Corinna Scheying

Newsletter "Der Tag" Der Tag mit dem Impfstoff-Blame-Game um Astrazeneca

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit Streit und Missgeschicken bei der Impfstoffhoffnung, der Irrsinnsaktie von Gamestop und mit einem neuen Job für den früheren Star der Investmentbanker.

Es war - oder ist - einer der größten Hoffnungsträger gegen die Corona-Pandemie. Jetzt sorgt der von Astrazeneca und der Universität Oxford entwickelte Impfstoff AZD1222 vor allem für Verdruss. In zwei Tagen soll das Mittel in Europa zugelassen werden, doch nach Herstellungsproblemen bei einem Zulieferer kürzte die Pharmafirma den Lieferplan für die EU für das erste Quartal kurzerhand um 60 Prozent. In der Folge gerieten die EU und Astrazeneca-Chef Pascal Soriot in einen heftigen Streit um Lieferengpässe und faire Verteilung. Im Grunde bezichtigen sie sich gegenseitig der Lüge und machen dem jeweils anderen Vorwürfe. Dieses Blame Game zeigt, wie blank die Nerven angesichts der unerwarteten Impfstoff-Knappheit liegen.

Dass auf dem Impfstoff von Astrazeneca besonders hohe Erwartungen liegen, hat verschiedene Gründe. Vor allem die Versorgung armer Länder, ohne die das Virus weiter grassieren und mutieren kann, hängt stark an dem kostengünstigen Mittel. Zudem benötigt es keine komplizierte Tiefkühllogistik. Für kein anderes Vakzin ist eine so große Produktionskapazität aufgebaut worden - doch statt der Produktion gehen scheinbar eher die Pannen und Missgeschicke in Serie. Hier ein Überblick über die größten von ihnen.

Die wichtigsten Wirtschaftsthemen des Tages:

  • Kursanstieg um 640 Prozent in vier Wochen: Hinter dem irren Hype um die Aktien von Gamestop steckt nicht etwa der Spieletrend. Auch die recht enttäuschenden Geschäftszahlen des US-Spielehändlers erklären die offensichtliche Euphorie der Investoren kaum. Die Treiber sind vielmehr Kleinanleger, die gemeinschaftlich institutionelle Anleger attackieren und zum "Short Squeeze" zwingen wollen. Nach Absprache treiben sie den Kurs bestimmter Papiere in die Höhe - und lassen die Hedgefonds alt aussehen. Tatsächlich haben sie die ersten Profi-Spekulanten damit bereits in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht. Hier erfahren Sie mehr über den neuen Trend, der auch deutsche Aktien bewegt.

  • Der US-Investor TCV ist bekannt für seine Finanzierungen von Netflix, Airbnb und Flixbus. Nun hat der Risikokapitalgeber einen neuen Tech-Fonds mit einem Volumen von vier Milliarden US-Dollar aufgelegt – und sucht auch in Deutschland nach rentablen Start-ups.

  • Aufstieg nach Karrieresturz: Nach der in letzter Minute geplatzten Jobübernahme des Chefpostens bei der spanischen Großbank Santander - man konnte sich nicht auf ein Gehalt einigen - bekommt der arbeitslose Andrea Orcel eine neue Chance auf einen Topjob. Insidern zufolge hat sich die italienische Großbank Unicredit auf den Investment-Star als Nachfolger für Konzernchef Jean Pierre Mustier entschieden.

  • Und noch ein Banker mit Vergangenheit. Mehr als fünf Milliarden Dollar hat der Korruptionsskandal um den malaysischen Fonds 1MDB die Investmentbank Goldman Sachs bereits gekostet. Die Bank hatte bereits angekündigt, sich größere Summen bei amtierenden und Ex-Führungskräften zurückzuholen, in deren Verantwortungsbereich die Verwicklung in den Skandal fiel. Ihrem Vorstandschef David Solomon zieht sie nun zehn Millionen Dollar seiner Bezüge für 2020 ab. Allerdings bleiben ihm noch 17,5 Millionen Jahresgehalt.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

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Meine Empfehlung für den Abend:

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  • Der fränkische Autozulieferer Brose war lange einer der erfolgreichsten überhaupt. Inzwischen ist der Vorsprung dahin, die Firma steckt wie die ganze Branche in der Krise. Der 73-jährige Patriarch Michael Stoschek hatte längst angekündigt, sich zurückzuziehen und seine Tochter zur Nachfolgerin einzusetzen. Zum Leidwesen seiner Mitarbeiter sieht die Wirklichkeit gegenteilig aus: Tochter Julia will nicht, und der Vater hat in aller Stille seine Macht als Firmenoberhaupt noch weiter ausgebaut. Meine Kollegin Angela Maier berichtet über das wunderliche Regime des Brose-Patriarchen. 

  • Wir laden Sie ein zu einer Diskussion über China. Unser langjähriger Kollege Wolfgang Hirn, der als Reporter viele Geschichten, Reportagen und Porträts aus China geschrieben hat und auch Buchautor ist, erklärt seine Sicht auf die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Er sieht beispielsweise in der Metropole Shenzhen nichts Geringeres als das neue Gravitationszentrum der Weltwirtschaft. Seine Argumente und Insights teilt er mit den Kollegen bei der manager lounge am 4. Februar im Livestream. Wir laden Sie herzlich ein, kostenlos dabei zu sein! 

Herzlich, Ihre Corinna Scheying