Werner Vogels (61) ist Amazons Chief Technology Officer, der oberste Techniker des US-Konzerns. Der gebürtige Niederländer gilt als Architekt des Cloud-Service AWS, der sich zur wichtigsten Gelddruckmaschine der Amerikaner entwickelt hat. Gleichzeitig ist Vogels Amazons Chefvisionär für neue Technologien. Das manager magazin traf ihn am Rande der Techkonferenz DLD Mitte Januar in München.

manager magazin: Herr Vogels, Amazon ist der unumstrittene Marktführer im Cloud-Geschäft. Doch Goldman Sachs hat kürzlich eine Umfrage unter IT-Führungskräften veröffentlicht, nach der große Unternehmen Microsoft bevorzugen. Verlieren Sie den Cloud-Krieg?

Wir sind seit 15 Jahren in diesem Geschäft, machen über 35 Milliarden Dollar Umsatz und wachsen immer noch fast 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Es läuft also ziemlich gut. Wir wussten von Anfang an, dass es kein Winner-Takes-it-All-Markt ist – kein Markt, bei dem ein Unternehmen alles dominiert. Es wird eine Handvoll Unternehmen geben, die auf globaler Ebene im Markt mitmischen. Die Gesamtausgaben für IT belaufen sich auf rund 5 Billionen Dollar. Da gibt es also noch sehr viel Raum zu wachsen. Ich denke, wir können da alle sehr erfolgreiche Geschäfte aufbauen. Es ist kein Krieg – im Gegenteil: Ich wünsche mir, dass unsere Konkurrenten erfolgreich sind.

Das müssen Sie ja sagen.

Wir sind immer noch in einer Phase, in der Fehler eines Unternehmens dazu führen, dass es den ganzen Markt in Misskredit bringt. Beim Onlinehandel ist das übrigens genauso. Wenn da bei einem Händler etwas nicht funktioniert, ist das auch für uns schlecht. Wir müssen nicht versuchen, Ebay Kunden abzujagen – wir sollten eher auf Personen zielen, die noch überhaupt nie etwas online gekauft haben.

Ihre Konkurrenten scheinen das zumindest anders zu sehen. Microsoft-Manager haben wenig subtil angedeutet, dass Sie die von Amazons Konkurrenten in AWS abgelegten Daten nutzen könnten, um Ihre eigenen Geschäfte voranzutreiben.

Ich habe mit der Zeit gelernt, dass es keinen Sinn ergibt, schlecht über Konkurrenten zu reden. Sie brauchen einfach das bessere Produkt.

Der US-Handelsriese Walmart warnt seit Langem vor der Nutzung von AWS.

Viele unserer Konkurrenten laufen auf AWS. Netflix ist sehr zufrieden damit. Zalando beschwert sich auch nicht. Wenn wir Amazon in irgendeiner Weise bevorzugen würden, wäre das unser Ende. Wir schauen uns niemals die Daten der Kunden an. Aber wir gehen noch einen Schritt weiter und sagen allen unseren Kunden, dass sie ihre Daten verschlüsseln sollen. Es ist mir wirklich ein Rätsel, wo diese Idee herkommt, wir würden Amazon erlauben, die Daten der Konkurrenz zu studieren. Das wäre verrückt.

Ist es kein Vorteil für Amazon, dass AWS zum Konzern gehört?

Nein, jedes Unternehmen hat Zugang zur gleichen IT. Egal, ob es sich um einen großen Konzern oder ein kleines Start-up handelt. Es gibt keine Features oder Services unserer Cloud, die nur Amazon oder nur einem anderen Unternehmen zur Verfügung stehen. Amazon, das Handelsunternehmen, ist für AWS nur ein weiterer Kunde. Die IT-Infrastruktur macht im Wettbewerb keinen Unterschied mehr. Entscheidend sind heute andere Sachen, zum Beispiel die Daten. Die sind einzigartig bei jedem Unternehmen. Es geht nicht mehr darum, wer die größte Rechnerfarm besitzt, sondern darum, wer am meisten mit seinen Daten anfangen kann.

Sie kommen aus den Niederlanden. Können Sie nachvollziehen, dass es in Europa Skepsis gibt, seine Geschäftsdaten den US-Konzernen zu überlassen, und dass deswegen zum Beispiel mit Gaia-X die Entwicklung eigener Cloud-Lösungen gefördert wird?  

Ich denke, in dieser Diskussion werden sehr viele Emotionen geschürt, sie basiert nicht unbedingt auf Fakten. Denken Sie daran: Wenn Sie Ihre Daten verschlüsseln, sind Sie der einzige, der Zugang dazu hat. 

Selbst in den USA wächst das Unbehagen über die Macht der Techkonzerne. Amazon steht unter Druck, AWS abzuspalten. Sie haben gerade gesagt, Amazon sei nur ein weiterer Kunde. Liegt es dann nicht auf der Hand, AWS tatsächlich abzutrennen? 

Wir haben absolut keine Pläne, AWS abzuspalten. Und ich denke auch nicht, dass es so einfach wäre. Wir haben eine gemeinsame Personalabteilung und auch die ganzen anderen administrativen Aufgaben sind vermischt. Hinzu kommt, dass es gute Synergien zwischen dem Handelsgeschäft von Amazon und AWS gibt, von denen alle AWS-Kunden profitieren. Mit  Amazon Connect, dem Kundendienstsystem, das ursprünglich für Amazon entwickelt wurde, können AWS-Kunden nun genau die gleiche Produktivität im Kundendienst erreichen. Amazon Personalize ist ein weiteres Beispiel: Das Empfehlungssystem ist ebenfalls aus Amazon hervorgegangen und steht nun allen Kunden zur Verfügung. Es gibt also viele Vorteile aus der Verbundenheit. Nur als Nutzer von AWS behandeln wir Amazon wie jeden anderen Kunden. Es ist ein anspruchsvoller Kunde, um ehrlich zu sein. Aber wir haben sehr viele solcher anspruchsvollen Kunden.

Was uns wundert: Amazon hat all diese Daten – und trotzdem sind die Kaufempfehlungen teilweise merkwürdig daneben. Denken Sie wirklich, dass jemand, der einen Klodeckel gekauft hat, mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Art Klodeckelsammler ist, der ab sofort täglich Klodeckel nachkaufen möchte?

Nein, das liegt daran, dass einige Algorithmen vor Kurzem aufgerufene Produkte stärker gewichten. Bei den Empfehlungen gibt es noch viel zu tun. Manchmal bekomme ich Produkte empfohlen, die ich längst gekauft habe. Dann denke ich mir schon: Hey Guys!

Und dann?

Dann schicke ich schon eine E-Mail an das Team (lacht). Die Wahrheit ist: Wir arbeiten bei den Empfehlungen mit Wahrscheinlichkeiten – es ist nicht perfekt. Und es gibt sehr viele Dinge zu bedenken. Ein Beispiel aus einem anderen Bereich. Bei Amazon Prime Video haben wir uns gewundert: Warum wählen so viele Leute immer den letzten der fünf Filme, der ihnen als Empfehlung angezeigt wird? Die Antwort ist: Sie wählen gar nicht den letzten Film, sondern sie klicken auf den für sie ersten Film. Wenn Sie einen arabischen oder israelischen Hintergrund haben, dann lesen Sie von rechts – selbst wenn Sie auf der amerikanischen Amazon-Seite sind. 

Sie sind Amazons Visionär für neue Technologien. Welche halten Sie für völlig überschätzt?

Bei der Blockchain-Technologie ist viel Hype dabei. Mal abgesehen von dem ganzen Bitcoin-Thema ist das eine Technologie auf der Suche nach einem Problem. Es wurde noch kein Problem gefunden, dass nur mit der Blockchain gelöst werden kann. Stattdessen gibt es da zum Beispiel die Idee, dezentralisiertes Filesharing zu entwickeln. Aber wieso? Das Problem ist gelöst, der Goldstandard ist das Dropbox-Modell: also ein massives zentralisiertes Speichersystem.  Es funktioniert perfekt, und wir wissen genau, wie ein solches Modell konstruiert werden sollte.

Amazon setzt voll auf Sprachtechnologie. Sind da die Ergebnisse im Nutzerverhalten nicht eher enttäuschend? Die meisten Menschen scheinen ihre Sprachlautsprecher doch vor allem dazu zu benutzen, Musik zu abzuspielen und einen Küchen-Timer zu stellen. Klingt nicht nach Revolution.

Die Menschen machen sehr viel mehr damit. Für Alexa gibt es  über 100.000 Skills – die würden nicht programmiert werden, wenn Sie niemand nutzen würde. Alexa wird in Hotels zum Beispiel als Zimmer-assistent eingesetzt, so dass Sie per Sprachbefehl das Licht ausschalten können. Diese Variante für Hotels ist sehr gefragt. Sprachtechnologie kann ganzen Bevölkerungsgruppen den Zugang zum Computer überhaupt erst ermöglichen. Denken Sie an Ihre Großmutter! Wenn Sie Ihrer Großmutter ein iPad geben, kann sie Skype starten und mit Ihnen reden. Aber überlegen Sie, was passiert, wenn Sie sagen kann: Zeige mir die Bilder mit den Enkeln bei unserem Urlaub in Puerto Rico vor zwei Jahren. Das macht dann das ganze Gerät für sie überhaupt erst nutzbar. Deshalb ist Sprachtechnologie so mächtig.

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