Corinna Scheying

Newsletter "Der Tag" Der Tag mit Bezos' halbem Rückzug

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit neuen Chefs für Amazon und Siemens, der neuen Macht am Kapitalmarkt und dem ungelösten Rätsel um Karl-Erivan Haub.

Seit Jeff Bezos vor 26 Jahren das erste Buch über seinen Onlinebuchhandel Amazon.com verkaufte, ist seine Firma bekanntlich zu einem gewaltigen Imperium emporgestiegen. Gerade erst hat sie ein Rekordquartal mit 125,6 Milliarden US-Dollar Umsatz abgeschlossen (was freilich niemals allein mit Büchern möglich gewesen wäre).

Nun hat Gründer und CEO Bezos, der kürzlich erst den Titel als reichster Mann der Welt an Teslas Elon Musk abtreten musste, seinen Rückzug aus der vordersten Front angekündigt. Sein Vertrauter Andy Jassy, bisher Chef der Cloudsparte AWS, soll im Sommer übernehmen – und die Aufspaltung des Onlinegiganten verhindern.

Große Änderungen durch den Chefwechsel sind nicht zu erwarten. Das tägliche Geschäft überlässt Bezos ohnehin längst seiner Führungsmannschaft. Als Aufsichtsratschef wird er Jassy direkt im Nacken sitzen. Und der hat die berühmte Amazon-Kultur sowieso ganz tief in sich drin – er sollte einst neben Büchern den Verkauf von Musik-CDs bei Amazon einführen: Das ist Amazons künftiger Chef.

Mag klare Ansagen und Cola Light: Andy Jassy wird ab dem dritten Quartal Amazon führen

Mag klare Ansagen und Cola Light: Andy Jassy wird ab dem dritten Quartal Amazon führen

Foto: Mike Blake / REUTERS

Die wichtigsten Wirtschaftsthemen des Tages:

  • Die Spekulationen bestätigen sich: Der weltgrößte Lkw-Hersteller soll an die Börse. Wie zuvor Volkswagen mit Traton, will auch der Daimler-Konzern seine Truck AG noch 2021 abspalten. Die verbleibende Autofirma soll in Mercedes-Benz umbenannt werden.

  • Der chinesische BMW-Partner Brilliance ist in Not. Jetzt erwägt der zweitgrößte chinesische Autobauer FAW eine Übernahme. Negative Auswirkungen auf das florierende Joint Venture in Shenyang, für beide Partner einer der wichtigsten Ertragsbringer, erwartet man bei BMW nicht.

  • Kampf gegen Mutanten: Hochgradig ansteckende Varianten des Coronavirus erschweren die Pandemie. Curevac und Astrazeneca wollen dagegen die Impfstoffe der nächsten Generation entwickeln – und es soll schnell gehen. Der britische Pharmakonzern Glaxosmithkline will die Tübinger von Curevac bei der Herstellung von bis zu 100 Millionen Dosen dieses Impfstoffs noch in diesem Jahr unterstützen.

Die weitere Personalie des Tages:

Kennt Siemens nach fast zehn Vorstandsjahren wie kein Zweiter: Roland Busch

Kennt Siemens nach fast zehn Vorstandsjahren wie kein Zweiter: Roland Busch


Foto: Julian Baumann für manager magazin
  • Schon seit Oktober führt Roland Busch die Geschäfte von Siemens, nach außen trat bis jetzt jedoch Vorgänger Joe Kaeser als Chef auf. Mit Ende der heutigen Hauptversammlung (und Kaesers Vertrag) wird Busch auch formal das Amt des Vorsitzenden übernehmen. Der Physiker gilt als unprätentiös, technikbegeistert und bekennt: "Ich wünsche mir, dass wir auch in 50 Jahren noch Hardware fertigen werden." Über den Machtwechsel beim größten deutschen Tech-Konzern berichtet Angela Maier: Was Roland Busch von Joe Kaeser unterscheidet.  Rückenwind dürften Busch im Übrigen die aktuellen Geschäftszahlen geben: Nach einem guten ersten Quartal hat Siemens seine Prognose für das laufende Geschäftsjahr angehoben.

Was uns sonst noch beschäftigt:

Hyper, Hyper: Über Wallstreetbets und Youtube hat Keith Gill alias "DeepFuckingValue" alias "Roaring Kitty" maßgeblich den Gamestop-Rausch ausgelöst.

Hyper, Hyper: Über Wallstreetbets und Youtube hat Keith Gill alias "DeepFuckingValue" alias "Roaring Kitty" maßgeblich den Gamestop-Rausch ausgelöst.

Foto:

Roaring Kitty / youtube

  • Mit dem Hype um die Gamestop-Aktien hat eine Armada von Kleinanlegern die Wall Street und die Politik alarmiert. Wir haben uns im Forum umgeschaut und mit Insidern gesprochen, worum es der wachsenden Gruppe geht, nach welchen Regeln sie funktioniert, wer das Sagen hat und wie sie zu dem wurde, was sie ist. Eines ist danach klar: Das verbreitete Bild einer Horde von Kinderzimmerzockern ist falsch. Einer der Insider hat es uns so beschrieben: "Unsere Community zelebriert riskante Spielchen an der Börse, ist dabei unverschämt pro-kapitalistisch und lässt jegliche Art von moralischen Skrupeln vermissen." Gewinner auf dem Weg zum Mond werden dabei genauso gefeiert wie absolute Loser (berühmt wurde etwa einer, der sich mit Zierkürbissen verzockte). Wallstreetbets – so funktioniert die neue Macht am Kapitalmarkt. 

  • Seit fast drei Jahren ist der ehemalige Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub verschwunden.  Nach langem Zögern haben zuerst sein Bruder und jetzt auch die Gattin sowie seine Kinder beantragt, den vermissten Milliardär für tot zu erklären. Ob das Gericht dem Begehren der Familie stattgibt, steht allerdings längst nicht fest. Denn es gibt keine Beweise für das Unglück. Im Gegenteil: Indizien weisen sogar darauf hin, dass der Verschollene noch leben könnte. 

Meine Empfehlung für den Abend:

  • Zellen in Lebewesen lassen sich programmieren wie Computer, glaubt Jason Kelly. Er formuliert ganze DNA-Sequenzen neu und manipuliert Zellen so, dass sie exakt die Dinge tun, die er ihnen vorschreibt. "Das eröffnet uns die Chance, eine ganze Reihe von Dingen, wie Plastik, Fleisch oder Leder ohne tierische Bestandteile oder Dünger, auf eine völlig neue und deutlich billigere Art und Weise herzustellen als bisher", sagt er. Mit seiner Firma Ginkgo Bioworks ist er der Anführer einer Biorevolution. Auch das geschäftliche Potenzial ist enorm – die Bewertung des Start-ups liegt bereits bei rund 4,5 Milliarden Dollar: Die T-Rex-Company. 

Herzlich, Ihre Corinna Scheying

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