Oliver Hollenstein

Der Donnerstag im Überblick Spaßfreie Aufsichtsräte und angespannte Lieferketten

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit spaßfreien Aufsichtsräten, Topverdienern im Ruhestand und einem der größten deutschen Industrieprojekte der Nachkriegszeit.

Ob Deutsche Bank, Commerzbank oder die Deutsche Telekom – viele große Unternehmen taten sich zuletzt erstaunlich schwer damit, einen neuen Vorsitzenden für ihren Aufsichtsrat zu finden. Viele potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten, traditionell vor allem ehemalige Topmanager, sagen inzwischen kategorisch: kein Interesse! Woran liegt das?

Dieser Frage ist unser Kollege Dietmar Student nachgegangen. Seine Antwort: Das Anforderungsprofil eines Chefkontrolleurs oder einer Chefkontrollierenden hat sich in den vergangenen Jahren vom Netzwerkkumpel zum Höchstleister entwickelt. Viel Arbeit, viel Haftung, wenig Geld – der Aufsichtsrat gilt inzwischen als spaßfreie Zone. Der Druck kommt von allen Seiten: von aggressiven Investoren, Umweltverbänden und von der EU, die immer mehr überprüfbare Nachhaltigkeit verlangt.

Gleichzeitig gibt es genug attraktive Alternativen für rüstigen Ex-Topmanager Ü60: multipler Investor, Private-Equity-Ratgeber, gut bezahlter Verwaltungsratschef in der Schweiz. Für den deutschen Aufsichtsrat, so schreibt Student, bleibt mithin oft nur Plan N – wie Notlösung. Aber wie könnte man das ändern? Das lesen Sie in unserem Insidereport. 

Findet die Arbeit als Aufsichtsrat in einem deutschen Konzern zu wenig unternehmerisch und zu stark reglementiert: Stefan Oschmann, Ex-Chef des Pharmakonzerns Merck

Findet die Arbeit als Aufsichtsrat in einem deutschen Konzern zu wenig unternehmerisch und zu stark reglementiert: Stefan Oschmann, Ex-Chef des Pharmakonzerns Merck

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imago sport / imago images/Galoppfoto

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Mehrzahl der deutschen Unternehmen erwartet Engpässe: Der russische Angriff auf die Ukraine verschärft die Lieferengpässe in Deutschland dramatisch. In einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags erklärten 60 Prozent der befragten Firmen, dass sie wegen des Krieges mit zusätzlichen Störungen in der Lieferkette und in der Logistik rechnen.

  • Institut für Weltwirtschaft halbiert Wachstumsprognose für 2022: Unter dem Eindruck des Krieges in der Ukraine hat das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) seine ohnehin schon gedämpfte Wachstumsprognose für 2022 deutlich gesenkt. Die Ökonomen trauen der deutschen Wirtschaft im laufenden Jahr nur noch ein Wachstum von 2,1 Prozent zu. Bereits im Dezember hatte das Institut seine Erwartungen angesichts der Coronapandemie und der hartnäckigen Lieferengpässe von 5,1 auf 4 Prozent gestutzt.

  • Pkw-Neuzulassungen brechen europaweit ein: Der Chipmangel und andere Lieferkettenprobleme haben die Pkw-Neuzulassungen in der EU im Februar auf ein historisches Tief gedrückt. Knapp 720.000 Fahrzeuge wurden im Februar in der EU verkauft – so wenige wie in keinem Februar seit Beginn der Aufzeichnungen.

  • Michael Diekmann kippt die Allianz-Altersgrenze – aber nur für sich: Der Allianz-Aufsichtsratschef Michael Diekmann stellt sich zur Wiederwahl. Damit überschreitet er die Altersgrenze von 70 Jahren für Aufsichtsratsmitglieder, die bei der Versicherung seit Jahrzehnten gilt. An der Altersbeschränkung allgemein scheint der Konzern auch festhalten zu wollen: Die Kontrolleure Friedrich Eichiner (66) und Herbert Hainer (67) scheiden um ihren 70. Geburtstag herum aus.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Dieter Zetsche steht eigentlich für die Vergangenheit beim Autokonzern Daimler. Als er den Vorstandsvorsitz 2019 nach 13 Jahren an den Schweden Ola Källenius übergab, hinterließ er einiges an Aufräumbedarf. Gerade dieser Tage fällt dem Konzern ein Projekt auf die Füße, das eigentlich zu den unbedeutenderen in Zetsches Daimler-Historie zählte: das Werk Moscovia, rund 40 Kilometer entfernt von der russischen Hauptstadt. Zetsche hatte das schon damals umstrittene Werk gegen zahlreiche Warnungen durchgesetzt. Nun steht dort die Produktion. Unschön, dass das Unternehmen parallel auch noch den neuen Vergütungsbericht veröffentlicht. Zu den Top 3 auf der Liste der bestverdienenden Daimler-Manager gehört ausgerechnet auch Rentner Zetsche: 3,5 Millionen Euro bekam er ausgezahlt. 

Meine Empfehlung für den Abend:

Gigameister: Northvolt-CEO Peter Carlsson will Batterien für eine Million E-Autos im Jahr in Deutschland bauen

Gigameister: Northvolt-CEO Peter Carlsson will Batterien für eine Million E-Autos im Jahr in Deutschland bauen

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Erland Segerstedt / TT / picture alliance

  • Der Schwede Peter Carlsson hat als Produktionschef unter anderem Batteriezellen für den US-Elektroautokonzern Tesla gebaut. Statt wie geplant mit 48 Jahren einen Schlussstrich unter seine Karriere zu ziehen und als Privatinvestor sein Geld zu machen, gründete er 2016 gemeinsam mit Partnern die Batteriezellenfirma Northvolt. Inzwischen haben sie das schwedische Unternehmen zu einem Hoffnungsträger gegen die drohende Abhängigkeit der Autohersteller von asiatischen Konzernen aufgebaut. Auch für Deutschland hat Carlsson Pläne: In Heide in Schleswig-Holstein will er ab 2026 Batterien für Millionen Elektroautos bauen. Seine Gigafactory ist eines der größten deutschen Industrieprojekte der Nachkriegszeit. Im Gespräch mit unseren Kollegen Margret Hucko und Michael Freitag verrät er, warum er das Werk ohne seinen Investor Volkswagen baut, was ihn zügig an die Börse treibt – und wieso der Autoindustrie bei ihrer Transformation noch harte Zeiten bevorstehen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!

Ihr Oliver Hollenstein