Christoph Seyerlein

manage:mobility Autobranche: Hier der Mega-IPO, dort der drohende K.o.

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn ein Börsengang in Kriegszeiten an sich schon ein Hingucker ist, dann ist Porsches IPO heute eine Sensation. 82,50 Euro pro Vorzugs- und 88,69 Euro pro Stammaktie; rund 19,5 Milliarden Euro dürfte der bisherige Alleineigner Volkswagen erlösen – das reicht für den größten deutschen Börsengang seit Ewigkeiten. Genauer: seit der Telekom im Jahr 1997. Aus dem Stand wird Porsche mit 75 Milliarden Euro viel mehr wert als die bei Absatz und Umsatz deutlich größeren Konkurrenten Mercedes (58 Mrd.) und BMW (47 Mrd.).

Freuen dürfte sich vor allem ein Großaktionär: der Porsche-Piëch-Clan. Die Familien kaufen über ihre Holding Porsche SE 25 Prozent plus eine Stammaktie. Das bedeutet eine Sperrminorität - und damit die lange vermisste Macht bei der Sportwagenmarke. Der Aufschlag für das Vorkaufsrecht: 7,5 Prozent auf die Vorzüge. Sehr überschaubar, oder? Zu sehr sind Familie und Konzerngremien verwoben, es bleibt ein fader Beigeschmack rund um die ansonsten beeindruckende Porsche-Börsenstory.

Unsere Top-Themen der Woche:

  • Warum so viele Autozulieferer in die Dauerkrise rutschen

  • Wie groß der Porsche-Börsengang im Vergleich zu anderen IPOs ist

  • Wieso Airbnb ein Coronagewinner ist

Top-Thema: Warum so viele Automobilzulieferer in die Dauerkrise rutschen

Ausgebrannt: Zahlreiche Autozulieferer hängen weiter stark vom Geschäft mit Verbrennungsmotoren ab. Die Zukunftsaussichten sind düster.

Ausgebrannt: Zahlreiche Autozulieferer hängen weiter stark vom Geschäft mit Verbrennungsmotoren ab. Die Zukunftsaussichten sind düster.

Foto: da-kuk / Getty Images

Coronakrise, Chipkrise, Energiekrise: Die Brandherde überlagern sich. Besonders betroffen: die Automobilzulieferer. Die Margen schmelzen gefährlich. Die Transformation weg vom Verbrenner schlägt immer stärker durch, und die Strategien für den Wandel wirken nicht. Wir zeigen anhand der Beispiele Forvia, ZF Friedrichshafen und Eberspächer, wie brenzlig die Lage  ist.

Köpfe: Thomas Schmall ++ Herbert Diess ++ Wendelin Wiedeking

Batteriebeauftragter: Thomas Schmall ist bei Volkswagen der Herr der Akkus

Batteriebeauftragter: Thomas Schmall ist bei Volkswagen der Herr der Akkus

Foto: Holger Hollemann / picture alliance/dpa
  • Thomas Schmall (58) ist nicht nur Volkswagen-Technikvorstand, sondern auch Aufsichtsratschef der Batterietochter PowerCo. In dieser Rolle verkündete er Anfang der Woche die Zusammenarbeit mit dem belgischen Materialspezialisten Umicore. VW sichert sich so einen Großteil der Rohmaterialien für seine europäischen Gigafabriken. Schmall sieht einen "klaren Wettbewerbsvorteil". Umicore-Chef Mathias Miedreich (46) fragt gar: "Wer soll uns schlagen?" Die Ansage ist notiert.

  • Herbert Diess (63) hat bei Volkswagen seit diesem Monat nichts mehr zu sagen. Doch der Ex-CEO fällt finanziell weich. 2021 bekam er 12 Millionen Euro, von allen Dax-Vorständen strich nur Linde-Chef Steve Angel (66) mehr ein (19 Millionen Euro). Und die Geldströme aus Wolfsburg werden so schnell nicht abreißen; schließlich hat Diess Vertrag bis 2025. Was er mit seinem Geld vorhat? "On a mission to shape new mobility and stop climate change", verrät Diess über sein Lieblingssprachrohr Linkedin .

  • Wendelin Wiedeking (70) war lange vor Diess eine große Nummer im Volkswagen-Reich. Nun holt ihn die Vergangenheit ein. Das Oberlandesgericht Stuttgart will wissen, ob die Porsche SE die Börse früher über den Dieselskandal hätte informieren müssen - eventuell schon 2008. Wiedeking war damals Vorstandschef der Holding; die Holding war damals wie heute Volkswagens Hauptaktionär. Gemeinsam mit Ex-Finanzvorstand Holger Härter (66) soll Wiedeking am 7. Dezember als Zeuge aussagen.

Unternehmen: Porsche ++ Genesis ++ Deutsche Bahn

911 Millionen Aktien: Porsche startet an der Börse

911 Millionen Aktien: Porsche startet an der Börse

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS
  • Heute startet Porsche an der Börse. Der Verkauf der Aktien bringt Volkswagen knapp 20 Milliarden Euro, davon fließen später per Sonderausschüttung knapp 10 Milliarden Euro an die Aktionäre. In der Geschichte deutscher IPOs war nur der Telekom-Börsengang mit einem Volumen von rund 10 Milliarden größer. Moment, 10 größer 20? An der Börse gehandelt werden nur die Vorzugsaktien, und die kommen auf einen Startwert von 9,4 Milliarden Euro. Also: Telekom größer Porsche. Wen die Stuttgarter hinter sich gelassen haben und wo sie sich im internationalen Vergleich platzieren, zeigt meine Kollegin Marleen Gründel.

  • Genesis will seit letztem Jahr in Europa Fuß fassen. Nein, nicht die Band von Phil Collins. Die hätte das erstens nicht mehr nötig, wenn sie noch aktiv wäre; und sie kam zweitens aus England. Wir sprechen vom Luxusableger des koreanischen Autobauers Hyundai. Noch haben die Fahrzeuge Exotenstatus. Doch verstecken muss sich etwa der GV 60 nicht, meint meine Kollegin Margret Hucko nach ihrer Ausfahrt mit dem Elektro-SUV. Nicht einmal vor Porsche .

  • Winter is coming, und damit in guter alter Tradition auch steigende Ticketpreise bei der Deutschen Bahn. Ab dem 11. Dezember werden die Fahrkarten im Fernverkehr im Schnitt um 4,9 Prozent teurer. Am Mittwoch vermeldete der Konzern zudem eine Top-Personalie: Werner Gatzer (63) ist künftig Bahn-Aufsichtsratschef. Der Finanzstaatssekretär folgt auf Michael Odenwald (64), der im Juli offenbar im Clinch mit Bundesverkehrsminister Volker Wissing (52) hingeworfen hatte.

Mehr Mobilität: Airbnb ++ MyFC ++ CarNext ++ Nio

Überirdisch: Airbnb punktet mit außergewöhnlichen Übernachtungsmöglichkeiten wie diesem Ufo in Großbritannien

Überirdisch: Airbnb punktet mit außergewöhnlichen Übernachtungsmöglichkeiten wie diesem Ufo in Großbritannien

Foto: PR
  • Wir bleiben in der Welt der Reisemobilität. Airbnb ist schon lange eine strahlende Marke und machte doch ständig Verluste. Ausgerechnet die Pandemie brachte die Wende. Wie die Krise für den Vermieter zum Turbo wurde , hat mein Kollege Michael Machatschke recherchiert.

  • Vollkommen anders sieht es bei MyFC aus. Das schwedische Tech-Unternehmen, seit 2014 am Nasdaq First North Growth Market gelistet, wollte die Brennstoffzelle ins Fahrrad bringen. Was bei Pkw-Modellen kaum Anklang findet, scheint auch bei Zweirädern keine gute Idee: Wie nun bekannt wurde, ging MyFC schon im Juni pleite .

  • Eine Lizenz zum Geldverbrennen scheint auch der Onlineverkauf von Gebrauchtwagen zu sein. Nachdem zuletzt Cazoo  eine brachiale Bruchlandung hingelegt hat, stellt nun auch Konkurrent CarNext  die Vermarktung an Endkunden in Deutschland und Norwegen ein.

  • Doch nicht überall regiert die Krise: Nicht nur Genesis will hier Fuß fassen, am 7. Oktober schlägt mit Nio ein weiterer chinesischer Automobilhersteller offiziell in Deutschland auf. Teil des Konzepts der Marke sind Batteriewechselstationen für die eigenen E-Autos. Die erste ist nun so weit - am Ladepark Zusmarshausen an der A8 . 312 "Swaps" am Tag sind möglich, ein Vorgang soll fünf Minuten dauern.

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Zahl der Woche: 4,34

Wer im eigenen Mobilitätsmix auf Carsharing setzt, ist hierzulande am besten in Karlsruhe aufgehoben. Auf 1000 Einwohner kommen dort 4,34 Carsharing-Fahrzeuge . Der Abstand zu München auf Platz zwei ist groß: In der Wiesn-Metropole liegt der Wert bei 2,02. Berlin reichen für Rang drei schon nicht einmal mehr zwei Carsharing-Autos pro 1000 Bewohner (1,98).

Deep Drive der Woche: Sorgenkind Autoindustrie

Mit strauchelnden Automobilzulieferern haben wir heute aufgemacht. Eine Studie von Roland Berger  zeigt nun, dass auch andere Branchenteilnehmer auf der Hut sein müssen. In keinem anderen Wirtschaftszweig erwarten die Autoren höheren Restrukturierungsbedarf als in der Autoindustrie. Beinahe drohend haben sie ihrem Papier den Titel verpasst: "Die nächste Krise kommt bestimmt".

Geisterfahrer der Woche

Wer am lautesten bellt, beißt nicht: Opel setzt auf groteskes Marketing

Wer am lautesten bellt, beißt nicht: Opel setzt auf groteskes Marketing

Foto: PR

Mit dem Verkauf seiner Autos war Opel zuletzt nicht erfolgreich. In Deutschland entwickelt sich die Marke im bisherigen Jahresverlauf mit einem Minus von 13,9 Prozent  schlechter als der ohnehin schwache Gesamtmarkt (-9,8 %). Auf der Suche nach neuer Kundschaft sind sie in Rüsselsheim nun auf Hundebesitzer gestoßen. In einer Mitteilung  preist Opel den Van Zafira-e Life als Parademobil für Vierbeiner. Es bleiben Restzweifel, ob die Marketingstrategie nicht vor die Hunde geht.

Ihnen wünsche ich nun eine tierisch gute Woche.

Herzlichst, Ihr Christoph Seyerlein

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