Kai Lange

Der Tag im Überblick Flucht aus China, Kurssturz an der Börse

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit der Flucht deutscher Manager aus China, dem Rückzug der Anleger aus dem Aktienmarkt und dem Umstieg eines Ex-Daimler-Chefs.

China macht dicht: Als deutscher Manager in China zu arbeiten, war vor der Corona-Pandemie sehr attraktiv. Der Job war gut bezahlt und diente oftmals als Karrieresprung. Die sogenannten "Expatriates" fühlten sich als gern gesehene Gäste und lernten die Spielregeln in dem milliardenschweren Zukunftsmarkt. Doch diese goldenen Zeiten sind vorbei.

Viele ausländische Fachkräfte fühlen sich in China nicht mehr als Gäste, sondern nur noch gegängelt. Corona, so argwöhnen betroffene Unternehmer, dient Peking als Deckmantel für eine rigorose Abschottung: Expats verlassen in Scharen das Land und werden durch lokale Kräfte ersetzt. Deutsche Unternehmer fürchten, die Kontrolle in ihrem wichtigsten Markt zu verlieren.

Wie sich diese Abschottung anfühlt, bekommen deutsche Manager derzeit hautnah zu spüren. Schon eine Genehmigung zur Wiedereinreise nach China zu ergattern, gerät zum Lotteriespiel. Was folgt, ist eine Tortur: Im Flugzeug sind Stewardessen in Schutzanzüge gehüllt, die Bordmahlzeit ist dick verpackt. Nach Landung in China beginnt ein Test- und Quarantäneprozess, der mehrere Monate dauern kann. Gewartet wird in Hotelzimmern mit vergitterten Fenstern, das Essen wird an die Tür geliefert. Vermummte Helfer messen regelmäßig die Körpertemperatur. Wer positiv getestet wird, muss sich auf tägliche Blutentnahmen gefasst machen.

Die Zahl der ausländischen Topkräfte in China sinkt derzeit drastisch: Warum die Flucht der Expatriates für die deutschen Unternehmen zur Zeitenwende wird, erklärt Mirjam Hecking in unserer Story "Welcome to China" .

Vollschutz: Schon der Flug nach China ist gewöhnungsbedürftig. Danach beginnt oft eine wochen- und monatelange Test- und Quarantänezeit

Vollschutz: Schon der Flug nach China ist gewöhnungsbedürftig. Danach beginnt oft eine wochen- und monatelange Test- und Quarantänezeit

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Zinsen steigen, Aktien stürzen: Der Abverkauf an der Börse geht weiter. Der Dax drohte am Montag unter die Marke von 15.000 Punkten zu stürzen. Anleger erwarten, dass die US-Notenbank Fed bereits an diesem Mittwoch eine Zinserhöhung ankündigen wird, um die steigende Inflation zu bremsen. Selbst ein kleiner Zinsschritt bedeutet für den Aktienmarkt eine Zeitenwende: Schließlich wurden die Börsen jahrelang von billigem Geld angetrieben. Vor allem US-Technologiewerte und die Corona-Gewinner der vergangenen Monate geraten jetzt unter die Räder. Von Peloton über Biontech bis zu Zoom und Delivery Hero reicht die Auswahl der Ex-Börsenstars, die nun panikartig verkauft werden.

  • KKR kauft ein: Trotz der hohen Nervosität an den Märkten sehen Finanzinvestoren derzeit viele Chancen. Der US-Investor KKR zum Beispiel will den niederländischen Fahrradhersteller Accell kaufen und bietet 1,5 Milliarden Euro - deutlich mehr, als das Unternehmen zuletzt an der Börse wert war. KKR versteht es, seine Angebote hübsch zu verpacken - und hat auch das Accell-Management für sich gewonnen. Die Aktie steigt deutlich.

  • Zetsche steigt um: Der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche hat eine Zeit lang mit Interesse verfolgt, wie sein Nachfolger Ola Källenius den Stuttgarter Autobauer umkrempelt. Nun zieht es Zetsche an die Wall Street: Er hat sich der New Yorker Investmentfirma Kensington Capital angeschlossen, die in Kürze eine Firma aus der Autoindustrie an die Börse bringen will. Zetsche soll dafür sorgen, dass eine noch leere Firmenhülle, ein sogenannter Spac, bald mit einem möglichst lukrativen Unternehmen gefüllt wird. In ähnlicher Mission sind bereits Ex-Commerzbank-Chef Martin Blessing, Ex-McKinsey-Chef Cornelius Baur und Ex-Merck-Chef Stefan Oschmann unterwegs. Spacs sind damit ein beliebter – und wohl auch lukrativer – Altersjob für den Ex.

  • Boeing steigt auf: Der Flugzeugbauer Boeing erhöht seinen Einsatz bei dem Flugtaxi-Bauer Wisk um weitere 450 Millionen Dollar. Wisk aus Kalifornien geht voll auf Risiko: Seine Flugtaxis sollen eines Tages sogar ohne Pilot unterwegs sein. Zu den wichtigsten Investoren der Firma zählen neben Boeing auch Google-Mitgründer Larry Page sowie der deutsche Tech-Innovator Sebastian Thrun.

Die Personalie des Tages:

  • Digitalchef von Galeria Karstadt Kaufhof geht: Als Andreas Hink im Spätsommer 2020 vom Schweizer Warenhaus Globus zu Galeria Karstadt Kaufhof wechselte, lag ein Hauch von Aufbruch in der Luft. Hink war einer von gleich vier neuen Managern, mit denen der neue Galeria-Chef Miguel Müllenbach das Unternehmen wieder zu Erfolgen führen wollte. Als Digitalchef sollte Hink das schwache Onlinegeschäft nach vorn bringen und den Webshop modernisieren. Doch 18 Monate später steckt die Welt noch immer in der Corona-Pandemie fest, der Online-Umsatz wächst langsamer als erhofft, und Hink verabschiedet sich wieder. Karstadt und Kaufhof, bald unter der gemeinsamen Marke "Galeria", brauchen einen neuen Ober-Digitalo.

Meine Empfehlung für den Abend:

Ausblick in die Zukunft: VW-Chef Herbert Diess will ein neues Wolfsburg - und ein neues Werk "außerhalb der Backsteinmauern"

Ausblick in die Zukunft: VW-Chef Herbert Diess will ein neues Wolfsburg - und ein neues Werk "außerhalb der Backsteinmauern"

Foto: NIKITA TERYOSHIN / The New York Ti/Redux/laif
  • Neues VW-Werk im Raum Wolfsburg: Kennen Sie Warmenau an der Aller? An diesem beschaulichen Ort, nur ein paar Steinwürfe vom VW-Stammwerk Wolfsburg entfernt, könnte sich bald der Wettstreit zwischen VW und Tesla um die Zukunft der Mobilität entscheiden. Der 500-Einwohner-Ort zwischen Kästorf und Weyhausen ist Favorit für das rund 2 Milliarden Euro teure neue Megawerk des Volkswagen-Konzerns. Dort sollen künftig unter dem Projektnamen "Trinity" die VW-Elektroautos der nächsten Generation gebaut werden. In Warmenau läge das Werk in Fußentfernung vom neuen Entwicklungszentrum. Und außerdem – dieses Detail war VW-Chef Herbert Diess bei einer Diskussion im Wolfsburger Rathaus wichtig – läge das Werk "außerhalb der Backsteinmauern" des Wolfsburger Stammwerks. Übersetzt heißt das: Außerhalb der Kultur des VW-Stammwerks. Schlanker. Schneller. Effektiver. Warum wir uns den Standort Warmenau merken sollten, erklärt unser Autoexperte Michael Freitag.

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