssenkrupp, soll das Projekt "Grüner Stahl" nun in Rekordzeit stemmen. Bei Thyssenkrupp sind jedoch sowohl das Geld wie auch die Zeit knapp. Hat Schichtführer Osburg unter diesen Bedingungen überhaupt die Chance, einen solchen Mega-Umbau zu meistern? Unser Kollege Thomas Werres hat Osburgs Spielraum in einem ausführlichen Porträt ausgelotet.

Herzlich, Ihr Kai Lange