Eva Buchhorn

Der Dienstag im Überblick Der Tag mit Autohändlern, Autokraten und Ärger bei der Allianz

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit zwei abgestürzten Gebrauchtwagenhändlern, einem abgezockten Oligarchen und einem Allianz-Chef, dem Ärger aus den USA droht.

Gebrauchtwagenhändler ist nicht gerade das, was man einen Prestigejob nennt. Es sei denn, das Ganze findet im Internet statt - dort hängt die Welt selbst dem Verkäufer von Altkarossen noch ein Superheldenmäntelchen um. Christian Bertermann und Hakan Koç haben das erlebt, als sie im Februar 2021 mit "Auto1" an die Börse gingen. Sie feierten im Konfettiregen das erfolgreichste Parkettdebüt der deutschen Start-up-Szene. Seither hat die Auto1-Aktie rund 80 Prozent eingebüßt. Im grauen Licht des Alltags zeigt sich, was Auto1 wirklich ist: gnadenlos überverkauft. Die Verluste türmten sich zuletzt bei 374 Millionen Euro, einen Jahresgewinn gab es noch nie.

Das Geschäftsmodell trägt offenbar nicht, jedenfalls nicht so, wie die Gründer es dachten. Daran konnten auch prominente Wegbegleiter wie der frühere Siemens-Chefaufseher Gerhard Cromme nichts ändern, ebenso wenig wie der japanische Star-Investor Softbank, der bereits bald nach dem Börsengang einen großten Anteil seiner Aktien wieder verkaufte. Bertermann und Koç knieten sich bislang nicht tief genug ins Operative. Manche Konkurrenten machen ihre Kunden mit mehr Service glücklicher, anderen gelingt es besser, ihr digitales Angebot tatsächlich skalieren zu lassen.

Es hilft nichts: Die vermeintlichen Topverkäufer müssen nochmal ran. Ob sie überhaupt noch eine Chance haben und was sie dafür tun müssen, analysiert unser Kollege Jonas Rest in einem kenntnisreichen Report. Sie finden ihn heute auf manager-magazin.de: "Die Entzauberung der Autoheros" 

Sweet Dreamer: Die Auto1-Gründer Christian Bertermann (l.) und Hakan Koç machte der Börsengang reicher als alle Start-up-Gründer vor ihnen. Doch dann kam der Absturz.

Sweet Dreamer: Die Auto1-Gründer Christian Bertermann (l.) und Hakan Koç machte der Börsengang reicher als alle Start-up-Gründer vor ihnen. Doch dann kam der Absturz.

Foto: Jan Philip Welchering

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Krise und Anti-Krise bei BP: Der britische Öl-Multi BP hat wegen seines Rückzugs aus Russland infolge des Ukraine-Krieges 20,4 Milliarden Dollar verloren - mehr als jedes andere Unternehmen bislang. Der Grund sind Abschreibungen auf die knapp 20prozentige Beteiligung am russischen Ölgiganten Rosneft sowie auf zwei Joint Ventures. Die Aktie legte heute trotzdem zu, denn der Konzern profitierte von gestiegenen Öl- und Gaspreisen und legte heute mit 6,25 Milliarden Dollar das beste Ergebnis seit einem Jahrzehnt vor.

  • Share Now geht an Stellantis: BMW und Mercedes-Benz wollen ihre gemeinsame Carsharing-Tochter Share Now an den französisch-italienischen Autokonzern Stellantis verkaufen. Die Verträge sind bereits unterzeichnet, die Zustimmung der Kartellbehörden steht allerdings noch aus. Die beiden deutschen Autobauer wollen sich nun auf den Ausbau ihres gemeinsamen E-Auto-Ladedienstes Charge Now und ihre Mobilitäts-App Free Now konzentrieren. Sie bietet bislang Zugriff auf 180.000 Fahrzeuge sowie E-Scooter, E-Bikes, Chauffeur-Autos und Taxis in über 150 Städten.

Die Personalien des Tages:

  • Erste Frau im Markenvorstand bei VW: Erstmals zieht eine Frau in den Markenvorstand der Wolfsburger Kernmarke VW ein. Zum 1. Juli übernimmt Imelda Labbé die Verantwortung für Vertrieb und Marketing. Im übergeordneten Konzernvorstand von Volkswagen sind mit IT-Vorständin Hauke Stars und Vertriebs-Vorständin Hildegard Wortmann inzwischen zwei Frauen vertreten.

  • Dämpfer für Ex-Minister Scheuer: Das Debakel um die gescheiterte Pkw-Maut hat für Ex-Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ein juristisches Nachspiel. Nun ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft gegen den CSU-Politiker und seinen früheren Staatssekretär Gerhard Schulz. Gegen den Ex-Minister und seinen Beamten bestehe der Anfangsverdacht der uneidlichen Falschaussage, bestätigte ein Sprecher der Behörde.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

Abgezockt: Putin-Kritiker Oleg Tinkow musste verkaufen

Abgezockt: Putin-Kritiker Oleg Tinkow musste verkaufen

Foto:

Artur Lebedev / imago/ITAR-TASS

  • Putin-Kritiker muss Anteile zu einem Spottpreis verkaufen: Der russische Milliardär Oleg Tinkow hatte Putins Angriffskrieg auf die Ukraine deutlich kritisiert. Jetzt bekommt er Putins Macht zu spüren. Der Oligarch wurde offenbar gezwungen, seine Anteile an der von ihm gegründeten Tinkoff Bank an Putin-Freund Wladimir Potanin zu verkaufen. Zu einem Spottpreis von rund 3 Prozent des Marktwertes, wie Tinkow versichert. Der Putin-Kritiker sieht zudem sein Leben in Gefahr.

Meine Empfehlung für den Abend:

Allianz-Chef Oliver Bäte: Immer Ärger in den USA

Allianz-Chef Oliver Bäte: Immer Ärger in den USA

Foto: CHRISTOF STACHE / AFP
  • Fondsskandal der Allianz schwelt weiter: Wenn Allianz-Chef Oliver Bäte am morgigen Mittwoch vor die Kameras tritt und seine Aktionäre zur virtuellen Hauptversammlung begrüßt, wird er mit Rekorden nicht geizen. Rekordumsatz, Rekordgewinn, und nebenbei auch ein Rekordgehalt für den Vorstandschef der Allianz. Doch der Fondsskandal in den USA sowie die Ermittlungen des US-Justizministeriums werfen weiterhin einen Schatten auf das Unternehmen. Zwar hat sich Bäte mit vier Klägern inzwischen geeinigt und gut 3,7 Milliarden Euro für weitere Zahlungen zurückgestellt. Doch damit ist die Angelegenheit nicht ausgestanden: Sollte sich der Verdacht der Marktmanipulation bestätigen, den einige US-Pensionsfonds der Allianz vorwerfen, dann könnte es noch deutlich teurer werden. Bäte hat bereits ein Heer von Anwälten in Deutschland und den USA engagiert, um den Vorwürfen zu begegnen. Der Versicherer will nichts dem Zufall überlassen. Wie teuer und langwierig ein Rechtsstreit in den USA werden kann, davon können Bätes Vorstandskollegen bei Bayer und VW ein Klagelied singen.

Herzliche Grüße, Ihre Eva Buchhorn