Corinna Scheying

Newsletter "Der Tag" Der Tag in Stadelheim

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit dem Auftakt im Dieselgate-Prozess, Volkswagens Zukunftsaussichten und dem Börsengang von Palantir mit Kontrollabschlag.

vor rund 12 Jahren wollten VW und Audi mit dem "saubersten Diesel der Welt" Amerika erobern. Mit dieser Idee begann bekanntlich kein schönes Märchen. "Ganz ohne Bescheißen werden wir es nicht schaffen", schrieb ein Techniker damals an seine leitenden Ingenieure. Die wiederum forderten, was sie "intelligente Lösungen" nannten. Betrugssoftware. Die manipulierten Motoren wurden zur Zeitbombe, die sieben Jahre später als Dieselgate hochging.

Das unschöne 90-seitige Drama feierte heute in München seine Uraufführung, soll heißen: Über Stunden lasen Staatsanwälte die Anklageschrift vor, beim Auftakt zum ersten großen Prozess im Abgasskandal. Die tragische Hauptrolle spielt dabei der frühere Audi-Chef Rupert Stadler, der bereits viereinhalb Monate in U-Haft verbracht hat. Ihm, seinem ehemaligen Motorenentwicklungschef Wolfgang Hatz und zwei ehemaligen Audi-Ingenieuren wird Betrug, mittelbare Falschbeurkundung und strafbare Werbung vorgeworfen. Es geht um manipulierte Motoren in 434.000 Autos von Audi, Porsche und VW, um Schäden durch Wertminderung in Milliardenhöhe und um Strafrahmen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Ein Mammutprozess mit gewaltigen 181 Verhandlungstagen. Aus München-Stadelheim berichtet daher heute meine Kollegin Angela Maier.

Prozessbeginn im neuen Look: Rupert Stadler im Gerichtssaal

Prozessbeginn im neuen Look: Rupert Stadler im Gerichtssaal

Foto: LUKAS BARTH-TUTTAS/POOL/EPA-EFE/Shutterstock

Die wichtigsten Wirtschaftsthemen des Tages:

  • Zufall der Geschichte: Paralle zum Prozessbeginn in Stadelheim veranstaltet der Volkswagen-Konzern seine virtuelle Hauptversammlung. Wichtigste Nachricht: Man sieht Licht am Ende des Corona-Tunnels. Nach dem massiven Absatzrückgang in den zurückliegenden Monaten spürt der Konzern wieder einen Aufwärtstrend und erwartet einen Jahresabschluss mit Gewinn. Konzernchef Herbert Diess bekräftigte die geplanten Zukunftsinvestitionen: Bis 2024 sollen 33 Milliarden Euro in den Ausbau der E-Mobilität fließen. Außerdem will VW sich auch zu einem Digitalunternehmen wandeln. Ob VW die gesetzlichen CO2-Ziele erreichen wird, ließ er allerdings offen. Und sollten Sie sich für die Macht- und Ränkespiele hinter den Kulissen interessieren: Götterdämmerung bei VW. 

  • Die umstrittene Datenanalysefirma Palantir wird jetzt an der US-Börse gehandelt. Der Firmenwert ist mit 15,7 Milliarden Dollar deutlich niedriger als noch vor fünf Jahren – bei der letzten Finanzierungsrunde 2015 war das Unternehmen noch mit 20 Milliarden Dollar bewertet worden. Grund für den Abschlag: Die neuen Palantir-Aktionäre werden keinen Einfluss auf Entscheidungen des Unternehmens haben. Stattdessen haben sich Gründer Peter Thiel, CEO Alex Karp und Präsident Stephen Cohen weitreichende und lebenslange Kontrollrechte über das Unternehmen gesichert. Auch hier bieten wir das Big Picture – unsere Palantir-Analyse. 

  • Tag des Neustarts für Galeria Karstadt Kaufhof: Das Insolvenzverfahren der Warenhauskette ist nach dem Schuldenschnitt offiziell beendet. Firmenchef Miguel Müllenbach gibt sich optimistisch, doch auch ohne Schulden wird die Zukunft schwierig.

  • Der Ölkonzern Shell leidet wie die Wettbewerber unter der Corona-Krise und dem mit ihr einhergehenden Ölpreisverfall. Bis zu 9000 Stellen sollen daher wegfallen, das sind mehr als 11 Prozent der Jobs. Zugleich will der Konzern sein Deutschland-Geschäft umbauen und seine Kohlendioxid-Bilanz verbessern.

  • Die Proteste scheinen vergeblich: Continental hält an der Schließung der Standorte Aachen und Karben sowie am Umbau in Regensburg fest. Der Aufsichtsrat des Autozulieferers hat das "Kahlschlagkonzept", wie es der Gewerkschaftsvorsitzende Michael Vassiliadis nennt, abgesegnet. 4800 Arbeitsplätze sollen wegfallen.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

Heinz Hermann Thiele: Der Patriarch wird im April 80 Jahre alt

Heinz Hermann Thiele: Der Patriarch wird im April 80 Jahre alt

Foto: Knorr-Bremse AG/dpa
  • Milliardär Heinz Hermann Thiele ist seit ein paar Monaten Großaktionär der Lufthansa. Im September verkaufte er dann ein ordentliches Paket seiner Knorr-Bremse-Aktien, womit die familieneigenen KB Holding fast zwei Milliarden Euro kassierte. Warum? Um bei der Airline aufzustocken? Mein Kollege Michael Freitag ist dieser Frage nachgegangen, hat mit vielen Menschen aus Thieles Umfeld gesprochen. Es geht wohl um zweierlei: den Aufstieg von Knorr-Bremse in den Dax - und den Ruhm des Unternehmers.  

  • Dass Christoph Werner von seinem Vater Götz auf den Chefsessel bei der Drogeriekette dm befördert wurde, ist bekannt. Kaum im Amt muss er dort gleich die Jahrhundertkrise meistern (ganz gut übrigens, dm ist einer der Profiteure). Nun stellte sich bei unseren Recherchen folgendes heraus: Der Sohn ist nun auch allein verantwortlich. Der Vater hat sich komplett zurückgezogen. 

  • Und sonst? Chaos und Beleidigungen ohne glanzvollen Sieger - so könnte man das TV-Duell der vergangenen Nacht zusammenfassen. Fünf Wochen vor der Präsidentenwahl in den USA haben sich Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden einen ersten direkten Schlagabtausch geliefert. Biden bezeichnete Trump als "Rassisten", "Putins Welpen" und "den schlechtesten Präsidenten, den Amerika je hatte" - Trump wiederum weigerte sich, sich ausdrücklich von weißen rassistischen Gruppen wie den "Proud Boys" zu distanzieren. Das Niveau des Schlagabtausches: unwürdig. Die High- oder wohl eher Lowlights lesen Sie hier im Überblick. Erhellend ist auch der Blick auf den Realitätsbezug der Unterhaltung: Die Behauptungen der Wahlkämpfer im Faktencheck.

Meine Empfehlung für den Abend:

  • Kahlschlag, Corona-Krise, Gerichtsprozesse gegen (Ex-)Manager: Bei solchen Nachrichten kann schon mal das Vertrauen in die Wirtschaft schwinden. Dabei sagt die Wissenschaft: wir vertrauen anderen Menschen von Natur aus, darauf ist unser Gehirn ausgelegt. Vertrauen, etwa von MitarbeiterInnen in die Unternehmensführung, als Säule leistungsstarker Zusammenarbeit gilt es im Arbeitsalltag zu erhalten. Wenn Sie die neurologischen Zusammenhänge verstehen, können Sie es gezielt (wieder) aufbauen. Den Weg zum Erfolg erklärt Neuro-Ökonom Paul J. Zak im Harvard Business manager+. 

  • Und selbstverständlich für alle, die ihn noch nicht gelesen haben, unser Report über das Versagen der Wirtschaftselite. Ob Dieselskandal oder Wirecard – man trifft sich in Stadelheim. 

Herzlich, Ihre Corinna Scheying

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