Eva Buchhorn

Der Donnerstag im Überblick Steigende Zinsen und fehlende Flüge

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit dem Apple Car in der Hintertür, einer Ankündigung der EZB und mehr Normalität in China.

Kommt das Apple Car? Die Frage bewegt Autohersteller und ihre Kunden, seit Apple-Chef Tim Cook 2014 das Projekt "Titan" startete. Immerhin funktioniert im Auto schon lange nichts mehr ohne Software, und im Alltag ist die Menschheit ohne iPhone aufgeschmissen. Warum also nicht beides stärker vernetzen?

Bislang ist in der Apple-Zentrale in Cupertino kein iCar vom Band gerollt. Aber das haben Cook und seine Mannschaft auch gar nicht nötig. Sie bauen ihren Einfluss auf die Mobilität von morgen subtiler aus - mit CarPlay. Auf seiner jährlichen Entwicklerkonferenz hat der Konzern gerade eine neue Generation des Infotainmentsystems vorgestellt. Der Clou: CarPlay soll künftig nicht mehr nur per Bluetooth die Apps des Fahrers vom iPhone auf die Bildschirme im Auto übertragen, sondern auf sämtliche Steuerungselemente zugreifen. Klimaanlage, Ladestands-Anzeige, Kontrollelemente für Antriebsprobleme – alles wäre verbunden mit der Software aus dem Hause Apple.

Zumindest den Autoherstellern im Luxussegment bleibt gar keine andere Wahl als die Kooperation, auch wenn der Software-Gigant damit ihren eigenen Infotainmentsystemen Konkurrenz macht. Welche Wege Volvo, Audi, Porsche und Co gefunden haben, um Apple trotzdem ein wenig auf Distanz zu halten, erläutert unser Kollege Christoph Seyerlein heute hier: "Das Apple Car rollt durch die Hintertür."  

Bald allgegenwärtig: Apple greift immer stärker auf die Software im Auto zu.

Bald allgegenwärtig: Apple greift immer stärker auf die Software im Auto zu.

Foto: Apple

Die Wirtschaftsnews des Tages:

  • Zinswende kommt: Mit der Entscheidung für eine baldige Erhöhung des Leitzinses hat die Europäische Zentralbank heute das Ende der jahrelangen extrem lockeren Geldpolitik eingeläutet. Der Zentralbankrat entschied auf einer Sitzung in Amsterdam, noch im Juli den Leitzinssatz um 25 Basispunkte anzuheben. Eine weitere Zinserhöhung könnte im September folgen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde kündigte auch das Ende der milliardenschweren Anleihekäufe an. Der deutsche Leitindex Dax rutschte deutlich ins Minus - Anleger reagierten verschreckt auf die erhöhte Inflationsprognose der EZB.

  • Twitter gibt klein bei: Im Streit um potenzielle Fake-Accounts bei dem Kurznachrichtendienst hat Tesla-CEO Elon Musk einen Etappensieg errungen. Twitter soll innerhalb der nächsten drei Wochen Informationen zu der Frage liefern, wie viele seiner Nutzerkonten in Wahrheit automatisiert laufen. Das Social-Media-Unternehmen muss sich einer Anordnung des Generalstaatsanwalts von Texas beugen, der als Musk-Unterstützer gilt. Musk will Twitter kaufen, macht seine Übernahme inzwischen aber von der Aufklärung der Fake-Accounts abhängig - möglicherweise, um den Kaufpreis zu drücken.

  • Weniger Ferien-Flüge: Weil immer noch Personal fehlt, werden Lufthansa und ihre Tochter Eurowings allein im Juli über 1000 Flüge aus dem Programm nehmen. Die Streichungen bei Lufthansa betreffen die Wochentage Freitag, Samstag und Sonntag. Betroffen sind insbesondere Flüge innerhalb Deutschlands und in Europa an den Drehkreuzen Frankfurt und München. In der Pandemie haben sich viele Beschäftigte andere Jobs gesucht. Sie fehlen nun in der Passagierkontrolle, in der Flugzeugabfertigung, aber auch in der Kabine.

Was uns sonst noch beschäftigt hat:

  • Öffnung in China: Die Ausfuhr von Exportgütern aus China hat sich im Mai deutlich positiver entwickelt als erwartet. Nach Zahlen des chinesischen Zolls haben im vergangenen Monat fast 17 Prozent mehr Ausfuhren das Land verlassen als im April. Beobachter hatten nur mit halb so viel Zuwachs gerechnet. Der Containerhafen Shanghai arbeitet fast wieder auf Normalniveau, nachdem Chinas Behörden die scharfen Corona-Einschränkungen gelockert haben. Auch der Autohersteller Tesla ist nach drei Wochen Zwangspause im Werk Shanghai zu voller Produktion zurückgekehrt.

  • Besser netzwerken: Die Kontaktfreudigen unter Ihnen haben es in den vergangenen zwei Jahren wirklich schwer gehabt: Die Corona-Pandemie hat nahezu alle Gelegenheiten zum zwanglosen beruflichen Austausch in die Virtualität verbannt - und damit eigentlich abgeschafft. Es gibt Zahlen, nach denen die lockeren Kontakte in Unternehmen um ein Fünftel zurückgegangen sind. Das war nicht nur langweilig, sondern kann sich für Unternehmen auch zum echten Innovationshemmnis auswachsen. Dorie Clark beschäftigt sich an der Duke University in den USA professionell mit der Kunst des Netzwerkens und hat Tipps, wie Sie wieder einsteigen können.  

Unsere Empfehlung für den Abend:

Einfach mal quatschen: Wer sich austauschen will, profitiert von Nähe.

Einfach mal quatschen: Wer sich austauschen will, profitiert von Nähe.

Foto: Buena Vista Images / Getty Images

Die Ära der Niedrigzinsen mag nach der heutigen Ankündigung der EZB bald Geschichte sein, horrend hohe Verschuldungen privater, aber vor allem öffentlicher Haushalte bleiben. Die G7-Staaten sitzen auf Schuldenbergen, die ihr jährliches Bruttoinlandsprodukt weit übersteigen – ähnlich wie am Ende des Zweiten Weltkriegs. Und die Welt wird nicht gemütlicher nach all den Krisen. Der Ukraine-Krieg verursacht milliardenschwere Aufwendungen für Sicherheit und Verteidigung, drohende Nahrungsmittelknappheiten und Energieengpässe werden die öffentlichen Kassen weiter belasten. Wie damit umgehen?

Unser Kolumnist Henrik Müller, eigentlich ein zuverlässiger Lieferant kluger, aber auch eher ausführlicher Texte, nimmt sich der großen Zukunftsfrage heute kurz und knackig an. Wirtschaft und Politik müssen vier Schlüsse ziehen, so seine Analyse; keiner ist einfach umzusetzen. Müllers lesenswerten Zwischenruf "Die Rückkehr der Schuldenkrise" finden Sie hier.  Ihr Abend steht Ihnen nach der Lektüre noch weitgehend zur freien Verfügung. Das Wetter ist gut, machen Sie etwas daraus.

Herzliche Grüße, Ihre Eva Buchhorn