Kai Lange

Der Donnerstag im Überblick Beschaffungskrise, Börsen-Kursrutsch, Bitcoin-Zweifel

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit einem überforderten Beschaffungsamt der Bundeswehr, einem beschleunigten Kursrutsch an den Börsen und verstärkten Zweifeln an der Kryptowährung Bitcoin.

Finnland strebt so schnell wie möglich in die Nato. Auch die Bundesrepublik nimmt das Thema Verteidigung und Rüstung seit Russlands Angriff auf die Ukraine wieder ernst und hat die Bundeswehr mit zusätzlichen 100 Milliarden Euro ausgestattet. Doch Geld allein wehrt noch keine Angreifer ab. Wofür die Gelder ausgegeben werden, dafür sind das Beschaffungsamt der Bundeswehr und seine Chefin Gabriele Korb zuständig. Doch die, so scheint es, sind damit überfordert.

Rund 11.000 Mitarbeiter zählt die Bundesbehörde, die in einem ehemaligen preußischen Regierungsgebäude am Koblenzer Rheinufer residiert. Doch viele friedliche Jahre der Nichtbeachtung führten dazu, dass es der kämpfenden Truppe an vielem fehlt, was sie eigentlich braucht. "Schieben, strecken, streichen", ist ein geflügeltes Wort in der Behörde: Fünf bis sieben Jahre kann es schon mal dauern von der Bestellung eines Produkts bis zur Auslieferung. Der Bundeswehr fehlen Fahrzeuge, Flugzeuge und Waffen - und dem Beschaffungsamt fehlt Fachpersonal.

Kenner bezweifeln, dass die Behörde mit ihren aktuellen Strukturen der Aufgabe gewachsen ist, den Riesen-Etat schnell und sinnvoll einzusetzen. Behördenchefin Korb hält derzeit Schweigen für die beste Verteidigung. Unsere Kollegin Kirsten Bialdiga hat einen Report über Deutschlands lahme Waffeneinkäuferin geschrieben. Sie hält es für zweifelhaft, dass das Amt ohne eine rasche Reform der 100-Milliarden-Euro-Sause gewachsen ist.

Mutter der Kompanie: Gabriele Korb (63) leitet das Beschaffungsamt der Bundeswehr

Mutter der Kompanie: Gabriele Korb (63) leitet das Beschaffungsamt der Bundeswehr

Foto: Hannes Jung / DER SPIEGEL

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Crash auf Raten setzt sich fort: Der Kursrutsch an der US-Technologiebörse Nasdaq geht weiter. Der Nasdaq 100 Index ist unter die Marke von 12.000 Punkten gestürzt und hat damit seit Jahresbeginn rund 25 Prozent an Wert verloren. Hohe Inflation und steigende Zinsen sorgen dafür, dass Anleger Aktien den Rücken kehren. Noch stärker unter Verkaufsdruck kamen am Donnerstag Kryptowährungen wie Bitcoin: Die Cyberdevise stürzte auf das tiefste Niveau seit 18 Monaten und hat seit dem Rekordhoch im November vergangenen Jahres mehr als 50 Prozent an Wert verloren.

  • Finnland strebt raschen Nato-Beitritt an: Finnlands Regierungschefin Sanna Marin hat sich dafür ausgesprochen, dass Finnland die Aufnahme in die westliche Militärallianz "unverzüglich" beantragen solle. Laut einer am Montag veröffentlichten Umfrage befürworten inzwischen 76 Prozent der Finnen eine Mitgliedschaft in der Nato. Noch in dieser Woche soll eine Entscheidung über einen Aufnahmeantrag fallen.

  • Erste Gas-Lieferstopps bei Gazprom Germania: Nach den Sanktionen gegen Russland folgt nun die Antwort aus Moskau: Der Kreml hat nicht nur Geschäfte mit der Gazprom-Tochter Germania verboten, sondern auch, dass Vorräte mit russischem Gas in den Speichern Europas angelegt werden. Wirtschaftsminister Robert Habeck bleibt gelassen: In Deutschland bekämen einige der Gazprom-Tochterunternehmen zwar kein Gas mehr aus Russland, jedoch könne der Markt den Ausfall kompensieren.

Die Personalie des Tages:

  • Thomas Ulbrich soll Software-Vorstand für VW werden: VW-Entwicklungschef Thomas Ulbrich hat bereits den Start des elektrischen ID.3 gerettet. Jetzt soll er auch VWs nächstes Prestigeprojekt absichern: das Modell "Trinity". Nach Informationen von manager magazin soll er bei der Kernmarke VW künftig das neue Vorstandsressort Software führen. Es wäre der fünfte Vorstandsposten in seiner Karriere. VW-Chef Herbert Diess kann den erfahrenen Krisenmanager gut gebrauchen. Diverse Verspätungen von Software- und damit auch Modellanläufen hatten zuletzt bei dem Wolfsburger Autohersteller Volkswagen und den Töchtern Audi, Porsche und VW für massive Unruhe gesorgt.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Aufstieg und Absturz von Tiger Global: Chase Coleman, Gründer des Wagniskapitalfonds Tiger Global, ritt jahrelang auf der ganz großen Welle. Mit hohen Einsätzen stürzte sich Tiger Global regelmäßig auf Technologieaktien – und entzückte seine Kunden mit Renditen von mehr als 20 Prozent. Noch im Jahr 2020 wies Tiger Global Gewinne von rund zehn Milliarden Dollar aus. Doch mit dem Kurssturz in der Tech-Branche haben sich auch die Zeiten für Tiger Global geändert: Zwischen Januar und April dieses Jahres hat der Hedgefonds rund 17 Milliarden US-Dollar verloren. Der Start ins Jahr sei "enttäuschend", ließ Coleman mitteilen: Nun wird sich zeigen, ob der Hedgefonds auch dann Geld verdienen kann, wenn die Flut des billigen Geldes abebbt.

Meine Empfehlung für den Abend:

Tesla-Fabrik in Grünheide: Hier rollen die Model Y vom Band

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Foto: Patrick Pleul / dpa
  • Tesla ist schlagbar: Tesla-Chef Elon Musk will das Apple der Autowelt aufbauen: Das bedeutet, ein eigenes Ökosystem zu schaffen, mithilfe eigener Software und Chips, eigenem Ladenetz und Energieangebot. Den deutschen Autoherstellern Volkswagen, BMW und Mercedes, so lautet die gängige Erzählung, bliebe in diesem Szenario nur die Kapitulation. Doch auch wenn Tesla der europäischen Konkurrenz in vielen wichtigen Bereichen um Jahre voraus ist: Die Chancen für die deutschen Autobauer bleiben intakt, meinen die Bain-Berater Steffen Gänzle und Ralf Kalmbach. Unser Kollege Michael Freitag hat mit den beiden Automotive-Experten gesprochen: Das Interview "Tesla ist schlagbar" lesen Sie hier.

Herzlich, Ihr Kai Lange