Christoph Rottwilm

Newsletter "Der Tag" Der Tag mit dem falschen Mann für Wirecard

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit verzweifelten Rettungsversuchen bei Wirecard, einem rettenden Kompromiss bei MAN und einem Topjob bei Apollo, der nicht mehr zu retten war.

Es ist zweifellos einer der großen Krimis der deutschen Wirtschaftsgeschichte: der Bilanzskandal um Wirecard. Und eines der spannendsten Kapitel spielte im Juni 2020, kurz vor der Pleite. Die Frage, die sich dabei stellt: War der Untergang des Zahlungsdienstleisters nach Bekanntwerden des Milliardenlochs wirklich unvermeidlich? Immerhin verfügte Wirecard über ein im Kern funktionierendes Geschäftsmodell und echte Kunden, die Millionenumsätze lieferten.

Meine Kollegin Katharina Slodczyk hat die entscheidenden Tage im Hause Wirecard minutiös nachrecherchiert. Sie liefert das Protokoll einer versuchten Rettung durch einige engagierte Führungskräfte und Berater. Angeführt von Wirecards Strategiechef Markus Eichinger, zuvor von vielen als Liebling von Konzernchef Markus Braun belächelt, schuftete das Team in der heißen Phase im Juni vergangenen Jahres Tag und Nacht, prüfte Einsparmöglichkeiten, taxierte die Chancen, die der Verkauf von Unternehmensteilen haben könnte. Mit dabei auch: Ansgar Zwick, Deutschland-Chef der Investmentbank Houlihan Lokey und einer der versiertesten Finanzierungsberater der Republik.

Tatsächlich gelang es der zeitweise gut 20 Leute starken Truppe, die groben Züge eines möglichen Wirecard-Überlebens zu konstruieren. Es fehlten nur einige hundert Millionen Euro sowie mehr Zeit vonseiten der Banken, um diese Lücke zu schließen. Nichts Unmögliches, wie es schien. Was aber noch wichtiger war: Es brauchte eine Person an der Spitze, die dieses Risikomanöver durchziehen würde.

James Freis war offenbar kein solcher Mann. Der Interimschef von Wirecard, zuvor bei der Deutschen Börse in der zweiten Reihe, vertiefte sich in jenen Tagen zwar in den Rettungsplan, gab ihm jedoch keine Chance. Freis hatte Angst bekommen, schreibt Kollegin Slodczyk in ihrer fesselnden Geschichte: Wirecard - die Chronik der letzten Tage .

Wer trägt das Risiko? Ex-Wirecard-Chef Markus Braun nach einer Anhörung im Untersuchungsausschuss des Bundestages in Berlin.

Wer trägt das Risiko? Ex-Wirecard-Chef Markus Braun nach einer Anhörung im Untersuchungsausschuss des Bundestages in Berlin.

Foto: Marc-Steffen Unger/www.ms-unger.de / Marc-Steffen Unger

Die Wirtschaftsnews des Tages:

Was heute sonst noch wichtig war:

Meine Empfehlung für den Abend:

Autobau bei Mercedes-Benz: Ohne Halbleiter geht es nicht

Autobau bei Mercedes-Benz: Ohne Halbleiter geht es nicht

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS
  • Halbleiter sind auf den ersten Blick eher unscheinbar, elektronische Bauteile eben, die den Strom entweder durchlassen oder nicht. Doch heute kann kein Hersteller mehr ein Auto bauen, wenn er nicht die nötige Menge dieser Mikrochips zur Verfügung hat. Sie steuern das Infotainment, die Assistenzsysteme, das Batteriemanagement, das Fahrwerk, den Motor. Und weil im Zuge der Corona-Krise seit Wochen Knappheit an den Teilen herrscht, steht in Deutschland in diesen Tagen manche Autoproduktion zumindest teilweise still. Ein akutes Problem für die Branche also, wie auch unser Meinungsmacher Stefan Randak analysiert. Er sieht darin aber zudem den Ausdruck einer fatalen Abhängigkeit der deutschen Autoindustrie innerhalb der weltweiten Vernetzung. Wie die Konzerne aus dieser Misere kommen können, und was sich grundsätzlich ändern muss, damit sich Vergleichbares nicht wiederholt, beschreibt Randak für Sie hier: Die Ursachen der Chipkrise - und was jetzt zu tun ist.

Beste Grüße, Ihr Christoph Rottwilm