Lukas Heiny

Newsletter "Der Tag" Der Tag mit einem Raubtierkapitalisten als Bierkönig

Liebe Leserin, lieber Leser,

jeden Abend fassen wir die wichtigsten Wirtschaftsnews des Tages zusammen. Heute mit dabei: Götterdämmerung bei AB Inbev, Krise beim Kartendienst Here, historischer Chefwechsel bei McKinsey und ein Nachruf auf den verstorbenen Selfmademilliardär Heinz Hermann Thiele.

Die Karriere des Carlos Brito ist die vielleicht eindrucksvollste der Konsumgüterindustrie. Als Boss des weltgrößten Bierbrauers AB Inbev ist er zu einem der meistgefürchteten und bestbezahlten Manager der Erde und so zum Milliardär geworden. Das Geheimnis seines Aufstiegs fasst er schlicht so zusammen: "Das Entscheidende in einem Satz ist, was nach dem Aber folgt." Erfolg ist schließlich vergänglich, wichtig ist stets das nächste große Ding.

Damit motiviert sich Brito seit mehr als drei Dekaden, einen Megadeal nach dem anderen durchzuboxen. So schuf er einen Koloss mit 47 Milliarden Euro Umsatz und 500 Biermarken von Beck's über Corona bis Budweiser. Doch inzwischen frisst der Raubtierkapitalismus des Konzerns seine Kinder. Nachdem im vergangenen Jahr schon der Finanzchef gehen musste, wird nun Brito zur Belastung: Der Gigant ist hoch verschuldet, der alternde Chef bleibt Ideen schuldig. Offenbar soll demnächst Michel Doukeris an seine Stelle rücken, bislang noch US-Chef. Im tief recherchierten Report meines Kollegen Martin Mehringer erfahren Sie – quasi als Vorbereitung auf die Bilanzvorstellung am Donnerstag – die Hintergründe: Götterdämmerung beim weltgrößten Bierkonzern. 

Die wichtigsten Wirtschaftsthemen des Tages:

Verfahren: Here-CEO Edzard Overbeek sollte Karten für Roboautos liefern.

Verfahren: Here-CEO Edzard Overbeek sollte Karten für Roboautos liefern.

Foto:

Jonas Holthaus / laif

  • Der digitale Kartendienst Here, 2015 von Audi, Daimler und BMW für 2,6 Milliarden Euro von Nokia übernommen, sollte zum Bollwerk der deutschen Autoindustrie im Kampf gegen Google um Roboterautos und Digitalisierung werden. Here-Chef Edzard Overbeek beschwor das "gewaltige Potenzial" auch abseits der Branche. Dieser Traum ist geplatzt, Here ist zum Krisenfall geworden. Der Umsatz sinkt, seit der Übernahme hat sich ein Milliardenverlust angehäuft, einige der Haupteigner verlieren die Lust. Die Lage sei "kritisch", sagen Insider. 

  • Erfreuliche Daten von der Statistikfront: Im vierten Quartal 2020 ist die deutsche Wirtschaft sogar um 0,3 Prozent gewachsen, trotz erneuten Shutdowns. Unterm Strich bleibt für das gesamte Coronajahr damit ein Minus von 4,9 Prozent – der größte Rückgang seit der Finanzkrise, aber eben nicht ganz so schlimm wie befürchtet. Das massive Eingreifen des Staates (Defizit 2020: 139,6 Milliarden Euro) hat offenbar einen tieferen Absturz verhindert.

  • Vor allem im Handel sieht man allerdings ein Ungleichgewicht, verglichen mit der staatlich protegierten Industrie. "Hier wird eine Branche unnötig geopfert", hat uns Alexander Otto im Interview gesagt. Der Unternehmer ist Chef der ECE und damit Einkaufscenter-König Europas. Mit ihm haben wir über das akute Leid der Ladenketten gesprochen (drohender "Totalschaden"), über die Folgen für die Innenstädte gerade in kleineren und mittleren Gemeinden und über die Frage, warum er Parkplätze in Wohnraum verwandelt.

  • Die Werbefirma Ströer musste in der Coronakrise einen Einbruch bei Umsatz und Gewinn verbuchen. Ähnlich wie im ganzen Land gilt auch beim MDax-Konzern die Devise: immerhin noch besser als befürchtet. Das Stichwort Ströer ist natürlich eine gute Chance, Sie noch einmal auf unsere ausführliche Recherche zu den fiesen Tricks der Werbefirma hinzuweisen, die Zweifel an der Bewertung aufkommen lassen. Motto hier: Luftiger als gedacht. 

Die Personalmeldungen des Tages:

  • Beben bei McKinsey. Die 650 Partner der weltgrößten Unternehmensberatung verweigern ihrem Boss die Gefolgschaft. Anders als all seine fünf Vorgänger ist für Kevin Sneader nach nur einer Amtszeit Schluss. Zwar hatte sich der konservative Schotte mehrfach für diverse Verwicklungen in Skandale entschuldigt ("We deeply regret") – doch intern glaubte man nicht, dass er die strukturellen Probleme des Beratungsriesen (einige Partner sehen "Organisationsversagen") in den Griff bekommen würde. Die Hintergründe können Sie hier nachlesen: McKinsey – Absturz einer Ikone. 

  • Gameover auch bei Gamestop. Nach den turbulentesten Börsenwochen der US-Firma überhaupt muss Finanzchef Jim Bell gehen, seinen Posten übernimmt vorerst die Chefbuchhalterin Diana Jajeh.

  • Neun Monate lang hat Audi-Chef Markus Duesmann den Job des Entwicklungsvorstands miterledigt, jetzt hat er dafür jemand anderen gefunden: Der altgediente Audianer Oliver Hoffmann übernimmt das Ressort.

  • Und sollten Sie jetzt denken: Mensch, so viele Topjobs - da bewerbe ich mich doch mal. Dann mag das eine gute Idee sein, logo. Aber zuvor empfehle ich Ihnen diese Lektüre: Auf den ersten Blick . Für berufliche Treffen gilt nämlich wie beim Blind Date – der erste Eindruck zählt. Eine Partnervermittlerin verrät, wie Sie direkt positiv auffallen und warum Sie interessiert, aber auf keinen Fall interessant wirken sollten.

Meine Leseempfehlung für den Abend:

Patriarch: Der Unternehmer Heinz Hermann Thiele, fotografiert 2015 für das manager magazin.

Patriarch: Der Unternehmer Heinz Hermann Thiele, fotografiert 2015 für das manager magazin.

Foto: Dieter Mayr
  • "Nur ein Verrückter tut sich so etwas an", hat uns Heinz Hermann Thiele einmal bei einem Treffen über seinen Antrieb erzählt. Er war bis zuletzt der Alleinherrscher des wertvollen Industriekonzerns Knorr-Bremse, den er über Jahrzehnte zu einem Weltunternehmen geformt hatte. Er war Haupteigner von Vossloh und seit vergangenem Jahr größter Einzelaktionär der Lufthansa. Er war einer der ganz wenigen Selfmademilliardäre und zählte zu den reichsten zehn Deutschen. Für sein Lebenswerk haben wir ihn bereits 2017 in die "Hall of Fame der deutschen Wirtschaft" berufen. Nun ist er überraschend im Alter von 79 Jahren gestorben. Vielen blieb Thiele ein Rätsel, selbst Wegbegleiter beschreiben ihn als misstrauisch und undurchschaubar. Mit meinen Kollegen Ursula Schwarzer und Michael Freitag hat Thiele mehrfach gesprochen und sich in einem der ganz seltenen Momente selbst erklärt. Entstanden ist aus diesen Gesprächen ein Porträt, das wir anlässlich seines Todes aktualisiert haben: Der Unerbittliche. 

Bleiben Sie gesund. Herzlich, Ihr Lukas Heiny