Lukas Heiny

manage:mobility Das Zulieferer-Drama

Liebe Leserin, lieber Leser,

unsere Themen der Woche:

  • Das Leiden der Autozulieferer.

  • Ärger über den Topverdiener der Autobranche.

  • Das schlimmste Elektroauto-Start-up.

Ich wünsche viel Spaß mit der neuen Ausgabe unseres wöchentlichen Mobility-Newsletters.

Top-Thema: Das Zulieferer-Drama

"Doppelte Sackgasse": Kearneys Weltautochef Christian Malorny

"Doppelte Sackgasse": Kearneys Weltautochef Christian Malorny

Foto:

Lena Giovanazzi

Die Autozulieferer galten lange als Stütze der deutschen Industrie. Jetzt schichten sich diverse Krisen zu einer Gefahr auf, die so niemand erwartet hätte: Chipkrise und Elektrotransformation, neue Konkurrenz durch Techkonzerne, dazu Corona, Ukraine und Rohstoffpreisexplosion: "Die Lage ist sehr ernst, wenn nicht dramatisch. Und das aktuell; nicht erst mittel- oder langfristig", sagt Christian Malorny. Der Weltautochef der Beratung Kearney ist zweifellos einer der versiertesten Kenner der Szene. Seine Diagnose: "40 Prozent der rund 900 Zulieferer machen sich um ihre Finanzlage ernste Sorgen." Woran das liegt, wohin das führt und warum er die Abspaltung des Verbrennergeschäfts in eine Bad Bank für sinnvoll hält, hat er meinem Kollegen Michael Freitag im Interview erklärt. "Das ist ein Überlebenskampf." 

Köpfe: Carlos Tavares ++ Klaus-Michael Kühne ++ Nikita Masepin

Goldenes Jahr: Automanager Carlos Tavares bekommt ein zehn-stellantiges Vergütungspaket

Goldenes Jahr: Automanager Carlos Tavares bekommt ein zehn-stellantiges Vergütungspaket

Foto: MASSIMO PINCA / REUTERS
  • Carlos Tavares (63), Le Boss von Stellantis, hat Ärger wegen seines Gehalts. Samt Sonderprämie und Gratisaktien addiert sich das Paket für 2021 auf stolze 66 Millionen Euro – was mitten im französischen Präsidentschaftswahlkampf für Empörung sorgt.

  • Klaus-Michael Kühne (84) verdient in anderen Dimensionen. Dank seines Portfolios (Hapag-Lloyd, Kühne+Nagel) ist er aktuell vielleicht der reichste Deutsche – und jetzt zweitgrößter Aktionär der Lufthansa. Nur der Staat hält noch mehr. Aber von dem hat sich der Wahlschweizer noch nie was sagen lassen.

  • Nikita Masepin (23), Ex-Formel-1-Rennfahrer und Oligarchensohn auf der Sanktionsliste, muss wohl seinen Italien-Urlaub streichen. Die Behörden beschlagnahmten die 100-Millionen-Euro-Villa auf Sardinien, die sie Masepin zurechnen.

Putins Rennfahrer: Ex-Haas-Fahrer Nikita Masepin steht auf der Sanktionsliste

Putins Rennfahrer: Ex-Haas-Fahrer Nikita Masepin steht auf der Sanktionsliste

Foto: Mark Thompson / Getty Images

Zahl der Woche: 110 Millionen Euro

So groß – oder vielmehr: klein – schätzen die Berater von McKinsey den Gesamtmarkt für Shared E-Scooter in Deutschland. Das haben die Consultants in einer brandaktuellen Studie zum Jahr 2021 zusammengetragen, die sie uns rübergeflankt haben. Insgesamt wurden die bundesweit mehr als 100.000 Leihroller für 60 bis 70 Millionen Trips gebucht (darunter auch bei den Big Six: Tier, Bolt, Lime, Dott, Volt, Voi). Potenzial ist noch da: Auf 99,9 Prozent aller Strecken bewegten die Deutschen sich anders fort.

Unternehmen: General Motors ++ Bosch ++ Honda ++ China ++ Mullen Automotive

Minenspiel: GM-Chefin Mary Barra lässt sich Kobalt aus Australien kommen

Minenspiel: GM-Chefin Mary Barra lässt sich Kobalt aus Australien kommen

Foto: Brendan McDermid / REUTERS
  • Mary Barra (60), Chefin von General Motors, hat sich in einem Deal mit dem Rohstoff-Giganten Glencore für mehrere Jahre den Kobalt-Nachschub  für Batteriezellen gesichert. "Der Elektroauto-Goldrausch nimmt Fahrt auf", freute sich ein Rohstoffzocker. Glencore hat schließlich schon Deals mit BMW und Tesla geschlossen.

  • Bosch übernimmt das britische Software-Start-up Five, um seine Kompetenz beim autonomen Fahren zu stärken. Nicht die erste Übernahme, und sicher auch nicht die letzte.

  • Der seit einem Jahr amtierende Honda-Chef Toshihiro Mibe setzt 64 Milliarden Dollar auf Elektro. Bislang sind die Japaner bei E-Autos weitgehend blank – bis 2030 sollen 30 Modelle und eben massive Investitionen kommen. Wichtigste Partner: GM und Sony.

  • In China steht Shanghai nun schon in der dritten Woche still, und damit große Teile der Autoindustrie. In Teslas Gigafabrik geht gar nichts, Volkswagen und BMW haben ebenfalls Fabriken gestoppt, genauso SAIC und Nio. Weil viele Zulieferer hier sitzen, schlägt sich der Lockdown sofort in den Lieferketten nieder. Nio-Chef William Li (47), wie so viele andere in Zwangsquarantäne, versucht es mit einer Taskforce der eigenen Art: über soziale Netzwerke soll er grüne Zwiebeln gegen Salz getauscht haben .

  • Die Shortseller von Hindenburg Research, die sich schon Elektroauto-Start-ups wie Nikola oder Lordstown vorgeknöpft hatten, haben einen neuen Favoriten: Mullen Automotive. Die Firma von Gründer, CEO und Haupteigner David Michery verspricht die schönste Zukunft. Aber, ach, den Hindenburg-Leuten fallen so viele Ungereimtheiten auf, dass wir nur den Kopf schütteln können. Die Kernsätze aus dem Report : "We have seen this story before, but Mullen strikes us as one of the worst. (...) We think Mullen is just the latest in a long line of EV hustles."

Neue Mobilität: E-Scooter

  • Ein faszinierendes Fundstück für alle Micromobility-Planer. Auf der Ride-Report-Seite findet sich jetzt ein Open-Data-Portal, auf dem mehrere Millionen Shared-E-Scooter-Fahrten  in US-Städten hinterlegt sind, anonym, aber mit Daten und grafischer Aufbereitung. Wirklich interessant! Im Schnitt stehen die Menschen pro Fahrt keine zehn Minuten auf den Dingern und fahren weniger als eine Meile.

Deep Drive: Lesetipp der Woche

Vor dem Osterwochenende empfehlen wir Ihnen ein wenig Lektüre. Die "Spiegel"-Kollegen Simon Hage und Martin Hesse beschreiben in ihrem Buch "Aufholjagd" , wie die deutschen Autobauer zurück an die Weltspitze wollen. Und ohne viel vorwegzunehmen, hier das Zitat mit dem das Buch (fast) aufhört: "Volkswagen und seinen Wettbewerbern scheint das zu fehlen, was Tesla und Toyota auszeichnet: verrückte Ideen. Und der Mut, sie in die Tat umzusetzen."

Geisterfahrer der Woche

Schlingel auf vier Rädern: Screenshot aus dem Instagram-Video mit dem Cruise

Schlingel auf vier Rädern: Screenshot aus dem Instagram-Video mit dem Cruise

Nie passte jemand besser in unsere "Geisterfahrer"-Rubrik als der autonom fahrende Cruise auf den Straßen von San Francisco. Weil im Dunkeln ohne Licht unterwegs, wollte ein Polizist das Auto an einer Ampel kontrollieren, doch: "Ain't nobody in it!" Und kaum drehte der Cop sich um, schwupps, büchste das selbstfahrende Vehikel einfach aus.  Fahrerflucht ohne Fahrer, irgendwie lustig und auch ein bisschen gruselig. Ein Sprecher des 30-Milliarden-Dollar-Start-ups, das Testfahrten in der Metropole machen darf, sagte später: Der Wagen habe alles richtig gemacht und sei nur zur nächsten sicheren Parkbucht gerollt. Schlauer als die Polizei erlaubt?

Ich wünsche Ihnen eine bewegte Woche und schöne Ostertage!

Herzlichst, Ihr Lukas Heiny