"Ich habe schon überlegt, eine große Stellenanzeige zu schalten: Entwicklungsvorstand, unschuldig und nicht böse, sucht ..." Stefan Knirsch

"Das war's dann wohl." Martin Winterkorn (71) nimmt seine Tasche. Es ist der 23. September 2015; am Fernseher hat der Volkswagen-Chef gerade noch einmal erlebt, wie er kurz zuvor seinen Rücktritt verkündet hat. Jetzt verlässt er das Wolfsburger Vorstandsgebäude.

Winterkorn hat 34 Jahre für diesen Konzern gearbeitet. Er war Entwicklungschef, hat Audi und Volkswagen als Vorstandschef geleitet; er hat das Unternehmen zum mächtigsten Autohersteller der Welt gemacht.

Nun ist Schluss. Denkt er. Er irrt sich.

Was ihn tatsächlich erwartet, weiß Martin Winterkorn genauso wenig wie Rupert Stadler (56), damals noch Audi-Chef, oder die ehemaligen Audi-Chefentwickler Ulrich Hackenberg (68) und Stefan Knirsch (52).

Dass sie ihren Job verloren haben, wird noch das Geringste sein. Sie verlieren Status, Renommee, "Freunde". Sie werden Ausgestoßene.

Die Volkswagen AG hat Millionen Fahrzeuge mit manipulierten Abgaswerten verkauft, die Staatsanwaltschaft wirft insgesamt rund 70 ehemaligen und aktiven Vorständen und Entwicklungsingenieuren vor, sie seien daran beteiligt gewesen. Die Behörden in Braunschweig, München und Stuttgart ermitteln, ebenso die amerikanische Bundespolizei FBI. Es geht nicht nur um den Dieselbetrug, es geht auch um Kapitalmarktmanipulation, um Falschbeurkundung, Steuerhinterziehung und die Vernichtung von Beweismitteln. Rupert Stadler und Porsches ehemaliger Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz (60) wurden schon über Monate in Untersuchungshaft genommen. Mitte April klagten die Staatsanwälte in Braunschweig nun Winterkorn und andere Manager an.

Die Vorwürfe seien falsch, sagen Winterkorn und Hackenberg. Das sagen auch Stadler, Knirsch, Hatz und die meisten anderen Beschuldigten; und sie belegen ihre Aussagen mit Argumenten, über deren Wert am Ende nur die Gerichte entscheiden können.

Klar ist: Keiner der ehemals Mächtigen hat den Verkauf der manipulierten und damit unsauberen Autos verhindert. Das hat das Unternehmen, Stand Ende 2018, schon 29 Milliarden Euro gekostet.

Dreieinhalb Jahre nach Bekanntwerden der Manipulationen ist die Dieselgeneration für die Öffentlichkeit zu einer Bande von Outlaws geworden. Die Manager fühlen sich als Geächtete, vorverurteilt von einer Welt, für die eine Kombination der Schlagworte Volkswagen, Audi und Diesel einem Schuldspruch gleichkommt.

Es war kein senkrechter Sturz für Leute wie Winterkorn und Stadler. Es ging nur immer weiter abwärts, es hört einfach nicht auf, als versinke ein stolzer VW-Touareg Zentimeter um Zentimeter im Moor. Der Skandal wurde bekannt; Jobs gingen verloren, für manche früh, für andere erst nach fast drei Jahren oder gar nicht. Staatsanwälte und Polizisten durchsuchten Büros und Wohnungen und setzten immer mehr Ingenieure und Manager auf ihre Beschuldigtenlisten. Und mit jedem neuen Schlag verfestigt sich die Gewissheit, dass es aus diesem Sumpf für kaum jemanden ein Entkommen geben wird.

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