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Kai Lange

Der Donnerstag im Überblick Beben in der Autobranche und ein Abschied von den Bahamas

Jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Automanagern, die einen Milliardenflop fürchten, einem Kryptojungen, der die Bahamas gegen eine Zelle tauscht, und der Lufthansa, die im zweiten Anlauf vielleicht doch noch Erfolg hat.

Liebe Leserin, lieber Leser,

viele vermeintliche Sicherheiten haben sich in diesem Jahr in Luft aufgelöst. Nicht nur in der Weltpolitik, auch in vielen Wirtschaftsbereichen hat sich das Koordinatensystem verschoben: Ende 2021 herrschte zum Beispiel in der Autoindustrie noch Einigkeit, dass die Zukunft der Mobilität den Roboautos gehört. Rund 70 Milliarden Dollar haben Autohersteller und Tech-Unternehmen bereits in das autonome Fahren investiert.

Doch was, wenn sich das "nächste große Ding", das autonome Fahren, als Multimilliarden-Fehlschlag erweist? Das Aus für das hoch gehandelte Start-up Argo AI hat die Branche geschockt: Die Autohersteller Volkswagen und Ford stoppten die Finanzierung, schrieben 4,5 Milliarden Dollar ab und zogen den Robocar-Plänen von Argo den Stecker. Es fühle sich an, als hätten VW und Ford der gesamten Branche den Boden unter den Füßen weggezogen, hat ein Insider unserem Kollegen Jonas Rest während seiner Recherche erzählt.

Die Situation ist paradox: Obwohl die Technik des autonomen Fahrens bereits weiter ist als viele denken, könnten die hohen Kosten fast alles begraben – zumindest bei den Autoherstellern. Viele Konzerne, darunter BMW und Mercedes, sind schon umgeschwenkt und setzen auf Fahrassistenzsysteme, die sie schrittweise weiterentwickeln. Dies wiederum dürfte die Abhängigkeit von US-Techkonzernen wie Alphabet erhöhen. Mein Kollege Jonas Rest hat mit maßgeblichen Akteuren der Szene gesprochen. Und er beschreibt die Angst der Autobranche vor dem größten Flop der Techgeschichte.

Bedrohte Art: Der autonome VW ID Buzz mit Selbstfahrsoftware und -sensoren von Argo AI wurde gestrichen. Argo programmierte zu langsam – und zu teuer

Bedrohte Art: Der autonome VW ID Buzz mit Selbstfahrsoftware und -sensoren von Argo AI wurde gestrichen. Argo programmierte zu langsam – und zu teuer

Foto: Jasper Ehrich

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Neue Chefin für Under Armour: Nicht nur Adidas und Puma, sondern auch der kränkelnde US-Sportartikelhersteller Under Armour starten mit neuer Führung ins neue Jahr. Stephanie Linnartz, bislang Chefin der Hotelkette Marriott, soll bei Under Armour vor allem digitale Strategien und Kundenbindung voranbringen. Diese Themen beschäftigen auch den neuen Adidas-Chef Björn Gulden, der den glücklosen Kasper Rorsted ersetzt. Und bei Puma will der neue CEO Arne Freundt dafür sorgen, dass in und um Herzogenaurach wieder die Freude am Sport zurückkehrt. Das klingt nach guten Vorsätzen für 2023.

  • FTX-Gründer an die USA ausgeliefert: Die Bahamas haben den Gründer der implodierten Kryptobörse FTX, Sam Bankman-Fried, nach seiner Festnahme in die USA ausgeliefert. In Begleitung von FBI Beamten landete er am späten Mittwochabend in New York. Bei einer Verurteilung drohen im mehr als 100 Jahre Haft. Seine ehemaligen Geschäftspartner Caroline Ellison und Gary Wang haben sich bereits des Betruges schuldig bekannt – und sich den Ermittlern als Zeugen angeboten.

  • Biontech liefert nach China: Erstmals haben die Impfstoffentwickler ihre Covid-Vakzine auf nach China schicken dürfen. Obwohl die Gründer bereits vor dem Pakt mit dem US-Multi Pfizer eine Kooperation mit dem chinesischen Partner Fosun Pharma geschlossen hatten, war der Markt stets verschlossen. Nun sind die ersten Dosen des Corona-Impfstoffs von Biontech in China eingetroffen – allerdings nur 11.500 Stück. Und nur für deutsche Staatsangehörige in China.

  • Verkauf von Ita Airways steht bevor: Die deutsche Lufthansa bekommt eine neue Chance, bei der italienischen Fluggesellschaft Ita Airways einzusteigen. Die italienische Regierung wollte die ehemalige Alitalia eigentlich an den US-Finanzinvestor Certares verkaufen, doch dieser Deal hat sich zerschlagen. Nun hat die Lufthansa erneut ihr Interesse bekundet und gehört zum Favoritenkreis unter den Bietern. Laut der Nachrichtenagentur Reuters will Rom in Kürze über den Verkauf eines Minderheitsanteils an der staatlichen Airline entscheiden.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Vom Topberater zum Firmenchef: Sechs Jahre lang war Martin Eisenhut Deutschland-Chef der Consulting-Firma Kearney. Nun wechselt er ins Operative: Ab Juli wird der Berater das Geschäft der Transpak Gruppe leiten, ein Großhändler für Verpackungen. Für Eisenhut ist es eine Verlängerung der persönlichen Wertschöpfungskette, wie mein Kollege Dietmar Student beschreibt: Erst verpackte der Consultant jahrelang Ratschläge in faustdicke Vorlagen, jetzt verpackt er richtig.

  • Wie Apple seine Aktionäre bindet: Trotz des Tech-Crashs an der Nasdaq hat das teuerste Unternehmen der Welt, Apple, im Jahr 2022 deutlich weniger an Wert eingebüßt als seine Konkurrenten. Dabei sind Apples Aussichten in Zeiten von Inflation und Rezession ebenfalls nicht ganz leicht. Jedoch hat kein Unternehmen weltweit in den vergangenen Jahren so viel Geld für Aktienrückkäufe und Dividenden ausgegeben wie der iPhone-Hersteller aus Cupertino. Apple verzichtet auf Zukäufe und überschüttet stattdessen seine Aktionäre mit Geld, tonnenweise: Wie diese Strategie funktioniert und welche Folgen sie hat, lesen Sie hier.

Meine Empfehlung für den Abend:

Sonnenanbeter: Co-Gründer und Co-CEO Jona Christians führt Sono Motors gemeinsam mit Laurin Hahn. Zusammen mit Navina Pernsteiner haben sie das Unternehmen 2016 gegründet

Sonnenanbeter: Co-Gründer und Co-CEO Jona Christians führt Sono Motors gemeinsam mit Laurin Hahn. Zusammen mit Navina Pernsteiner haben sie das Unternehmen 2016 gegründet

Foto: ANDREAS GEBERT / REUTERS
  • Betteln für das Solarauto: Einmal mehr pumpt Sono Motors seine Fans an, um das Solarauto Sion näher an die Serienproduktion zu bringen. Und das, obwohl selbst die eigenen Investoren wegen des Autos skeptisch sind. Kann man ein solches Hochrisikoinvestment noch verantworten? Mein Kollege Christoph Seyerlein hat bei Co-Gründer Jona Christians (29) und Finanzchef Torsten Kiedel (44) nachgefragt und über Planungsfehler, Verlustrisiken und Scamming-Vorwürfe gesprochen: Wie die Sono-Chefs ihre Betteltour bei den Fans von Solarautos begründen, lesen Sie hier.

Herzlich, Ihr Kai Lange

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