Christoph Rottwilm

Newsletter "Der Tag" Der Tag mit Chefs, die ihre Mitarbeiter rauslangweilen

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Zermürbungshalden für Führungskräfte, Aufstiegshoffnungen für Frauen und Verbesserungsideen für Softwareentwickler.

Tausend Leute "einfach rausschmeißen", das würde er manchmal träumen. So äußerte sich Jürgen Hartwig, der Personalvorstand der Daimler Truck AG, Anfang Dezember in einer internen Veranstaltung vor rund 400 Führungskräften des Lkw-Bauers. Zwar schränkte er gleich ein, das sei rechtlich ja nicht möglich und passe auch nicht zur Daimler-Kultur. Aber die Zuhörer (von denen sich einige in der Videoschalte direkt angesprochen fühlten) hatten doch das Gefühl, eine ehrlich gemeinte Aussage zu hören.

Das Zitat ist eines von zahlreichen pikanten Details, mit denen meine Kollegen Philipp Alvares des Souza Soares und Michael Freitag ihre gründlich recherchierte Geschichte über den Jobabbau in Deutschlands Führungsetagen garniert haben. Über den Jobabbau und die rüden Methoden, mit denen viele Konzerne dabei vorgehen, wohlgemerkt.

Es wirkt widersprüchlich: Die Konzerne starten nach der Corona-Krise wieder durch und schreiben Milliardengewinne - doch weiterhin werden im großen Stil Stellen gestrichen. "Einfach rausschmeißen" wie im Traum geht natürlich nicht. Zu teuer. "Rauslangweilen" könnte man die Methode nennen, auf die Firmen wie Daimler, die Deutsche Telekom und andere stattdessen setzen: Wer nicht mehr gebraucht wird, wird intern kalt gestellt, bis er irgendwann entnervt von selbst geht. Die Konzerne betreiben zu dem Zweck sogar eigens virtuelle Wartehallen, mit wohlklingenden Namen wie "Jobforum" oder "Telekom Placement Services". Betroffene Führungskräfte sprechen eher vom "Elefanten-Friedhof" oder "Beamten-Guantanamo".

Diese Methode des "Bore-Out", weitere Gängeleien, die neue Abfindungstaktik und Mittel zur Gegenwehr – das alles finden Sie hier: Die Jobkiller der deutschen Konzernwelt 

Schmerzhafte Einschnitte: Viele Konzerne gehen beim Jobabbau mit drastischen Methoden vor

Schmerzhafte Einschnitte: Viele Konzerne gehen beim Jobabbau mit drastischen Methoden vor

Foto:

Jamie Chung / Trunk Archive

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Wer zählen kann, kommt immer wieder zu dem gleichen Ergebnis: In deutschen Vorstandsetagen arbeiten nach wie vor unverhältnismäßig wenige Frauen. Dagegen soll nun ein Gesetz helfen, auf das sich wenige Monate vor der Bundestagswahl das Kabinett in Berlin geeinigt hat: Union und SPD wollen nach langer Debatte nun doch eine obligatorische Frauenquote für börsennotierte Unternehmen einführen.

  • "Unser Abo-Angebot und die Preise für den Netflix-Dienst können sich gelegentlich ändern." Eine traumhafte Klausel ist das, die sich Netflix da in seine Geschäftsbedingungen geschrieben hat. Im Klartext besagt sie: Der Streamingdienst kann seine Preise erhöhen, wann immer es ihm passt. Damit ist jetzt aber Schluss - der Bundesgerichtshof erklärte den Passus für rechtswidrig.

  • Privatanleger, die sich im Internet abstimmen und mit dem gezielten Kauf bestimmter Aktien deren Kurse in die Höhe treiben und damit Hedgefonds und andere Shortseller in Schwierigkeiten bringen - kommt Ihnen das bekannt vor? Richtig: Das Szenario kennen wir von der Gamestop-Aktie aus dem Januar dieses Jahres. Jetzt wiederholt sich das Geschehen beim Papier der US-Kinokette AMC - wobei das Unternehmen selbst sogar noch von dem wilden Treiben profitiert.

  • Neue Hoffnung für alle, die noch immer auf die erste Spritze gegen die Corona-Angst warten: Jetzt sollen auch die Betriebsärzte deutschlandweit in die Impfkampagne einsteigen. Starttermin: 7. Juni.

  • Um Berichte über den angeblich schlechten Umgang Amazons mit seinen Mitarbeitern zu prüfen, wollte das EU-Parlament auch Vertreter des Konzerns anhören - doch trotz Vorladung erschien niemand. Ein "Akt unfassbarer Arroganz", wie es in Brüssel heißt.

Was heute sonst noch wichtig war:

  • Der Möbelkonzern Steinhoff, der Containerverleiher P&R, zuletzt der Zahlungsabwickler Wirecard: Die großen Bilanzskandale der jüngeren Vergangenheit beschäftigen uns in der neuen Folge unseres Podcasts "Das Thema". Ist Deutschland ein Paradies für Kapitalbetrüger? Was lässt sich etwa aus dem Fall Wirecard lernen? Und was muss sich ändern? Solche und ähnliche Fragen diskutieren meine Kollegen Katharina Slodczyk und Sven Clausen - hören Sie rein.

  • Klimaaktivisten im Management eines Ölkonzerns? Ausgerechnet bei Exxonmobil, einem der ganz Großen der Branche, ist das künftig Realität. Wie es dazu kommen konnte und welche Konsequenzen das Undenkbare für den Ölriesen aus Texas haben kann, erfahren Sie in dieser Geschichte aus dem neuen "Economist", die ich Ihnen ans Herz legen möchte: Wie grüne Investoren den Vorstand von ExxonMobil kaperten 

Meine Empfehlung für den Abend:

"Coded Bias": Aktivistin Joy Buolamwini ist bei dem Thema mit unserer Kolumnistin Janina Kugel einer Meinung

"Coded Bias": Aktivistin Joy Buolamwini ist bei dem Thema mit unserer Kolumnistin Janina Kugel einer Meinung

Foto: Everett Collection / picture alliance
  • Spracherkennungssysteme funktionieren bei Männern besser als bei Frauen. Automatische Gesichtserkennung klappt bei weißen Menschen fast perfekt, bei schwarzen Menschen nicht. Medikamente wirken im Schnitt bei Männern besser als bei Frauen. Warum erzähle ich Ihnen das alles? Die drei Beispiele stammen aus der jüngsten Kolumne, die Janina Kugel, Ex-Vorständin von Siemens und heute im Beratungsgeschäft, für uns geschrieben hat. Kugel weist darauf hin, dass Künstliche Intelligenz, die ja inzwischen mehr Einfluss auf unseren Alltag hat, als vielen lieb ist, systematische Mängel aufweist. Allein, weil sie vom immer gleichen Programmierer-Typus entwickelt wird. Was deshalb dringend passieren muss? Lesen Sie in der Kolumne "Menschenskinder", die Janina Kugel regelmäßig für uns schreibt: KI - Der Code der Diskriminierung

Beste Grüße, Ihr Christoph Rottwilm