Christoph Rottwilm

Der Tag im Überblick Boss Bäte und Elefant Erdoğan

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit einem Blick ins Innere von Deutschlands größtem Versicherer, Tipps für Anleger in der neuen Börsenunsicherheit und Fragen, die den künftigen Kanzler verunsichern sollten.

Wer den Allianz-Konzern nur aus der Ferne betrachtet, hat womöglich ein Trugbild vor Augen, in dem sich vieles widerspiegelt, das in vergangenen Zeiten einmal galt: Der größte Versicherer Deutschlands, so solide wie ein Fels in der Brandung, zudem eine Gewinnmaschine, die ihre Aktionäre verlässlich mit ansehnlichen Dividenden erfreut. Und an der Spitze mit Oliver Bäte ein echter Erfolgs-CEO.

Meine Kollegen Angela Maier und Dietmar Palan interessieren sich berufsbedingt nicht für solche Klischees - sie haben sich das Unternehmen einmal genauer angeschaut. Herausgekommen ist ein Inside-Report, der zahllose Schwachpunkte bei der Allianz zutage fördert. Wohlgemerkt: Zusätzlich zum Skandal um die Hedgefonds der Tochter AGI in den USA, der dem Konzern Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe von Investoren sowie Ermittlungen von US-Behörden einbrachte.

Ein paar Beispiele gefällig? Die hauseigene Venture-Capital-Firma Allianz X etwa musste bereits die Strategie ändern, weil der ursprüngliche Ansatz nicht funktionierte. Der Direktversicherer Allianz Direkt bleibt hinter den Erwartungen zurück. Und immer wieder greift CEO Bäte bei Personalien daneben oder geht Probleme erst an, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Der Clou ist jedoch, dass es Bäte trotz des Hedgefonds-Skandals und anderer Widrigkeiten gelungen ist, seine Position zuletzt sogar noch zu stabilisieren. So stehen dem Allianz-Chef Ende September 2024, wenn seine zweite Amtsperiode endet, alle Optionen offen, schreiben Maier und Palan. Er kann weiter Allianz-Chef bleiben oder - nach Abkühlung - auf den Aufsichtsratsvorsitz wechseln. Wie das möglich ist? Hier die ganze Geschichte: Wie Oliver Bäte die Konzernkrise zum Machtausbau nutzt 

Alle Optionen offen: Allianz-Chef Oliver Bäte hat allen Grund zur Freude

Alle Optionen offen: Allianz-Chef Oliver Bäte hat allen Grund zur Freude

Foto:

Lara Freiburger / Capital / Picture Press

Die Wirtschaftsnews des Tages:

Die Köpfe des Tages:

Abgang: Jack-Dorsey gibt die Twitter-Spitze schon zum zweiten Mal ab

Abgang: Jack-Dorsey gibt die Twitter-Spitze schon zum zweiten Mal ab

Foto: MARCO BELLO / AFP
  • Jack Dorsey. Der Twitter-Gründer tritt schon zum zweiten Mal als Chef des Kurznachrichtendienstes zurück. Vorstandskollege Parag Agrawal übernimmt seinen Posten. Der Aktienkurs steigt steil an.

Was heute sonst noch wichtig war:

  • Ist das jetzt eine spezielle Art von Humor des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan? Ist es Ignoranz? Oder ist es einfach eine schlichte Gemeinheit? Seit Monaten sorgt der Machthaber mit öffentlichen Äußerungen sowie seiner Einflussnahme auf die Geldpolitik der Zentralbank des Landes dafür, dass die Lira immer weiter an Wert verliert - und jetzt setzt er ein Gremium ein, das herausfinden soll, wer für den Kurssturz verantwortlich ist. Man darf gespannt sein, welchen Verantwortlichen die Prüfer als Urheber der von Erdoğan vermuteten Marktmanipulation identifizieren. Meine Vermutung: Da ist ein Elefant im Raum.

  • Stichwort Energiewende: Deutschland steht vor der größten Transformation der Neuzeit, die neue Bundesregierung bläst zum Aufbruch. Doch woher soll all der neue Grünstrom und der Wasserstoff kommen? Mein Kollege Dietmar Student beschäftigt sich seit Jahren mit Deutschlands Versorgern und den Entwicklungen auf dem Energiemarkt. Er beschreibt das bisherige Missmanagement in diesem Sektor - und die Notwendigkeit von Politik und Behörden, sich jetzt radikal zu ändern. 

  • Wie verändert die Corona-Krise das Arbeiten - und welche Rolle spielt künftig das Homeoffice? Das Thema beschäftigt nicht nur die Menschen hierzulande. Auch in New York, der US-Metropole, die wie kaum eine andere von der Pandemie getroffen wurde, und die jetzt gerade zu neuem Leben erwacht, gelten neue Regeln. Wir haben mit dem New Yorker Luxusimmobilienmakler Sebastian Steinau gesprochen, über das neue Arbeiten im Corona-Modus und die Rolle, die das "New Work"-Konzept beim Verkauf von Wohnungen und Häusern spielt. Steinau sagt: "Die Frage nach dem Homeoffice kommt in 90 Prozent meiner Kundengespräche."

Meine Empfehlung für den Abend:

Hanseaten unter sich: Hamburgs Bürgermeister Tschentscher (r.) und der kommende Bundeskanzler Scholz führten ein Telefonat, das Fragen aufwirft

Hanseaten unter sich: Hamburgs Bürgermeister Tschentscher (r.) und der kommende Bundeskanzler Scholz führten ein Telefonat, das Fragen aufwirft

Foto:

Sean Gallup/ Getty Images

  • Wer sich für den Cum-Ex-Skandal um die Hamburger Privatbank Warburg interessiert, und für die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass das Institut ursprünglich 47 Millionen Euro an Steuern an den Hamburger Fiskus zurückzahlen sollte und dann plötzlich doch nicht mehr, ist bei uns an der richtigen Adresse. Meine Kollegen Oliver Hollenstein und Oliver Schröm kennen die Causa so gut wie kaum sonst jemand in Medien-Deutschland. Die beiden haben jetzt ein weiteres Detail zutage gefördert, das nicht nur Hamburgs amtierenden Bürgermeister Peter Tschentscher, sondern auch dessen Amtsvorgänger, den künftigen Bundeskanzler Olaf Scholz (beide SPD) erneut in ein wenig schmeichelndes Licht rückt. Die Frage, auf die es noch immer keine befriedigende Antwort gibt, lautet: Nahm Hamburgs Politik seinerzeit Einfluss auf die Finanzverwaltung, als der Warburg-Bank die 47 Millionen Euro erlassen wurden? Lesen Sie das neue Kapitel dieses Wirtschaftskrimis hier. 

Beste Grüße, Ihr Christoph Rottwilm

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