Die beiden älteren Herren auf den hinteren Rängen fallen nicht weiter auf. Nur ihre schlichten Anzüge und die grünen Parkas wirken irgendwie deplatziert neben den Roben der feinen Herrschaften, eingeflogen aus aller Welt, um dem Geschehen beizuwohnen, das zweimal im Jahr geboten wird: Haute Couture à Paris, Grand Palais – großes Spektakel, Puls am Anschlag.

Die neuesten Kreationen von Karl Lagerfeld, dem Chanel-Schöpfer, werden präsentiert, vor versilberten Vexierspiegeln, die Fashionistas halten die Luft an. Nach gut 20 Minuten Defilee entlädt sich die Spannung in rasendem Beifall, als der Meister zum Schluss mit seinen Models die Ehrenrunde dreht. Über Dekaden war es das immer gleiche Prozedere, wobei Lagerfeld von Mal zu Mal gebrechlicher wirkte. Im Januar 2019 war er, inzwischen 85 Jahre alt, dann schon gar nicht mehr anwesend.

Nach jener Show vor gut einem Jahr jedoch springen die zwei grauen Männer weiter hinten auf von ihren Sitzen. Sie wollen Lagerfeld hinter der Bühne huldigen. Aber nur einer kommt durch. Dem anderen laufen langbeinige Schöne in die Quere, er bleibt stehen und versperrt einer barocken Kundin die Sicht. Die lässt sich das nicht bieten, schubst den Mann zur Seite. Madame ahnt nicht, wen sie da gerade aus dem Weg geräumt hat: einen der beiden Wertheimer-Brüder. Ihnen gehört Chanel.

Kaum jemand kennt die Geschwister Alain (70) und Gérard (68) Wertheimer. Sie sind diskret bis zum Äußersten. Wird ein neuer Laden eröffnet, kommen sie erst Wochen später zur Besichtigung. Vorher werden dem Personal strenge Verhaltensregeln eingeimpft: "Keiner soll sie mit ihrem Namen ansprechen", so die Chefin einer europäischen Dependance.

Wer bei Chanel antritt, verpflichtet sich dieser Verschwiegenheitskultur. Und er wird das Haus in der Regel nicht mehr verlassen – für immer stolz, Teil der Familie zu sein.

So war es auch bei Karl Lagerfeld. In seiner mehr als 30-jährigen Dienstzeit hat der Modezar den Namen Chanel in einen Mythos verwandelt. "Kundinnen in aller Welt verehren ihn", sagt der auf die Modebranche spezialisierte Berater Franz M. Schmid-Preissler. Nun ist Karl Lagerfeld verstorben – und Chanel steht unter Schock. 

Mit Lagerfeld verliert die Ikone der Haute Couture mehr als nur ihren obersten Designer, sie verliert ihr Gesicht und ihr Herz. "Chanel lebt und stirbt mit Lagerfeld", sagte noch zu Lebzeiten des Schöpfers der Berater Schmid-Preissler. Nun stellt sich die Frage, wie es weitergeht mit dem Unternehmen.

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